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Veröffentlicht am 21.10.2024 10:05

Kreuzgangspiele extra: Ein Textkörper unter dem Eisblock

Tropfnass unter dem Eisblock: Ulrich Westermann in „Die Nacht kurz vor den Wäldern“. (Foto: Andreas Kunkel)
Tropfnass unter dem Eisblock: Ulrich Westermann in „Die Nacht kurz vor den Wäldern“. (Foto: Andreas Kunkel)
Tropfnass unter dem Eisblock: Ulrich Westermann in „Die Nacht kurz vor den Wäldern“. (Foto: Andreas Kunkel)

Tak. Tak – tak tak. Tak. Wie es sich wohl anfühlt, unter einem schmelzenden Eisblock zu stehen? Tropfen lösen sich von ihm, fallen kalt wie Eis. Sie fallen schnell, klatschen auf den Mann, sein T-Shirt, seine Jeans. Seine Haut. Tak, tak, tak. Jeder Tropfen, der trifft, ist ein winziger Schock, eine Demütigung, tut weh wie ein Nadelstich.

Das Stück Eis ist groß. Es hängt, gut vertäut und angestrahlt, in der Feuchtwanger Stadthalle über Ulrich Westermann. Aufrecht wie eine Statue, die linke Hand in der Hosentasche, den rechten Arm leicht angewinkelt, steht er auf einem schiefen Podest darunter. Er bewegt sich kaum. Tak. Ein leichtes Zittern läuft durch seinen Körper. Der Kreuzgangschauspieler interpretiert einen berühmten, nun auch schon historischen Monolog.

„Die Nacht kurz vor den Wäldern“ ist ein Theatertext, dem man nicht zuschaut, sondern sich aussetzt, so wie es Ulrich Westermann als Schauspieler tut. Bernard-Marie Koltès gibt darin einem Namenlose eine Stimme, einem Fremden, der nachts im Regen durch die Stadt irrt, der einsam, frustriert, bedroht und verzweifelt ein Gegenüber sucht, ein Zimmer, ein Zuhause, Nähe, Liebe – und gute Arbeit, wenn es sie denn gäbe.

Die offene Hand wird zur Faust

Es gab Zeiten, da hätte der Fremde eine internationale Gewerkschaft für alle Ausgebeuteten gründen wollen. Aber jetzt hat er seine offene Hand bereits zur Faust geschlossen. Tak, tak tak. Der Namenlose spürt in sich die „Lust zuzuschlagen, bis alles aufhört, bis alles stillsteht.“ Und er träumt von Gras und dem Schatten der Bäume, in dem er gern läge.

Der Monolog des Fremden ist fast ein halbes Jahrhundert alt. Er hat Koltès 1977 berühmt gemacht. In weiten Teilen wirkt er heute noch erschreckend gegenwärtig, weil er mit roher und poetischer Kraft das Psychogramm eines Ausgegrenzten zeichnet. Stichwörter der aktuellen Debattenlage, Themen von Arbeitsmigration bis Xenophobie ordnen sich um den Text wie um einen Magneten an. Fremd und zurückgesetzt kann man aber auch im eigenen Land sein – Koltès lässt viele Lesarten zu.

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Die seine hat Ulrich Westermann zum ersten Mal für die Kreuzgangspiele 2011 in Szene gesetzt, damals in der alten Nixel-Scheune. Dieses Mal, zum Saisonauftakt der Kreuzgangspiele extra, hatte Alexander Ourth die Abendregie und die Licht- und Tongestaltung übernommen.

Kunstvoll stilisierter Realismus

Intensiver und integrer als Ulrich Westermann kann man Koltès Monolog nicht interpretieren. Man kann ihn, was schon versucht worden ist, als Wanderung durch eine nächtliche Großstadt inszenieren, aber das ist eine äußerliche Lösung. Westermann übersetzt den kunstvoll stilisierten Realismus der Vorlage in ein ebensolches Szenenbild, legt leise bedrohliche Soundflächen darunter und lenkt dabei die Aufmerksamkeit auf den Text und das, was dort verhandelt wird. In seinem Minimalismus ist das großartig.

So abstrakt die Spielsituation unter dem Eisblock ist, so körperlich erfahrbar wird, was der Fremde erzählt. Man meint die kalten Tropfen zu spüren.


Thomas Wirth
Thomas Wirth
Redakteur im Ressort „Kultur“
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