Im ersten Stock des Dinkelsbühler Theaters im Spitalhof thront die Bar. Groß ist sie nicht: An die Stirnseite passen gerade einmal zwei Barhocker, auf der langen sind es immerhin drei. Der schmale Durchgang hinter die Theke wird durch die Dachschräge eingeengt.
Hier holen sich die Gäste vor einer Vorstellung und in der Pause Getränke oder sprechen danach über die gerade erlebte Aufführung. Die Bar gehört seit Jahren fest zum Landestheater. Und doch war sie bisher einfach nur die Bar – eine Vertraute, aber ohne Namen. Zumindest bis jetzt: Denn als Intendantin Jasmin Meindl im September 2025 die Leitung übernahm, wollte sie dem Kind einen Namen geben. „Bar Maria” steht nun in großen Buchstaben auf einem Schild über der Theke. Dazu bekam sie einen neuen Anstrich und lädt richtig zum Plausch und gemeinsamen Anstoßen ein.
Warum heißt die Bar nun Maria? Die Antwort führt zurück in die Anfangsjahre des Theaters in Dinkelsbühl. Es ist eine Reverenz an eine Dinkelsbühlerin.
Nach dem Umzug von Rothenburg 1956 war der Beginn schwer. Eine alte Ausgabe des Funkfeuers, ein Kulturmagazin, das ab den 1990er Jahren in Dinkelsbühl erschien, listete die finanziellen Verhältnisse des Theaters und der Schauspielenden von 1959 auf: „Gesamthaushalt um die 60.000 D-Mark (elf Jahre später, 1970: 180.000 D-Mark), Einheitsgage der zwölf Mitarbeiter-Darsteller: 280 D-Mark.” Zum Vergleich listet das Statistische Bundesamt das Durchschnittseinkommen für 1959 mit 468,44 D-Mark auf. Dazu mussten die Schauspielerinnen und Schauspieler nicht nur proben und aufführen, sondern auch Dekorationen bauen, Kostüme und Requisiten herstellen und viele weitere Arbeiten nebenbei ausführen. Das Landestheater Dinkelsbühl hat heute einen Etat von 2,1 Millionen Euro.
Viel Arbeit für wenig Lohn. Oft gingen die Künstler hungrig ins Bett. Aber zum Glück gab es Menschen wie Maria Lechler. Sie hatte ein Herz für die Kultur und eines für Menschen in Not. Als der damalige Intendant Erich Krempin sein letztes Geld zusammenkratzte und in Lechlers Metzgerei nach einem Essenspaket für die Schauspielerinnen und Schauspieler fragte, gab sie es ihm umsonst. Über Jahre unterstützte Lechler so das Ensemble – als sie darauf bestanden, zumindest einen kleinen Obolus zu bezahlen, verlangte sie 50 Pfennig, später eine Mark.
Lechlers Tochter lebt noch in Dinkelsbühl, aber will nicht erkannt werden. Sie war damals ein kleines Mädchen, aber erinnert sich noch gut an diese Zeit: „Von 12 bis 13 Uhr brauchte niemand in die Metzgerei kommen, denn sie war mit den Schauspielern besetzt.” Es gab sogar ein eigenes Künstler-Menü: „Sie verlangten immer eine Standard-Wurst oder ein Standard-Schnitzel.” Bei Freunden warb Lechler um günstige Unterkünfte für die Künstler. Zum Dank war sie ein gern gesehener Gast im Theater. Diese Leidenschaft für das Schauspiel hat sie ihrer Tochter weitergegeben: „Ich bin mit dem Theater aufgewachsen.”
Woher kam dieses Bedürfnis, armen Leuten zu helfen? Die Tochter kann nur mutmaßen: „Meine Mutter arbeitete schon in der Nachkriegszeit in Freiburg in einer Metzgerei. Immer sonntags brachte sie den Kriegsgefangenen Fleisch und Wurst.” So lernte sie auch ihren späteren Mann kennen, mit dem sie dann nach Dinkelsbühl kam. „Meine Mutter wollte immer anderen helfen. Sie war immer für Menschen da, die sie brauchten”, sagt die Tochter. Die Metzgerei führte Lechler bis 1979. „Sie war eine starke, taffe Frau”, erinnert sich die Tochter. Lechler verstarb 1994. Der damalige Intendant Klaus Troemer widmete ihr zum Tod eine Anzeige in der FLZ.
Als sich Intendantin Meindl in ihre neue Aufgabe einarbeitete und mit der Geschichte des Theaters befasste, stieß sie auf Maria Lechler. Ihre Verdienste und die Suche nach einem Namen für die Bar passten wunderbar zusammen. Und so entschloss sich das Theater nach kurzem Überlegen, Lechler die Bar zu widmen. Die Ecke ziert ein Foto von Lechler mit dem Artikel aus dem Funkfeuer. Pressereferent Christian Muggenthaler sagt: „Der Geist von Maria Lechler steckt so tief im Landestheater, dass wir dies auch so weitergeben wollen.”
Wie hätte Lechler das wohl gefunden? „Meine Mutter wollte nie so im Mittelpunkt stehen. Gegen öffentliche Auftritte hätte sie sich mit Händen und Füßen gewehrt. Aber über eine Bar mit ihrem Namen hätte sie sich wohl schon gefreut”, sagt Lechlers Tochter.