Wer in diesem Sommer in der Gemeinde Rügland unterwegs war, dem präsentierte sich in den Fluren ein zunehmend neues Bild. Zu rund 15 Hektar Mohn, die zwischen Getreide- und Maisfeldern zu finden sind, kommen immer mehr Äcker mit Lein hinzu. Das Comeback einer Pflanzenart, auf die die Landbevölkerung früher angewiesen war.
Allerdings gilt das Interesse an den Lein oder Flachs genannten Pflanzen nicht mehr so sehr den in den Stängeln enthaltenen Hanffasern, sondern den Leinsamen. Die Fasern waren früher für Hemden und Bettwäsche in Form von Leinen, für Stricke zum Anspannen der Zugtiere oder für Seile zum Läuten der Kirchenglocken notwendig.
Tobias Niklas und sein Sohn Peter aus Dietenhofen-Frickendorf und Matthias Schuster aus Rügland-Stockheim gehören zu den Pionieren, die seit drei Jahren Lein ansäen. Ein Bäcker, an den Tobias Niklas schon seit einigen Jahren Mohn liefert, fragte nach Lein, um Gebäck zu verfeinern. Das traf sich gut, denn die Landwirte waren wegen der Fruchtfolge ohnehin auf der Suche nach einer weiteren Blühpflanze.
Auf den Höfen von Tobias Niklas und Matthias Schuster wächst nun neben 15 Hektar Mohn auch auf neun Hektar Lein. Dass Leinsamen für die Verdauung gesund sind, wussten die Bauern schon früher. Sie kauften Leinmehl für die Jungtiere oder nahmen bei Verdauungsbeschwerden eingeweichte Leinsamen selbst zu sich beziehungsweise gaben sie auch den Tieren.
Schon vor 6000 Jahren diente Lein oder Flachs in Mitteleuropa und im Nahen Osten zur Faser- und Ölgewinnung. In der Antike und im Mittelalter war Lein auch für seine heilende Wirkung bekannt. Die Ägypter verehrten ihn als Pflanze des Lichts und umwickelten ihre Pharaonen im Grab mit Leintüchern.
Der lateinische Name Linum usitatissimum verweist in seiner wörtlichen Bedeutung auf die vielseitige Verwendung der Pflanze.
Lein als Basis von Leinöl bzw. Leinsamenöl gehört neben Linse, Gerste, Emmer und Einkorn zu den ältesten Kulturpflanzen der Welt. Bereits in der Steinzeit nutzten die Menschen zu Beginn des Ackerbaus die robuste Pflanze.
Doch mit der Einfuhr von Baumwolle und der Verwendung von Kunstfasern in der Textilherstellung war Flachs nicht mehr modern, auch wenn der daraus gewebte Leinen noch – oder auch wieder – seine Liebhaber hat.
Die große Bedeutung des Flachsanbaues war schon dadurch deutlich, dass einst fast in jedem Dorf ein Brechhaus stand. Meist stand es etwas außerhalb des Ortes, denn um die Fasern aus den Stängeln herauszutrennen, war es nötig, die angelieferten Pflanzen zu dörren. Weil dabei zuweilen zu arg nachgeschürt wurde, entstanden Brände, die keinesfalls auf Ortschaften übergreifen durften.
Um die verschiedenen Schritte und die nötigen Gerätschaften der Nachwelt zu erhalten, die nötig waren, um den Flachs zu gewinnen, um daraus Stoffe oder auch Stricke herstellen zu können, hat der Heimverein Flachslanden in seinem Heimatmuseum der Pflanze eine Abteilung gewidmet. In Jahren, in denen im Fränkischen Freilandmuseum in Bad Windsheim genügend Flachs gewachsen ist, hat ein Team des Vereins die Arbeitsabläufe schon wiederholt vorgeführt.
Die Arbeitsschritte beginnen mit dem Riffeln, bei dem die Samenkapseln dadurch gewonnen werden, dass sie durch einen metallenen Kamm gezogen werden. Die Flachsstroh wird dann gedörrt, damit sich der die Fasern umhüllende Leim löst, anschließend werden durch Knicken, Schwingen und Hecheln die Fasern herausgetrennt.
Beim Hecheln wird der Flachs durch immer feiner werdende Nagelbretter gezogen. Der ausgekämmte Abfall wird als Werg bezeichnet und diente Installateuren bei Gewinndeverbindungen als Dichtmaterial. Dieses war als Reisten in einem Zopf zusammengebunden.
Für die Frauen und Mägde galt es dann im Winter und vor allem in den Rockenstuben, den Flachs zu Fäden zu spinnen als Ausgangsmaterial, um wollene Strümpfe oder Pullover zu stricken. Ein großer Teil ging aber an die Weber.
Das gewebte Leinen wurde nun gebleicht, in Flachslanden wurde es von zwei Färbern gefärbt. Man unterschied zwischen Bunt- und Schönfärber sowie den Schwarz-, Schlecht- und Schlichtfärbern.
Auch Evelyn Gillmeister-Geisenhof, die ehemalige Trachtenforscherin des Bezirks Mittelfranken, hat die Pflanze beschäftigt. In einem Buch über die Flachsverarbeitung in Flachslanden schreibt sie, dass in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Weber in der Gemeinde, ebenso wie in vielen anderen Marktflecken und Dörfern, die zahlenmäßig größte Gruppe von Handwerkern stellten. In Flachslanden waren es acht.
So war der Flachsanbau die Basis für eine Reihe von Handwerkern. Dazu gehörten vor allem auch die Seiler. Während manche Bauern die Kälberstricke selbst drehten, blieb die Herstellung anspruchsvollerer Seile, wie von Strängen für das Anspannen von Pferden und Kühen oder gar Seilen für das Festbinden von Heubäumen auf Leiterwägen oder zum Läuten der Kirchglocken, den Seilern vorbehalten. Von denen gab es in Flachslanden zwei.
Doch dies ist weitgehend Geschichte. Den Niedergang beschleunigte die Einfuhr von Sisal als geeigneteren Rohstoff für Bindegarn und auch der technische Fortschritt, weil nun keine Stränge und Seile mehr nötig waren. Noch einen Höhepunkt erlebte die Faserkultur beim Reichsnährstand zu NS-Zeiten, als die Bauern verpflichtet wurden, Flachs anzubauen, der an das Militär abzuliefern war, erinnert man sich in Hainklingen und in Bürglein bei Heilsbronn.
Jetzt, wo der Anbau von Flachs wieder eine Renaissance erlebt, geht es eher um Leinsamen aus kurzstrohigen Sorten. Niklas und Schuster, die auf den Feldern bei Unternbibert Lein anbauen, verkaufen ihre Ernte an Bäcker und den Bäckergroßhandel.
Ein Teil davon geht auch in die eigene Ölmühle, in der Niklas neben Leinöl auch kaltgepresstes Öl aus Mohn, Sonnenblumen und Raps herstellt. Nach Angaben des Pflanzenbauexperten Jürgen Hufnagel am Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Ansbach wurden 2023 in Mittelfranken auf 41 Hektar Öllein und Faserhanf angebaut. Dieses Jahr sind es schon 51 Hektar, davon 23 Hektar im Landkreis Ansbach und 3,9 Hektar im Landkreis Neustadt/Aisch-Bad Windsheim.
Bei einer relativ kurzen Wachstumszeit von 100 bis 110 Tagen ist der Flachs auf eine gute Wasserversorgung mit reichlichen Niederschlägen von April bis Mitte Juni angewiesen. Undurchlässige Tonböden oder solche mit Staunässe mag er ebenso wenig wie trockene Sande.