Lesen ist eine Schlüsselkompetenz. Umso erschreckender, dass immer mehr Kinder es nicht ausreichend beherrschen. Um dem entgegen zu wirken, sind an der Pastorius Grundschule in Bad Windsheim nun Lesepaten im Einsatz.
Initiiert hat das Projekt der Ortsverband des Kinderschutzbundes Bad Windsheim-Rothenburg in Kooperation mit der Bad Windsheimer „begegnungs.werk.stadt“. Die Lesepaten, die sich bislang engagieren, arbeiten ehrenamtlich und sind allesamt bereits in Rente. Kürzlich stellten sie sich bei einem Schulfest der Schulfamilie vor. Dessen Motto: „Lesen heißt auf Wolken liegen“.
Auch an früheren Wirkungsstätten von Schulleiterin Andrea Zander habe es teils Lesepaten gegeben, umso mehr freute sie der Vorschlag des Kinderschutzbundes. Denn im normalen Schulalltag sei oft schlichtweg zu wenig Zeit zum Lesen. Unterstützung finden die Verantwortlichen zudem bei den Eltern, dem Elternbeirat und der Buchhandlung Dorn.
„Lesen ist existenziell wichtig“
Die Leseförderung haben sich viele Ortsverbände des Kinderschutzbundes auf die Fahne geschrieben, erzählt die Bad Windsheimer Vorsitzende Gisela Heusinger-Herz. Ergebnisse der jüngsten IGLU-Studie (Internationale Grundschule Lese Untersuchung) offenbarten, dass 25 Prozent der Kinder in der vierten Klasse nur die untersten beiden Kompetenzstufen im Lesen erreichen. Im Jahr 2016 waren es noch 19 Prozent. „Das Ergebnis ist eine Katastrophe“, sagt Gisela Heusinger-Herz. „Lesen ist existenziell wichtig.“ Die Leseförderung sei laut Gisela Heusinger-Herz eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Deshalb liege ihr viel daran das Thema auch in hier anzupacken.
Zu den Lesepaten gehören in Bad Windsheim derzeit Herbert Giotti, Martha Häußer, Uta Gampe, Birgit Woelk-Braune, Ulrike Auth, Gertraud Schneider und Maria Beck. Ein Teil von ihnen engagiert sich in der „begegnungs.werk.stadt“. Jeden Mittwoch geht es für die Paten nun in die Pastorius Grundschule. „Jeder hat seine eigene Klasse“, erklärt Heusinger-Herz. Das sei nicht selbstverständlich, sagt Andrea Zander. So baue sich eine richtige „Beziehungsebene“ zwischen Paten und Kindern auf. Sie lernen sich ganz anders kennen, tauschen sich über Erlebnisse aus. „Ich muss nicht lesen, sondern ich darf da jetzt hin“, das ist die Einstellung, die sich entwickeln soll, erklärt die Schulleiterin.
Ein bis zwei Kinder werden stets von der Klasse separiert, die Lehrkraft erzählt dem Lesepaten etwas zu dem Schüler und dann geht es auch schon los. Jedes Mal sind andere Kinder an der Reihe. Nicht nur die Schüler, die sich schwer tun, sollen zum Zug kommen. Auch die guten Leser sollen die Chance bekommen, ihr Können zu zeigen. Gelesen wird meist rund zehn Minuten, dann lasse bei vielen einfach die Konzentration schon nach.
Teils lesen die Paten vor, der Fokus liege aber vor allem darauf, dass die Kinder laut vorlesen. „Sobald sie lesen können, sollten sie das eigentlich einmal am Tag laut tun“, sagt Gisela Heusinger-Herz. Doch auch zuhause fehle oft die Zeit dafür.
Lesen sei eine Übungssache. Immer wieder hören die Paten Sätze wie: „Alleine les ich viel schneller. Laut ist schwieriger.“ Zur Verfügung steht den Lesepaten zudem ein so genanntes „Kamishibai“, ein Bühnenmodell aus Holz für das angeleitete gesellige Erzählen, in dem eine kindorientierte Geschichte in szenischer Abfolge von Bildern präsentiert wird. „Ähnlich wie ein Bilderbuch“, sagt Gisela Heusinger-Herz.
Die Hemmschwelle beim Lesen sei bei jedem Schüler individuell. Durch die 1:1 Betreuung fühlen sich manche aber sicherer, trauen sich eher, da sie nicht fürchten müssen, sich vor der Klasse zu blamieren. Es sei lockerer als im normalen Unterricht. Wichtig ist den Paten, den Spaß am Lesen zu vermitteln und förderlich ist natürlich auch, dass allesamt selbst gerne zum Buch greifen oder auch vorlesen. Maria Beck beschäftige sich außerdem einfach gern mit Kindern. Außerdem freue es die Paten, wenn sie etwas beitragen und dieses wichtige Thema mit fördern können. Durch das Projekt will Gertraud Schneider den Kindern Fantasie nahe bringen und sie für andere Welten begeistern.
Für Andrea Zander ist es indes überhaupt nicht selbstverständlich, dass die Paten sich wöchentlich Zeit freischaufeln. Doch auch für sie sei das Projekt ein Mehrwert, findet die Schulleiterin. Sie merkten: Schule ist jetzt anders als damals, als sie selbst noch Schüler waren.
Anfang April hatte man mit dem Projekt Lesepaten an der Pastorius Grundschule in Bad Windsheim begonnen. Gisela Heusinger-Herz ist gewillt, es im nächsten Schuljahr mit ihrem Team weiterzuführen. Dafür wird Verstärkung gesucht. Für eine Ausweitung der Projekts auf andere Schulen sei man grundsätzlich offen, nun wolle man aber erstmal hier richtig durchstarten.
Dazu gehören für Gisela Heusinger-Herz auch Schulungen für die Lesepaten. Ein Referent soll beispielsweise Methoden oder Theoretisches zum Leselernprozess vermitteln. Der berufliche Hintergrund der Ehrenamtlichen sei nämlich durchweg verschieden. „Damit wir das noch professioneller machen können.“