Es war wohl das letzte schöne Wochenende im September, die Sonne brannte vom Himmel, das Thermometer kletterte auf 30 Grad und zahlreiche Besucherinnen und Besucher versammelten sich auf dem Weingut Kreiselmeyer in Ipsheim. Sie alle wollten den „Blauen Eumel“ erleben. Das Würzburger Kunstprojekt tourt seit Jahren durch die Region.
Und es bringt Kultur dorthin, wo Menschen sind: auf Plätze, Höfe und Wiesen. Ein königsblauer Oldtimer dient dabei als Bühne, auf ihm thront ein Konzertflügel, davor entsteht ein kleines Theater – und schon beginnt die Reise in Klang und Wort.
In diesem Jahr stand die Figur der Kassandra im Mittelpunkt. Unter dem Titel „Kassandra – Bruchstücke einer Zukunft“ wurde die mythische Seherin von Troja ins Heute geholt. Kassandra erkennt das kommende Unheil – Krieg, Täuschung, Zerstörung – doch niemand glaubt ihr. Ein Stoff, der zeitlos wirkt und in Ipsheim eine packende Interpretation erhielt.
Die Schauspielerin Katharina Ries überzeugte als Kassandra mit Ausdrucksstärke und Konzentration. Jede Geste, jedes Wort waren präzise gesetzt und entfalteten Wirkung, selbst in der flirrenden Hitze des Nachmittags. An ihrer Seite überzeugte Boris Wagner in der Rolle des Mopsos, solide, geerdet und mit einem Gespür für Zwischentöne. Gemeinsam brachten sie Texte von Euripides, Lykophron und Christa Wolf zum Klingen. Mal ernst und nachdenklich, mal mit einem Augenzwinkern.
Musikalisch spannte der „Blaue Eumel” einen weiten Bogen. Das Jazz-Trio mit Nikolaus Jira am Klavier, Sebastian Klose am Kontrabass und Maximilian Autsch am Schlagzeug, lieferte Präzision, Spielfreude und Energie. Mal ließen sie sensible Stimmungen entstehen, mal trugen sie die Szenen mit rhythmischem Schwung. Man spürte, wie sehr die Musiker im gemeinsamen Ausdruck aufgingen, und das Publikum dankte es mit lebhaftem Applaus.
Auch die klassische Musik war stark vertreten. Werke von Messiaen, Strawinsky, Hindemith, Mozart und Dora Pejacevic spiegelten die Zerrissenheit, Visionen und Verzweiflung der Kassandra – expressiv, fordernd, von professionellen Musikerinnen und Musikern auf hohem Niveau interpretiert. Der Wechsel zwischen Klassik und Jazz verlieh dem Nachmittag Tiefe und Leichtigkeit zugleich.
So entstand ein Programm, das Kopf und Herz gleichermaßen ansprach, das ernste Themen nicht scheute und doch mit Humor und Hintergründigkeit balancierte. Der „Blaue Eumel“ bleibt damit seiner Linie treu: Kunst für alle, unabhängig von Vorwissen oder Herkunft. Alles, was es braucht, ist Neugier, vielleicht eine Picknickdecke – und ein offenes Ohr.