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Veröffentlicht am 30.06.2026 01:32, aktualisiert am 30.06.2026 16:48

Letzte Rede in Amerika: Warten auf Votum über Nagelsmann

Julian Nagelsmann ist mit der DFB-Elf bei der WM früh gescheitert.  (Foto: Christian Charisius/dpa)
Julian Nagelsmann ist mit der DFB-Elf bei der WM früh gescheitert. (Foto: Christian Charisius/dpa)
Julian Nagelsmann ist mit der DFB-Elf bei der WM früh gescheitert. (Foto: Christian Charisius/dpa)

Nach einer kurzen letzten Nacht im The Graylyn Estate trommelte Julian Nagelsmann die von Paraguay vor den Augen der großen Fußball-Welt gedemütigten Nationalspieler noch einmal zusammen. Der Noch-Bundestrainer sprach nach dem nächsten großen WM-Versagen ein letztes Mal in den USA zu Joshua Kimmich und Co. 

Die Abschlussrede in Winston-Salem war vor dem viel zu frühen Heimflug die traurige Pointe einer völlig verkorksten Amerika-Reise, die beim Elfmeter-Drama mit der Erniedrigung von Foxborough jäh beendet wurde. Ob es auch die letzte Rede von Nagelsmann zu seinem Team als Bundestrainer war, wird sich zeigen müssen. Vermutlich schnell. 

Wann entscheidet die DFB-Spitze?

Auf das Angebot des 38-Jährigen, im Amt bleiben und die EM 2028 als nächstes Ziel angehen wollen, hat der DFB noch nicht öffentlich reagiert. Im Laufe des Tages wurde noch eine Stellungnahme erwartet.

Noch im Kellergang der Football-Arena, die zum nächsten Schauplatz des deutschen Soccer-Versagens wurde, hatte DFB-Präsident Bernd Neuendorf den Zuruf eines dpa-Reporters, wie es nun weiterginge, sehr knapp beantwortet. „Jetzt fliegen wir erstmal.“ Das sollte heißen: Keine Panik-Reaktion. Die würde auch nicht zum Verbandsboss passen. 

Aber Neuendorf weiß aus Erfahrung, dass Nagelsmann kaum zu halten sein wird. Zumal Jürgen Klopp als potenzieller Nachfolger schon den deutschen Fußball als TV-Experte und seine miserable Lage live aus Foxborough sezierte. In drei Monaten geht das Länderspiel-Leben weiter - und das gleich mit einem Prestige-Duell in der Nations League bei den ebenfalls früh gescheiterten Niederländern. Bis dahin müssen viele drängende Fragen beantwortet sein.

Charter statt Champions

Nagelsmanns Argumente sind schlecht. Seinen silbernen Koffer zog er durch den Kellergang der WM-Arena. In der schwülen Abendluft hing der klebrige Duft von Burgern, Bier und Hotdogs. Am Mannschaftsbus auf den er mit schnellem Schritt zusteuerte, blinkten abwechselnd als Leuchtschrift die Wörter „Academy“ und „Charter“ - und nicht World Champions.

Der Blick von Nagelsmann war leer und müde. Der Interview-Marathon nach der unfassbaren WM-Enttäuschung hatte dem 38-Jährigen massiv zugesetzt. Gescheitert. Schon wieder viel zu früh. Dramatisch, aber kläglich. Vor allem aber: Selbstverschuldet. Die vollmundige Titelansage aus dem EM-Sommer 2024 wirkt wie ein lächerliches Relikt. Aber: Ein Rücktritt kommt nicht infrage. 

Während Kapitän Kimmich mit geradem Kreuz den dritten frühen WM-K.-o. nach 2018 und 2022 analysierte, sich bei den Fans entschuldigte und seinen Willen zu neuen Titel-Anläufen verkündete, wirkte Nagelsmann persönlich zu angefasst, dass er das Geschehen über sein eigenes Unglück hinaus hätte einordnen können. 

Kimmichs echtes Kapitäns-Statement

„Ich werde immer die Power haben für einen neuen Anlauf. Was ich niemals tun werde ist: Aufgeben“, sagte Kapitän Kimmich, der auch wie ein Kapitän auftrat. Anders als 2022 in Katar sprach er nicht von einem Loch, in das er fürchte zu fallen. Nagelsmann Abgang war dagegen ein Sinnbild für seine missliche Lage. Sein Mentor Rudi Völler und DFB-Geschäftsführer Andreas Rettig gingen hinter ihm. Mit einem knappen Sicherheitsabstand.

Auch bei der Ankunft in Winston-Salem weit nach Mitternacht ging Nagelsmann wie ein geschlagener Trainer über das Rollfeld des kleinen Smith Reynolds Airports. Da kam ein Trainer, der das Feld nicht freiwillig räumt. Egal, wie groß der Sturm der Entrüstung einer schon wieder gekränkten Fußball-Nation auch sein mag. Nagelsmann betonte in seiner größten Niederlage, dass die Verantwortlichen schon wüssten, welche Qualitäten er als Trainer habe. „Die Argumente liefere ich den Bossen. Jeder weiß, wie ich als Trainer ticke. Jeder weiß, wie meine Art von Fußball aussieht“, sagte er. Das klang vor allem trotzig. 

Verweis auf Vorgänger Löw und Flick

„Ich bin keiner, der sagt, ich trete zurück, weil wir ausgeschieden sind. Wenn der DFB möchte, dass ich weitermache, mache ich weiter. Und wenn er das nicht möchte, dann muss man mir das sagen“, verkündete er. Eine Mitschuld? War nicht sein Thema. Stattdessen verwies er auf seine Vorgänger Joachim Löw und Hansi Flick, die 2018 und 2022 WM-Schiffbruch erlitten hatten und beide noch bleiben durften. Deren „Outcome“ sei ähnlich gewesen. Es war ähnlich schlecht.

Nagelsmann sprach in einer absonderlichen Wortwahl von Neuendorf, Völler und Rettig, als von den „drei genannten Herren“. Diese drei Herren müssen nun eine wichtige Personalentscheidung fällen. Oder war die auf dem Rückflug aus Massachusetts womöglich schon gefallen? Die Fußball-Nation verlangt Antworten.

Sportdirektor Völler entscheidet jetzt nicht nur über Nagelsmanns Zukunft, ganz sicher steht auch seine Position zur Disposition. Zu eng ist er mit seinem „Wunschtrainer“ verwoben. Beide haben einen Vertrag bis nach der EM 2028. 

Kommt die schnelle Trennung?

Es werden Krisensitzungen folgen. Nagelsmann weiß, dass er momentan keinen Rückhalt hat, der Kredit nach fast drei Jahren im Amt mit großen Ankündigungen und wenig Ertrag aufgebraucht ist. „Wenn man heute eine Umfrage macht, dann habe ich die nicht“, sagte er über die Unterstützung der Fans. 

Und das aus gutem Grund. Nagelsmann, der jüngste deutsche WM-Trainer, hat viele Fehler gemacht in den vergangenen Wochen. „Wenn du in der ersten K.-o.-Runde ausscheidest bei so einem großen Turnier mit 48 Mannschaften, ist das deutlich zu wenig für den deutschen Fußball“, räumte er ein.

Es war die Ironie des Abends, dass in Klopp die allseits als beste Nachfolgeoption titulierte Trainerfachkraft als Magenta-Experte Nagelsmanns WM-Leistung einordnen musste. „Ich verstehe, dass mein Name genannt wird. Aber es ist nicht der Moment. Es gibt dazu nichts zu sagen“, sagte der Kult-Coach. Klopp sagte eben nicht: Nein, danke, ich stehe nicht zur Verfügung.

Nagelsmann und Klopp in einem Punkt einig

Eine Generalabrechnung, die mahnte auch Klopp an. Darauf waren aber auch Nagelsmann und seine Spieler selbst gekommen. Denn die Mängelliste des deutschen Fußballs ist sehr lang. 

Immer wieder wurden Mannschaft und einzelnen Spielern in den letzten Jahren Qualität und Potenzial zugeschrieben. Doch jetzt gibt es kein Herumreden mehr. Das wissen auch alle Beteiligten. „Es wäre vermessen, wenn wir nach dem dritten großen Turnier sagen, wir gehören noch zur Weltspitze, das tun wir einfach nicht“, sagte Nagelsmann. 

Seine Versäumnisse werden Teil der schon wieder notwendigen Fehler-Analyse sein. Sie sind vielfältig. Mit seinem Familienansatz setzte er auf Harmonie statt Leistungsprinzip. Konkurrenz um Stammplätze wurde künstlich abgeschafft. Als sportlicher Widerstand auf dem Platz gefragt war, kam keine Reaktion. 

Kimmich nicht ins Zentrum des Spiels zu platzieren, war eine fatale Fehlentscheidung. Und die Rückholaktion von Manuel Neuer sorgte für mehr Unruhe als Ertrag. Die lange DFB-Karriere des Rekordtorwarts endet nicht mit Glanz und Gloria. Der kurzen von Nagelsmann droht ein baldiges Ende.

© dpa-infocom, dpa:260629-930-306777/6


Von dpa
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