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Veröffentlicht am 15.05.2026 00:07

Ja, nein, vielleicht? Wie finde ich raus, ob ich Kinder will

Wenn man über die Kinderfrage nachdenkt, hilft es, sich ein Bild mit und ohne Kind auszumalen. Welche Emotionen löst das jeweils aus? Bin ich freudig erregt oder wird mir schwer ums Herz?    (Foto: Christin Klose/dpa-tmn)
Wenn man über die Kinderfrage nachdenkt, hilft es, sich ein Bild mit und ohne Kind auszumalen. Welche Emotionen löst das jeweils aus? Bin ich freudig erregt oder wird mir schwer ums Herz? (Foto: Christin Klose/dpa-tmn)
Wenn man über die Kinderfrage nachdenkt, hilft es, sich ein Bild mit und ohne Kind auszumalen. Welche Emotionen löst das jeweils aus? Bin ich freudig erregt oder wird mir schwer ums Herz? (Foto: Christin Klose/dpa-tmn)

Soll ich? Oder soll ich nicht? Diese Fragen rund um einen möglichen Kinderwunsch standen früher oft weniger im Vordergrund. Für viele Menschen war klar: Sie werden spätestens in ihren 30ern Eltern.

„Der Kinderwunsch, wie wir ihn heute kennen, ist ein sehr junges Phänomen. Früher brauchte man keinen Kinderwunsch, eine Familiengründung gehörte zur Normalbiographie“, erklärt der Soziologe Peter Hofmann von der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. Doch das frühere Idealbild von der Familie im Eigenheim mit Garten wird mittlerweile von vielen Menschen hinterfragt.

Laut Statistischem Bundesamt ist die Zahl der Familien mit Kindern seit den 1990er Jahren rückläufig. So gab es im Jahr 2023 etwa 12 Millionen Familien in Deutschland, 1996 waren es noch rund 13,2 Millionen. Das entspricht einem Rückgang von knapp 10 Prozent. 

Zudem zeigen die Zahlen, dass Familien in einem späteren Lebensalter gegründet werden. So war zum Beispiel jede dritte Frau, die Anfang der 1970er Jahre geboren wurde, im Alter von 25 Jahren bereits Mutter. Bei den Frauen, die Ende der 1980er Jahre auf die Welt kamen, lag der entsprechende Anteil lediglich bei 20 Prozent.

Die Qual der Wahl

Die Gründe hierfür sind vielfältig. „Wir haben heute mehr Freiheit“, nennt Hofmann eine der Hauptursachen. „Und dadurch mehr Entscheidungszwänge.“ Ein Lebensweg ist von der Gesellschaft nicht mehr so strikt vorgezeichnet wie noch vor wenigen Jahrzehnten, heute gibt es die Wahl.

„In emanzipierten Gesellschaften entscheiden die Frauen, ob und wann sie ein Kind haben und mit wem. Sie sind an der Macht“, sagt die Soziologie-Professorin Claudia Rahnfeld, die an der Hochschule Gera-Eisenach lehrt. 

Denn den Frauen ist sehr bewusst, dass ein Kind sie ihre Karriere kosten kann. So arbeiten Mütter viel häufiger in einem Teilzeit-Job als Väter. Jede zweite Frau kann nicht dauerhaft von ihrem eigenen Einkommen leben, so eine Studie des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) aus dem Jahr 2025. Auf die Karriere der Väter hat ein Kind dagegen in der Regel deutlich weniger Einfluss.

Heute wird auch immer offener darüber gesprochen und geschrieben, dass eine Familie kein Heilversprechen für ein glückliches Leben ist und Kinder nicht nur Glück bedeuten. Sondern auch Mühe, Zeit, Geld und viele Einschränkungen.

Und: Es gibt heute Lebensmodelle abseits der üblichen Familienkonstellation, die vielleicht besser zur jeweiligen Persönlichkeit passen. Dabei kann diese Auswahl an Lebensmodellen auch zur Qual werden - und mündet in Fragen wie: Will ich überhaupt ein Kind? Wenn ja, in welchem Alter? Mit welchem Partner? Und: Brauche ich dafür überhaupt einen Partner?

Statt Checkliste: So funktioniert das „In-sich-hineinhorchen“ 

Antworten auf solche Fragen zu finden, ist oft nicht leicht. Anna Schmutte, systemische Einzel- und Paartherapeutin in Berlin, hilft als Kinderfrage-Coach in ihrem Programm „Maybe Baby“ Einzelpersonen oder Paaren zu einer individuellen Entscheidung zu gelangen. Wer jetzt denkt, dass man einfach eine Checkliste abhaken muss und so eine Antwort bekommt, liegt allerdings falsch.

Schmutte empfiehlt, mit einer Art Kopf-Herz-Bauch-Methode in sich selbst hineinzuhorchen, also seinen Kopf als rationalen Anteil, sein Bauchgefühl und auch sein Herz nach seinem Wunsch zu befragen. „Zu Beginn gilt es herauszufinden, ob man bereits eine Tendenz hat. Die wird sichtbarer, wenn man sich gedanklich ein Bild ausmalt, wie ein kinderfreies Leben aussieht. Oder was für Emotionen und Gefühle aufkommen, wenn ich mir ein Leben mit Kind vorstelle.“

Fühle ich mich freudig-aufgeregt oder beklemmend-schwer? 

Auch körperliche Empfindungen spielen beim Nachdenken eine Rolle, um sich selbst auf die Schliche zu kommen. Schmutte: „Fühle ich mich etwa leicht, neugierig und aufgeregt, wenn ich mir vorstelle, dass ich Mutter oder Vater werde? Bin ich dabei sogar freudig-energetisch? Oder fühle ich eher etwas Beklemmendes oder eine Schwere in mir? Welche Aspekte machen mir vielleicht Angst?“ 

Hat man zum Beispiel eine Tendenz zu Kindern ergründet, könne man an seinen Ängsten arbeiten, die einen noch davon abhalten. Das Gleiche gilt auch für die Tendenz zu einem kinderfreien Leben.

So coacht Anna Schmutte etwa gerade ein Paar, das sich sehr gut vorstellen kann, eine Familie zu gründen. „Aber speziell bei der Frau gibt es die Angst, dass sie das bereuen könnte, wenn sie sich dann mit Kind nicht mehr so frei fühlt, einfach die Dinge zu tun, auf die sie Lust hat.“ Das Paar habe dann darüber gesprochen, wie sie sich das gegenseitig ermöglichen können, berichtet die Therapeutin aus ihrer Arbeit. Das habe die Angst ein Stück weit genommen.

Überraschend häufig: Angst vor der falschen Entscheidung 

Die Angst, die Entscheidung für ein Kind zu bereuen, kommt laut Schmutte bei unsicheren Paaren, aber auch bei Einzelpersonen, sehr häufig zur Sprache. Doch wie kann man Reue vorbeugen? „Man sollte die Gründe für die Entscheidung in seinem Bewusstsein verankern. Dann kann man sich später auch auf diese Gründe berufen und die Momente der Reue relativieren“, so Schmutte.

„Reue ist ja auch ein Gefühl, das für einen Moment aufsteigen und wieder vergehen kann. Es muss nicht so absolut sein, dass man dann plötzlich mit 50 erkennt: 'Oh, ich habe mein Leben verpfuscht und jetzt werde ich nie wieder glücklich'“, erklärt die Therapeutin. 

Auch für den Fall, dass man sich gegen Kinder entscheidet, kann man lernen, mit dem Gefühl umzugehen. Dass Reue als künftig zu erwartendes Szenario immer wieder drohend über Frauen schwebt, die sich gegen ein Kind entscheiden, werde ohnehin meist von außen suggeriert, so Schmutte.

Wer tatsächlich von späterer Reue gepackt wird, sollte sich die Vorzüge eines kinderfreien Lebens sowie die Beweggründe für die Entscheidung in Erinnerung rufen. 

Auch hier lässt sich vorbeugen: „Man sollte Kontakt halten mit Menschen, die ähnliche Entscheidungen getroffen haben. Es hilft schon, wenn man nicht der einzige weit und breit ist in einem Freundeskreis voller Menschen, die Eltern sind“, sagt Schmutte. Sich bewusst Leute zu suchen, wo man andocken kann, gäbe einem auch ein Stück weit das Gefühl: „Ja klar, wir leben auch so und das ist vollkommen in Ordnung so.“ 

Bin ich gut genug?

Und noch eine Frage stellt sich bei der Entscheidung für oder gegen ein Kind: Wäre ich überhaupt eine gute Mutter oder ein guter Vater? „Man macht sich viel mehr Gedanken darüber als früher. Das ist auf der einen Seite gut, aber vielleicht überdenkt man das heute zu sehr“, so Soziologin Rahnfeld.

Dabei hätten Frauen und Männer unterschiedliche Bedenken. Frauen sorgen sich meist um ihre Freiheit - und die Männer um die Finanzen. Sie sehen sich in der Regel immer noch als den Versorger der Familie. Und sie sind diejenigen, die bei der Frage nach einem Kind eher schwanken als die Frauen.

„Das ist dann eine Frage des Verhandelns“, so Soziologe Peter Hofmann über die Paare, bei denen ein Part Kinder möchte und der andere sich unsicher ist. So könnte etwa vereinbart werden, dass sich der Elternteil mit dem sicheren Kinderwunsch hauptsächlich um das Baby kümmern wird.

© dpa-infocom, dpa:260514-930-81598/1


Von dpa
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