Ihr Leben lang hat Inge Kaas nach Spuren ihres Vaters gesucht. Die heute 87-jährige Ansbacherin war sieben Jahre alt, als Georg Soldner im Kriegseinsatz in Russland war. Dort ist er vor 80 Jahren verschollen. Die Zitate in diesem Text sind Auszüge aus dem letzten Schreiben an seine Frau Anna Maria, genannt Marie, und die Kinder Inge und Dieter.
„Das ist der letzte Brief“, sagt Inge Kaas und deutet auf ein Dokument, das auf den 20. Januar 1944 datiert ist. Inzwischen ist das Blatt vergilbt, doch die Zeilen ihres Vaters in deutscher Schrift sind noch gut zu erkennen.
Mit 35 Jahren ist Georg Soldner im Krieg verschollen. „Ich war sieben“, erzählt Inge Kaas. Alt genug, um die Erinnerung an den Vater ein Leben lang lebendig zu halten. Besonders gern denkt sie an die gemeinsamen Spaziergänge zurück. „Er hat damals Lederhosen getragen. Es gibt Bilder, wo er mich auf dem Schoß hat. Das war wahrscheinlich auf einer Wiese im Wald.“
Meine liebe Marie, Inge und Dieter! Heute will ich wieder einige Zeilen schreiben. Mir geht es gut und ich bin gesund.
Zu ihrem fünften Geburtstag bekam die kleine Inge vom Vater eine Geburtstagskarte aus Frankreich – dort war er gerade stationiert – und ein Geschenk mit einer besonderen Bedeutung: eine Silberkette mit einem kleinen silbernen Vogel als Anhänger. „Weil wir daheim immer gesungen haben ,Kommt ein Vogel geflogen, setzt sich nieder auf mein Fuß, hat ein Brieflein im Schnabel, von dem Vater ein Gruß‘.“
Wie war es, mit einem Vater aufzuwachsen, der immer fort war? „Er hat sehr, sehr viele Briefe geschrieben. Das war schön, weil ich dann immer wieder gehört habe, wie es ihm geht.“
Über die Kämpfe selbst steht darin kaum etwas. „Die durften ja nicht viel schreiben.“ Stattdessen formulierte Georg Soldner liebevolle Worte an seine Frau und die Kinder, nahm Anteil an ihrem Leben. Er freute sich, dass die kleine Inge schon bis 20 rechnen konnte. Sie solle brav sein und der Mutter keine Sorgen machen, schrieb er zum Beispiel.
In seinem letzten Brief steht zwischen den Zeilen die Sorge um das eigene Leben. Zugleich schwingt die Sehnsucht nach einem gesunden Wiedersehen mit. „Meine Mutter hatte am 11. Februar Geburtstag. Er hat immer die Hoffnung gehabt, dass er Urlaub kriegt.“ Doch ein Wiedersehen sollte der Familie nicht vergönnt sein. Am 21. Januar 1944 wurde Georg Soldner bereits vermisst. Die Meldung erreichte Frau und Kinder jedoch erst am 25. Februar.
Haben nun doch wieder zwei Tage mit Ruhe schlafen können.
Ohne Vater brachen für die Familie harte Zeiten an. „Das war ganz schlimm“, erinnert sich Inge Kaas. Georg Soldner war bei der Partei gewesen, wenn auch „kein hohes Tier“. Bevor er eingezogen wurde, war er Postsekretär. „Später ist er auf Postschaffner zurückgestuft worden.“ Das war der unterste Dienstgrad.
Die Mutter musste ihre Familie allein durchbringen. Während die Kinder von den Großeltern gehütet wurden, arbeitete sie nachts in der Fleischfabrik Schafft, nahm Putzstellen an oder besserte die Wäsche anderer Leute aus. Daneben zehrten sie von den Ersparnissen. „Während der Vermisstenzeit hat meine Mutter keinen Unterhalt bekommen“, erzählt Kaas. „1950 hat sie dann einen Antrag gestellt, damit mein Vater für tot erklärt wird.“ Ab da wurde Witwen- und Waisenrente ausgezahlt.
Marie Soldner blieb nach dem Krieg allein. „Meine Mutter hat nie mehr geheiratet“, sagt Inge Kaas. Der Verbleib ihres Mannes trieb sie ihr restliches Leben lang um. 1969 stellte sie beim Deutschen Roten Kreuz (DRK) den ersten Suchantrag.
Man vergißt gleich die harten Tage, obwohl uns dieselben wieder bevorstehen. Hoffentlich überstehe ich dieselben genau so gesund wie die vorherigen.
Die Antwort enthält ein Gutachten. Darin kommen die Verantwortlichen zu dem Schluss, „dass Georg Soldner mit hoher Wahrscheinlichkeit am 21. Januar 1944 gefallen ist“. Nachfolgend wird geschildert, was über die Kampfhandlungen auf der Krim bekannt wurde.
So ist von einem misslungenen Angriff „unter schwersten Verlusten“ zu lesen. Die Schlacht wird nördlich der Hafenstadt Kertsch verortet, auf der gleichnamigen Halbinsel, die das östliche Ende der Halbinsel Krim bildet. „Am Schluss steht, dass fast kein Deutscher überlebt hat. Das muss fürchterlich gewesen sein“, bemerkt Inge Kaas erschüttert.
Sie selbst wandte sich in den 1990-ern und den frühen 2000-er Jahren noch mehrmals an den Suchdienst des Roten Kreuzes, zum letzten Mal 2003. Mitgeteilt wurde ihr stets, dass die umfangreichen Nachforschungen leider ergebnislos geblieben seien, der Suchantrag aber weiterverfolgt werde, „bis alle erreichbaren Möglichkeiten erschöpft sind“.
„Ich war auch zweimal selbst auf der Krim“, berichtet Kaas. Mit ihrem inzwischen verstorbenen Mann Hans reiste sie in einer Gruppe per Schiff nach Jalta an der Südküste der Halbinsel. „Beim zweiten Mal hab ich gefragt, ob ich vielleicht an die Stelle fahren könnte, wo die Gefechte waren.“ Die deutsche Reiseleiterin riet davon ab: „Es ist nichts mehr zu sehen.“
Nun wirst du bald 32 Jahre. Hoffen wir, daß wir deinen Nächsten gesund miteinander verleben können.
Inge Kaas besuchte stattdessen den Soldatenfriedhof Sewastopol-Gontscharnoje. „Vielleicht liegt er dort, aber ich weiß es nicht.“ Trotzdem waren die Reisen wichtig für sie. „Das war Abschiednehmen.“
Sie bedauert, dass die umfangreichen Bemühungen des DRK-Suchdienstes ohne Erfolg geblieben sind: „Meine Mutter musste 2008 mit 96 Jahren sterben, ohne jemals erfahren zu haben, wo mein Vater in fremder Erde liegt.“
Auf jeden Fall hoffe ich auf ein gesundes Wiedersehen. und nun sei Du, meine liebe Frau, Ingele und Dieterle herzlich gegrüßt und innig geküßt von Eurem Vater, Deinem treuen Schorsch.
Nach Schätzungen des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge kamen in der Ukraine während des Zweiten Weltkrieges und im Anschluss etwa 400.000 deutsche Soldaten ums Leben, die exakten Zahlen sind unbekannt.
Bis heute gibt es keine Gewissheit über das Schicksal von Georg Soldner. Inge Kaas bleibt nur ein Packen Briefe – und die Erinnerung an den Vater, der ihre kurzen Haare liebte, weil sie so schön lockig waren.
Georg Soldner wurde am 18. März 1909 in Ansbach geboren. Er heiratete 1934 seine Frau Anna Maria. 1936 kam Tochter Inge, 1939 dann Sohn Dieter zur Welt. Während des Zweiten Weltkrieges war Soldner von März 1941 bis Januar 1943 in Frankreich an der Kanal- und Atlantikküste stationiert. Bei einem Feldzug im West-Kaukasus bekam er im Juni 1943 einen Bauchschuss ab. „Er wäre vielleicht da schon tot gewesen, wenn die Feldflasche den Schuss nicht abgefangen hätte“, glaubt seine Tochter Inge Kaas. Soldner kam ins Lazarett nach Regensburg und anschließend auf Erholungsurlaub. Nach seiner Genesung musste er erneut in den Kriegseinsatz; im Januar 1944 traf er in Russland ein. Am 21. Januar 1944 wurde er auf der Halbinsel Krim vermisst gemeldet.