Wie sieht das Energiesystem der Zukunft aus? Diese Frage soll im Steigerwald geklärt werden. Scheinfeld und Umgebung werden nun zur Pilotregion für ganz Bayern in Sachen erneuerbare Energien. Entstehen könnten Rechenzentren, Batteriespeicher und die größte Wasserstoffproduktion in ganz Bayern. Aber auch die Sicherheit steht im Fokus.
Der Landkreis Neustadt/Aisch-Bad Windsheim und die Regierung von Mittelfranken planen unter der Schirmherrschaft von Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler) Großes. „Energie erzeugen. Versorgung sichern. Werte schaffen”: Unter dieser Maxime wird in der Region Scheinfeld und Markt Bibart der „EnergieHub Steigerwald” entstehen. Im Mittelpunkt stehen dabei „die intelligente Verknüpfung und Nutzung bestehender sowie künftiger Energie- und weiterer technischer Infrastrukturen”.
Nicht die einzelnen Technologien sind neu dabei, heißt es aus dem Neustädter Landratsamt, „sondern deren gezielte Zusammenführung zu einem vernetzten Energiesystem”. Der EnergieHub im Steigerwald soll dabei als zentraler Knotenpunkt dienen – mit dem Ziel, auch in Krisensituationen Versorgungssicherheit und Eigenständigkeit zu gewährleisten. Sozusagen das Silicon Valley der erneuerbaren Energien. Im Raum steht nichts weniger als eine mögliche Milliarden-Investition im Scheinfelder Raum – mit tatkräftiger Unterstützung des Freistaats und zahlreicher Projektpartner.
Der Kreis-Wirtschaftsförderer Claus Seifert vergleicht das Hub mit dem Straßennetz: „Die größten Energie-Autobahnen Deutschlands laufen durch unseren Landkreis.” Stromnetze beispielsweise und auch das neue nationale Wasserstoff-Kernnetz werden bei Markt Bibart den Landkreis queren. „Bisher waren wir nur Transit und haben das nicht genutzt.” Mit dem EnergieHub Steigerwald, einem „sektorübergreifenden Drehkreuz” soll sich das ändern – ob für Daten, Strom, Wasserstoff oder Wärme. „Das alles wollen wir intelligent vernetzen”, sagt Seifert. Oder um beim Autobahn-Bild zu bleiben: Das Hub-Projekt soll die richtigen Ein- und Ausfahrten für all die Schnellstraßen entwickeln, damit der Verkehr flüssig fließen kann und jeder ans Ziel kommt.
Auf dieser Grundlage sollen im Scheinfelder Raum unter anderem ein Batteriespeicher und ein Elektrolyseur entwickelt werden. Konkret geht es vor allem darum, Windräder und PV-Anlagen in Spitzenzeiten nicht abregeln zu müssen, wenn das Netz überlastet ist. Überschüssige Energie kann einfach gespeichert oder in Wasserstoff umgewandelt werden. Sie steht dann in Flautenzeiten zur Verfügung, wenn gerade die Sonne nicht scheint oder kein Wind weht.
Als kleine Randnotiz erwähnt der Neustädter Landratsamts-Energiekümmerer Bertram Bröse die geplante Nennleistung des Elektrolyseurs: 100 Megawatt. Zum Vergleich: Der bisher größte Elektrolyseur Bayerns steht in Wunsiedel und hat knapp zehn Megawatt auf dem Beipackzettel stehen. „Wir spielen da wirklich in der Champions League”, betont Wirtschaftsförderer Seifert. „100 MW, das stellt man sich nicht mal schnell in den Hinterhof.” Aber auch eines sagt der Scheinfelder Altbürgermeister deutlich: „Wir sind nicht größenwahnsinnig.”
Eine weitere Frage, die geklärt werden muss: Wie lässt sich kritische Infrastruktur gegen Sabotage und Terror sichern? Dies soll mit Hilfe von wissenschaftlicher Begleitung und womöglich auch der Bundeswehr geklärt werden. Hieraus soll eine Strategie entstehen, made in Scheinfeld, die bayern-, wenn nicht sogar bundesweit Nachahmer finden soll.
Aber warum ausgerechnet Scheinfeld als Standort? Die Akteure im Landratsamt betonen die hierfür nahezu perfekten Voraussetzungen in der unmittelbaren Umgebung – mit bestehenden Photovoltaikanlagen, Windrädern sowie dem geplanten Bürgerwindpark Steigerwald als „Leuchtturmprojekt der bayerischen Energiewende”. In der Pressemitteilung werden aber auch die „weiteren Ausbaupotenziale” betont, neue Energie-Projekte sind also alles andere als ausgeschlossen. Ein wichtiger Baustein für das Hub ist zudem der geplante 380/110-Kilovolt-Netzkuppler zwischen Hohlweiler und Markt Bibart.
Ergänzt wird diese Energieinfrastruktur durch mehrere im „Entwicklungsraum des Hubs” verlaufende Glasfaserhauptleitungen (Daten-Backbones) sowie das künftige deutschlandweite Kernnetz für Wasserstoff. In dieser Intensität und Größenordnung sei das „einzigartig in Bayern und macht den EnergieHub zu einem Vorzeigeprojekt”.
„Daher entstehen nicht nur besonders gute Rahmenbedingungen für Rechenzentren und andere energieintensive Unternehmen; durch Resilienz und krisensichere Versorgungssicherheit entsteht auch ein Mehrwert für alle Menschen in der Region”, betont das Landratsamt. Bei möglichen Blackouts und Extremwetter wäre der Landkreis hervorragend gerüstet. Landrat Dr. Christian von Dobschütz betont: „Wir sind sogar in der Lage, für das übergeordnete Netz als sogenannte Schwarzstartregion zu dienen.” Bedeutet: Wenn der Strom flächendeckend ausfällt, könnte das überregionale Netz durch eine Rückverstromung des Wasserstoffs und die Batteriespeicher von Scheinfeld aus wieder versorgt werden.
Sollten all diese Pläne tatsächlich so umgesetzt werden, handelt es sich dabei um ein Milliarden-Projekt. Schon sehr konkret sind offenbar die Pläne für den Bau des bayernweit größten Elektrolyseurs und mindestens eines Energiespeichers. All das soll einigermaßen entzerrt entstehen und nicht geballt in einem Industriegebiet. Trotzdem gesteht Seifert: „Natürlich technisieren wir dadurch unsere Landschaft. Das Bild wird sich verändern.”
Von Dobschütz sieht das Ganze als „Resultat unserer Strategie, unseren Landkreis wirtschaftlich voranzubringen”. Das Thema Energie sei dabei ein gewichtiger Baustein: „Wir haben analysiert, was wir besonders gut können, welche Gunstfaktoren in unserem Landkreis vorhanden sind. Der EnergieHub bringt im Ausbauzustand erneuerbare Energie, Speichermedien, Datenleitungen und Umspanntechnologie so geschickt zusammen, dass damit eine hohe Wertschöpfung vor Ort entsteht.”
Auch Schirmherr Aiwanger und Regierungspräsidentin Dr. Kerstin Engelhardt-Blum zeigen sich vom Projekt überzeugt. Der EnergieHub Steigerwald wird damit zum Pilotprojekt für den ganzen Freistaat. Wie kann das Energiesystem der Zukunft gebaut sein, damit es nicht nur erneuerbar und wirtschaftlich, sondern resilient ist, wenn es darauf ankommt? Eine konkrete Antwort auf diese Frage gibt es (noch) nicht. Sie soll in den kommenden Monaten und Jahren erarbeitet werden. Im Steigerwald bei Scheinfeld.