Wo ist bei der Generalsanierung der Leutershäuser Kläranlage das Geld versickert? Nachdem in der Bürgerversammlung im vergangenen November eine drastische Kostensteigerung bekanntgeworden war, bemühte sich das Kommunalunternehmen (KUL) nun um Aufklärung. Inzwischen geht man von Gesamtkosten von 13,9 Millionen Euro aus.
War im Spätherbst noch von 14,3 Millionen Euro die Rede gewesen, nannte Marcus Stieber vom KUL nun die um 400.000 Euro niedrigere Gesamtsumme inklusive Baunebenkosten. Zum Vergleich: Im Jahr 2019 hatte die Schätzung in der Genehmigungsplanung bei knapp zehn Millionen Euro gelegen. Ausführlich erläuterten Stieber und Philipp Gack vom Pforzheimer Büro Weber Ingenieure fast zwei Stunden lang, weshalb die Ursprungsprognose nun so massiv überschritten wird.
Die Mehrkosten werden die Leutershäuser im Geldbeutel spüren, denn die Bausumme wird zum größten Teil über Verbesserungsbeiträge auf die Angeschlossenen umgelegt. Im KUL-Verwaltungsrat wird nun überlegt, wo man an dem bereits weit fortgeschrittenen Projekt noch sparen kann. Die Tiefbau- und Betonarbeiten im ersten Abschnitt sind laut Stieber „so gut wie abgeschlossen“, Maschinentechnik und Elektrik zu über 50 Prozent. Im zweiten Abschnitt werden das Betriebsgebäude erweitert und die Außenanlagen hergerichtet. Diese Arbeiten seien vergeben, sodass nun eine „recht genaue Kostenprognose möglich“ sei.
Akribisch listete Gack auf, in welchen Bereichen und aus welchen Gründen die Kosten in die Höhe geklettert sind. Er nannte Überraschungen im Untergrund aufgrund nicht auffindbarer Pläne ebenso wie in der ursprünglichen Konzeption nicht vorgesehenen Mehraufwand, aber auch allgemein – nicht zuletzt aufgrund des Ukraine-Krieges – stark gestiegene Baukosten. 900.000 Euro seien der „Weltpolitik“ geschuldet, so der Ingenieur. Eine Viertelmillion Euro habe es gekostet, dass Unterlagen „desolat oder unvollständig“ gewesen seien, was viel Handarbeit beim Graben erforderlich gemacht habe. Denn „bei jedem Baggerbiss haben wir eine Leitung gefunden, die nicht bekannt war“. Hier habe er sich „in der Masse vertan“, räumte Gack ein.
Mehr als doppelt so teuer wie zunächst veranschlagt kommt mit nun etwa 2,15 Millionen Euro der zweite Abschnitt – unter anderem deshalb, weil das Betriebsgebäude aufgrund etlicher zusätzlicher Erfordernisse nun wesentlich stärker wachsen muss als erwartet. Unter anderem werde eine deutlich größere Maschine zur stationären Klärschlammentwässerung benötigt. Auf Nachfrage von Renate Götzenberger, deren Fraktion ALL/Grüne die Mehrkosten-Erläuterungen beantragt hatte, berichtete Marcus Stieber, die dafür ursprünglich zugrunde gelegten Zahlen hätten aus den Jahren 2017/2018 gestammt. 2024 habe man die Schlamm-Mengen aktualisiert.
Ein weiterer Kostentreiber ist der Faulgastank, der dem TÜV zufolge „eklatante Sicherheitsmängel“ aufweise und für rund 400.000 Euro ersetzt werden muss, da eine Sanierung unwirtschaftlich wäre. Insgesamt wurden die Mehrkosten durch Abweichungen von der Ausgangsplanung auf etwa 2,6 Millionen Euro beziffert. Für die Gesamtbausumme, die jetzt bei knapp 15,5 Millionen Euro liegt, werden gut 1,5 Millionen Euro an Fördermitteln erwartet, sodass unterm Strich 13,9 Millionen Euro vom KUL auf die Beitrags- und Gebührenzahler umgelegt werden müssen.
Die Vorplanung für das Projekt sei 2019 erfolgt, als „im städtischen Bauamt nur ein Mitarbeiter saß“, rekapitulierte Stieber. Es sei „kein Geld rausgeschmissen“ worden, und man könne auch „nicht von Fehlplanung sprechen“. Aber „vielleicht hätte von Bauherrenseite mehr Grips und Zeit reingesteckt werden müssen“, meinte er.
Wo lässt sich nun noch Geld sparen? Ein Blockheizkraftwerk (BHKW) zur Strom- und Wärmeerzeugung aus Faulgas sei 2019 als „knapp wirtschaftlich“ beurteilt worden. Inzwischen sehe das aber anders aus, die Anlage sei somit verzichtbar. „Das rentiert sich aktuell nicht, wir haben gar nicht soviel Gas übrig“, lautete die Empfehlung. Rund 220.000 Euro brutto könnten so zunächst gespart werden.
Gedanken macht man sich im KUL über alternative Finanzierungsmöglichkeiten für die große PV-Anlage, die auf dem Kläranlagengelände entstehen soll. Diese Kosten könnten möglicherweise aus dem Kläranlagen-Paket herausgenommen werden. Dagegen empfahlen die Fachleute, bei Betonsanierungen nicht zu sparen. Verschiebe man sie, würden in wenigen Jahren deutlich höhere Kosten anfallen als während der jetzigen Bauphase.
Reduziere man die Kosten um eine Million Euro, würden sich die prognostizierten Verbesserungsbeiträge nicht um 22 Prozent erhöhen, sondern nur um 15 Prozent, hieß es.
Auf frühzeitigere Informationen über Kostensteigerungen, um „steuernd eingreifen“ zu können, pochte Renate Götzenberger für die Zukunft. Hier gab ihr Marcus Stieber Recht: „Die Info hätte viel früher kommen müssen. Das nehme ich auf meine Kappe, das wird nicht mehr passieren.“ Allerdings hätte es „wenig Handlungsspielraum“ gegeben.
„Wir müssen uns an die eigene Nase fassen. Wir haben den Zug falsch aufgegleist“, befand Raimund Walz (CSU): „Die größte Misere kommt aus dem Zeitverlust. 2015 wären wir bei sieben bis acht Millionen Euro gelegen“, sagte er mit Blick auf eine damals verworfene große, interkommunale Lösung. Auf die gescheiterten Versuche der Färberei TVU, eine eigene Klärung für ihr Abwasser einzurichten, verwies Harald Domscheit (ALL/Grüne). Auch hier sei wertvolle Zeit verloren gegangen.
„Der Blick zurück bringt uns nicht weiter. Wir müssen lernen, künftig schneller zu entscheiden und uns langwierige Debatten zu sparen“, meinte Bürgermeister Markus Liebich. Er würdigte die „exzellente und sehr transparente Vorbereitung des Themas“ – eine Einschätzung, die nicht alle der etwa ein Dutzend Zuhörer in der öffentlichen KUL-Sitzung teilten. Einige der vorgelegten Zahlen wurden anschließend kritisch hinterfragt.