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Veröffentlicht am 29.12.2023 11:27

Internationale Helfer: Onur Derin will ein Team für Ergersheim

Onur Derin (links) versucht, in Deutschland Fuß zu fassen, Bürgermeister Dieter Springmann sieht die Chancen für die heimischen Betriebe. (Foto: Andreas Reum)
Onur Derin (links) versucht, in Deutschland Fuß zu fassen, Bürgermeister Dieter Springmann sieht die Chancen für die heimischen Betriebe. (Foto: Andreas Reum)
Onur Derin (links) versucht, in Deutschland Fuß zu fassen, Bürgermeister Dieter Springmann sieht die Chancen für die heimischen Betriebe. (Foto: Andreas Reum)

Es ist vorbei mit dem Team4Scheinfeld, doch für Onur Derin wird es für immer bleiben. Mit anpacken, seinem Nächsten helfen, das gehört für den Mittdreißiger ohnehin zu seiner Lebensphilosophie. Der Teamgeist könnte vielleicht andernorts Früchte tragen.

Derin lässt die Geschichte noch einmal Revue passieren. In Istanbul hatte er einen guten Job und eine gute Wohnung. Die Türkei, so räumt der vormals auch politisch aktive Derin ein, sei allgemein wohl schon ein sicherer Staat – sofern es die Obrigkeit nicht auf einen abgesehen hat. Er flüchtete nach Deutschland.

Im April wurde Derin mit einer Gruppe von Leidensgenossen von seiner Zwischenstation Nürnberg-Eibach in die Scheinfelder Notunterkunft (NUK) verlegt. In Eibach gab es wenigstens (Gemeinschafts-)Zimmer, in Scheinfeld lediglich die riesige Discounter-Halle für – damals (es wurden später noch mehr) – fast 200 Menschen in durch Bauzäune getrennten Parzellen.

„Das war ein Schock für mich“, sagt er, „die Situation in der NUK war schrecklich.“ Er brauchte ein paar Tage, um die Lage zu verstehen. Dann hat er versucht, sich mit einigen Mitbetroffenen zu organisieren. Und er schrieb Briefe. Etwa an die Vereinten Nationen, wie unwürdig die Unterbringung in diesem Camp sei.

Gemeinsam lernen, gemeinsam helfen

Derin krempelte die Ärmel hoch. Seine Kumpels und er gründeten eine Deutsch-Lerngruppe. Sie übten die Sprache gemeinsam in einem Diakonie-Raum, den sie nicht nur ordentlich hielten, sondern dort sogar Dinge reinigten, die sie gar nicht benutzt hatten. Das fand auch der Scheinfelder Helferkreis lobenswert, lud Derin ein, das mal in einer Präsentation auch Bürgermeister Claus Seifert vorzustellen.

Dem Treffen mit dem Stadtoberhaupt folgten ein zweites und im Juni die Idee, die Reinigungsdienste auch andernorts anzubieten. Die Geburtsstunde des Teams4Scheinfeld. Zunächst gab es ein Reinemachen entlang der Strecken, die die NUK-Bewohner hauptsächlich nutzen: auf dem Weg nach Markt Bibart und an der Nürnberger Straße bis zum Supermarkt am Verkehrskreisel. Später kamen noch weitere Putz- und Gartenarbeiten hinzu: beim Burgambacher Bruderkreis, am Friedhof und beim Seniorenheim.

Seinen Leuten hat Derin im Übrigen gesagt, sie machen das nicht wegen Scheinfeld oder Deutschland, sondern für ihr Selbstwertgefühl und für die Umwelt, die schließlich nicht einem Staat gehört, sondern unter der menschlichen Verantwortung steht. Ihre Tätigkeit hatte nach Derins Eindruck auch einen atmosphärischen Effekt. Nun wurden sie in Scheinfeld auf der Straße gegrüßt. 29 Leute aus sieben Nationen waren insgesamt in dem Team, bilanziert Derin. Mit so gut wie allen steht er nach wie vor in Kontakt.

Einige kamen zu Mekra Lang

In der zweiten Augusthälfte war dann Schluss. Einige vom Team4 Scheinfeld wurden wieder woandershin verlegt, andere abgeschoben, sagt Derin. Ein paar aber konnten, wenn auch mit einigen bürokratischen Mühen, in eine Arbeitsstelle vermittelt werden. Beim Ergersheimer Automobilzulieferer Mekra Lang kamen zunächst vier aus dem Team unter, wenig später auch Onur Derin.

Zwischen Ergersheim und Scheinfeld liegen rund 30 Straßenkilometer. Die Firma, so erklärt Bürgermeister Dieter Springmann, hat am Standort etwa 1700 Mitarbeiter – bei nur ein paar Hundert Einwohnern im Dorf. Nicht nur Facharbeiter seien gefragt, sondern ganz allgemein Arbeitskräfte – ein Umstand, der noch nicht allzu tief ins allgemeine Bewusstsein vorgedrungen ist.

Die Gemeinde kümmerte sich um eine Unterbringung in einem alten Haus, damit die Männer aus der NUK eine Chance hatten, die Arbeitsstellen auch tatsächlich anzutreten. Denn formal, so deutet Springmann an, gehört das Ergersheimer Quintett immer noch zur Scheinfelder Notunterkunft, und sie müssen sich dort regelmäßig sehen lassen, um nicht als abgängig und damit als gesucht zu gelten.

Dieser etwas absurd anmutende Zustand ist freilich nicht die einzige Widrigkeit. So genau kann es Springmann zum Beispiel nicht nachvollziehen, warum ein ausländischer Führerschein in Deutschland für ein halbes Jahr taugt und dann schlagartig seine Gültigkeit verliert.

Für die Ergersheimer Flüchtlinge bedeutet das, dass sie auf den auch dort recht dünnen Öffentlichen Personennahverkehr angewiesen sind. Das NEA-Mobil hat das Quintett für sich schon ein Stück weit entdeckt. Das Mitfahrerbänkchen, das es in Ergersheim ebenfalls gibt, funktioniert hauptsächlich mit Leuten, die sich kennen, so die Erfahrungen des Bürgermeisters..

Bürgerliche Normalität

In den vier Bürgerversammlungen für die vier Ergersheimer Ortsteile, hat das Gemeindeoberhaupt die neuen Mitbewohner vorgestellt: Sie arbeiten, verdienen Geld und zahlen Steuern, pflegen ihre Unterkunft und trennen ihren Müll. Er sei auch schon aus der Bürgerschaft angesprochen worden, dass die Neuen ja sogar die Fenster putzten, merkt Springmann an. Was die fünf sich nun noch wünschen, sind persönliche Kontakte, Gesellschaft, Freundschaften.

Wie werden sich der Job und das Leben für die Wohngemeinschaft weiter entwickeln? Was wird aus Derins beruflichen Karriereträumen? Klar ist nur, dass all dies nicht ganz so planbar ist, wie es wohl bei einem deutschen Staatsbürger normalerweise der Fall wäre.

Was sich Derin aber vorstellen kann, vielleicht im Frühjahr, wenn es das Wetter zulässt, ist ein „Team4Ergersheim“. Denn davon ist Derin überzeugt: „Wenn du einem Menschen hilfst, berührst du sein Herz.“

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