Es braucht Mut, sich zu den eigenen Abgründen zu bekennen. „Wenn ich nur eine Person zum Nachdenken oder zur Umkehr bringe, dann hat sich dies gelohnt“, sagt Carlo Grasser. Seine Lebensgeschichte ist Teil einer Ausstellung über Sucht, die derzeit im evangelischen Gemeindezentrum zu sehen ist.
Carlo Grasser lebt in Diespeck. Seit neun Jahren ist er abstinent. Geholfen hat ihm eine Selbsthilfegruppe des Blauen Kreuzes und sein Glaube. Seine Mutter wurde von einem amerikanischen GI vergewaltigt.
Carlo Grasser wuchs im Waisenhaus auf, seine Jugend war eine Spirale aus Gewalt und Ausgrenzung, die er wegen seiner schwarzen Hautfarbe erfuhr. Alkohol war sein Begleiter. Ein dickes Seil mit Stationen seines Lebens lädt ein, sich auf seine Geschichte einzulassen, die eine positive Wendung genommen hat, wie er im Interview mit Ausstellungsmacher Jürgen Ungerer berichtet.
„In nicht abstinenten Phasen meines Lebens hätte ich solche Orte umgangen“, gab Ungerer bei der Eröffnung zu. Eine Selbsthilfegruppe half ihm, heute ist der Markt Erlbacher selbst Ansprechpartner für Belange von Selbsthilfegruppen und erster Vorsitzender des Ortsvereins Neustadt im Regionalverein „Main-Aisch“ des Blauen Kreuzes.
Mit der Ausstellung will Jürgen Ungerer das Thema begreifbar machen, unterstützt wurde er von der Caritas in Neustadt und Mitstreitern. „Wir als Betroffene sollen selbstsicherer werden“. An diesem Ziel arbeite er täglich.
„Ich habe süchtige Anteile“, bekannte Ungerer. Aber: „Jeder von uns hat auch seine Qualitäten“. Die Ausstellung soll auch zeigen, was Selbsthilfe über den Stuhlkreis hinaus leisten kann. Interaktive Installationen laden zum Dialog ein. Alkohol ist das Hauptthema, doch auch andere Suchtkrankheiten, wie Spiel-, Tabletten- oder Rauschmittelsucht kommen zur Sprache.
„Sucht ist auch immer eine Sehnsucht“, brachte es die Neustädter Pfarrerin und Seelsorgerin Ruth Neufeld auf den Punkt. Die Ausstellung bietet eine Gelegenheit nachzuspüren, welche verborgenen Sehnsüchte jeder selbst in sich trägt.
CSU-Landtagsabgeordneter Werner Stieglitz bekannte, dass es oft schwer sei, ohne erhobenen Zeigefinger über diese Themen zu sprechen. „Hier kommen aber die Betroffenen selbst zu Wort“, lobte er.
Es gebe keinen risikofreien Genuss von Alkohol, zitierte Landrat Christian von Dobschütz die Deutsche Gesellschaft für Ernährung und verwies auf den Spagat, den die Gesellschaft leisten muss. Er selbst sei am Morgen bei der Eröffnung eines Dämmerschoppens gewesen und jetzt am Nachmittag bei der Ausstellung zum Thema Sucht.
„Der verantwortungsvolle Umgang ist oft ein schmaler Grat“, so von Dobschütz. Umso wichtiger sei die Prävention, vor allem bei Kindern und Jugendlichen. 74.000 Todesfälle gebe es in Deutschland jährlich wegen Alkoholmissbrauchs, hatte Neustadts Bürgermeister Klaus Meier Zahlen parat. Wichtig sei es, die hinter der Abhängigkeit liegenden Gründe zu erkennen, so Meier.
Begleitet wird die Ausstellung von einem Programm: Am Mittwoch, 28. August, ab 15 Uhr informiert Magdalena Scherer vom Gesundheitsamt in einem Workshop über den Umgang mit Cannabis. Um 18 Uhr wird ein Film zum Thema Sucht mit anschließender Diskussion gezeigt.
Am Donnerstag, 29. August, spielt ab 19 Uhr die Band „Soundtrack des Lebens“, eine Blau-Kreuz-Band aus Nürnberg. Der Musikabend wird mit literarischen Texten ergänzt. Am Freitag, 30. August, schließt die Schau mit einer Podiumsdiskussion um 17 Uhr zum Thema „Suchtrepublik Deutschland?“.
Die Schau ist bis einschließlich Samstag, 30. August, täglich von 14 bis 21 Uhr geöffnet. Für Rückfragen zur Ausstellung steht Jürgen Ungerer unter juergen.ungerer@blaues-kreuz-bayern.de zur Verfügung.