Klinik-Personal überrascht Patienten: Diese Aktion rührt zu Tränen | FLZ.de | Stage

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Veröffentlicht am 21.12.2023 15:45

Klinik-Personal überrascht Patienten: Diese Aktion rührt zu Tränen

Die „strickenden Biester“ der Kiliani-Kinik und ihre Helfer zeigen die Glückswürmchen, die sie ihren Patienten geschenkt haben (hinten, von links): Kathrin Müller, Martin Vitzithum, Manu Schneppat, Malgorzata Schuster, und Rosi Kreitlein, sowie (vorne, von links): Felicitas Limberger, Heidi Leibner und Andrea Mend. (Foto: K. Merklein)
Die „strickenden Biester“ der Kiliani-Kinik und ihre Helfer zeigen die Glückswürmchen, die sie ihren Patienten geschenkt haben (hinten, von links): Kathrin Müller, Martin Vitzithum, Manu Schneppat, Malgorzata Schuster, und Rosi Kreitlein, sowie (vorne, von links): Felicitas Limberger, Heidi Leibner und Andrea Mend. (Foto: K. Merklein)
Die „strickenden Biester“ der Kiliani-Kinik und ihre Helfer zeigen die Glückswürmchen, die sie ihren Patienten geschenkt haben (hinten, von links): Kathrin Müller, Martin Vitzithum, Manu Schneppat, Malgorzata Schuster, und Rosi Kreitlein, sowie (vorne, von links): Felicitas Limberger, Heidi Leibner und Andrea Mend. (Foto: K. Merklein)

Weihnachten ist die Zeit der Nächstenliebe. Menschen, denen es nicht so gut geht, zu zeigen, dass jemand an sie denkt, das war die Idee der „strickenden Biester“, einer Gruppe Krankenschwestern der Bad Windsheimer Kiliani-Klinik. Für ihre Patienten tauschten sie Strick- gegen Häkelnadeln und stellten in vielen Stunden Glückswürmchen zum Fest her.

Gerd Erfurth umarmt Schwester Kathrin, drückt sie fest an sich und gibt ihr einen sanften Kuss auf die Wange. Seine Augen glänzen vor Freude. Kathrin Müller hatte ihm beim zufälligen Aufeinandertreffen in der Cafeteria der Reha-Klinik einen bunten Glückswurm in die Hand gedrückt. Eigentlich hat sie heute frei, die Zeit nimmt sie sich aber gern. Auch in ihren Augen sammeln sich Tränen. So groß ist ihre Freude, Gerd Erfurth ein Lächeln ins Gesicht gezaubert zu haben.

Der Rentner aus Vellberg bei Schwäbisch Hall leidet an einer Autoimmunkrankheit, hatte bereits im vergangenen Jahr sieben Monate in der Kiliani-Klinik verbracht. „Unser Zimmer 256, da bleiben alle lange drin“, sagt Kathrin Müller. Sie kennt ihre Patienten. Die 58-Jährige weiß genau, was auf den drei Fotos in Erfurths Spint abgebildet ist: Seine „drei Wünsche“. Die will er sich gerne noch erfüllen, wieder Harley fahren, tauchen und fliegen.

Tröstende Worte vom Team

Die Glückswürmchen heißen auch Sorgenwürmchen und sind gerade ein richtiger Hype in den sozialen Medien. Dort ist Kathrin Müller darauf gestoßen. An den gehäkelten Würmchen, die sich kringeln und die eine mit Augen, Mund und Bäckchen bemalte Holzkugel als Kopf sowie ein Mützchen haben, hängt eine kleine Karte mit einer tröstenden Botschaft.

Gerd Erfurth hat seine Brille nicht dabei, er war auf dem Weg zum Bad, als er Schwester Kathrin traf. Sie liest es ihm vor: „Leider geht’s dir grad nicht so gut, doch verliere nicht den Mut. Das Glückswürmchen, so winzig klein, möchte dein Begleiter sein. Alle Ängste und Sorgen wird es fressen und dein Schmerz ist bald vergessen.“ Gerd Erfurth freut sich: „Eine richtig schöne Geste.“

Beim Stammtisch der strickenden Biester, so nennen sich Kathrin Müller und ihre vier Kolleginnen Felicitas Limberger, Manu Schneppat, Juliane Leps und Monika Dotterweich hat Müller von den Würmchen erzählt. Alle waren begeistert. „Eigentlich wollten wir das für unsere Stationen machen“, erzählt Manu Schneppat, „es hat so schnell die Runde gemacht, dass wir immer mehr wurden.“ Etwa 20 Schwestern waren es, die alle fleißig Masche an Masche hefteten, Wollreste verhäkelten, aber auch Knäuel nachkaufen mussten. „Kathrin hat uns alle angesteckt“, sagt Schneppat.

Großer Zusammenhalt bei der Aktion

„Da hast du eine Kollegin, die du eigentlich nur vom Sehen kennst am Gang getroffen und sie fragt: Na, wie viele hast du schon?“ Manu Schneppat erzählt von einem unglaublichen Zusammenhalt, einer Vorfreude darauf, den Patienten eine Freude zu machen. Die, die nicht häkelten, boten an, bei den Kärtchen zu helfen, die an jedem Würmchen hängen, oder stellten Wolle zur Verfügung. „Da kommt Sonne ins Haus, so macht arbeiten Spaß“, sagt Schneppat.

Für alle 250 Patienten, die über die Feiertage in der Klinik sind, waren pünktlich zum Dritten Advent die Glückswürmchen fertig. Manche übergaben die Schwestern direkt, die meisten hingen an den Türklinken der Zimmer.

Manu Schneppat hofft, dass sich Patienten durch die Würmchen finden, ins Gespräch miteinander kommen. Oft habe sie in der Weihnachtszeit und gerade auch am Heiligen Abend beobachtet, wie Patienten vergeblich auf Angehörige gewartet haben. „Kinder, Enkel, sie haben alle immer weniger Zeit. Die Einsamkeit in Deutschland wird immer größer. Wenn man dann mit so etwas Kleinem Großes bewirken kann, dann ist das doch schön.“

Müller hofft, Gedankengänge loszutreten, „vielleicht löst sich mancher Kummer auch in Luft auf.“ Schneppat erzählt von einer Patientin, der sie ihr Würmchen bereits geschenkt hat. Deren Freundin hatte kurz vorher ein Sternenkind geboren, das habe sie so mitgenommen. Sie habe ihr gesagt, dass das Würmchen ihr geholfen habe.


„Ich bin absolut geflasht, berührt, gerührt.“

Martin Vitzithum, Klinikdirektor

„Ich bin absolut geflasht, berührt, gerührt“, sagt Klinikdirektor Martin Vitzithum, der ebenfalls glasige Augen bekommt. Es sei eine großartige Aktion, und auch gegenüber dem Träger, der Dr.-Becker-Gruppe eine „tolle Geste“. Vitzithum wurde von seinen Schwestern mit der Aktion überrascht, natürlich bekam er auch ein Würmchen geschenkt – senfgelb. „So, wie er gekommen ist, im senfgelben Anzug“, erinnert sich Andrea Mend an Vitzithums ersten Arbeitstag im Juni diesen Jahres. „Der Chef braucht auch ein bisschen Glück, bei so vielen Weibern“, sagt Kathrin Müller und lacht.

Gescherzt wurde generell viel beim Häkeln. Welches Würmchen passt zu wem, oder wer sieht welchem Wurm ähnlich. Mit Humor könne man schon viel bewirken, sagt Schneppat, die eine Weihnachtsmütze trägt. Schon allein eine solche Kopfbedeckung mache etwas aus. Da stünden nicht gleich die Probleme im Vordergrund, sondern man scherze miteinander. „Glückliche Patienten können wir nicht planen, manchmal machen wir uns zum Affen, wenn das aber hilft, dann machen wir das gern“, sagt Schneppat.

Für die Patienten, die nur liegen können, nicht viel mitbekommen, haben die Schwestern etwas größere Glückswürmer gefertigt. Die Haptik erinnere laut Kathrin Müller an die Nabelschnur im Mutterleib, das könne unterbewusst zum Wohlbefinden beitragen. Während sie abends am Sofa Würmchen häkelte, habe sie ihren Mann beobachten können, wie dieser Würmchen in seiner Hand drehte. Seit Sonntag können das auch die Patienten der Kiliani-Klinik und vielleicht fühlen sie sich an Weihnachten dann ein bisschen weniger allein.


Katrin Merklein
Katrin Merklein
Redakteurin
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