Die Dinkelsbühler Altstadt ist bis Mitte Oktober die Bühne für 20 Skulpturen des im Ortsteil Weidelbach lebenden Bildhauers Dietrich Klinge. Dies ist der Abschluss der Serie, in deren Rahmen die FLZ die Kunstwerke in einer losen Abfolge vorstellt.
Ein weiteres Figuren-Trio befindet sich außerhalb der historischen Stadtmauer in südöstlicher Lage vor dem Nördlinger Tor. Ähnlich wie die drei Grazien auf der Bleiche handelt es sich bei diesen Skulpturen um großformatige Werke, die einen wirkungsvollen Kontrast zum mittelalterlichen Stadtbild bilden.
Offensichtlich scheinen sich Klinges Figuren in einem natürlichen Umfeld wohlzufühlen. Sie wirken ähnlich belebt und heiter, um nicht zu sagen, fast übermütig, wie die drei Bleichen-Skulpturen. Es handelt sich um die monumentalsten Arbeiten des Bildhauers, obgleich sie noch in ganz anderen Dimensionen vorstellbar wären.
Das gilt speziell für „Entwurf III und VI“. Gerne hätte der Künstler diese Plastiken in weit größerem Format geschaffen, um sie an prominenter Stelle in den Metropolen der Welt zeigen zu können. An dem Ort, den er für sie in Dinkelsbühl gewählt hat, kommen sie trotzdem wuchtig zur Geltung. Den Betrachterinnen und Betrachtern sei es empfohlen, ein wenig Abstand zu nehmen, damit sie die Plastiken im Zusammenspiel mit der Umgebung wahrnehmen können.
„Äinschil Alba“ mit ihren ausladenden Proportionen und ausgeprägten weiblichen Attributen erinnert nicht wenig an „Ailanthya“ von der Bleiche. Sie sitzt selbstbewusst, mit aufgestützten Armen vor dem Nördlinger Tor ganz in der Nähe der Stadtmühle. Ein pittoresker Anblick, der auch das Cover des Ausstellungskatalogs ziert. Sie ist die ruhigste der drei Figuren: kompakt, erdverbunden, voluminös. Das Gesicht fast ein wenig trotzig, der Mund mit den ausgeprägten Lippen leicht nach unten gezogen, die Augen geschlossen, das Kinn nach vorne geschoben. Ihr scheint egal, was um sie herum geschieht, ignorant der Blicke, die unweigerlich auf sie fallen. Oder, was die Nachbarn so treiben.
„Entwurf für eine große Figur VI“ übt sich in abenteuerlicher Pose, die nicht wenig an eine verzwickte Yoga-Stellung erinnert. Weit dynamischer als die Nachbarin scheint das verrenkte Wesen wie zum Sprung bereit. Der Kopf zeigt eine kühne Verlängerung, die man mit etwas Phantasie als schwingende Haarpracht interpretieren könnte. Dem Körper in der Haltung einer umgekehrten Brücke fehlt nicht viel, sich komplett aufzurichten und vielleicht in kühnen Sätzen über die Wiese zu eilen.
Vielleicht, um „Entwurf III“ zu besuchen, der zwar mit dem Rücken zu seinem Nachbarn sitzt, aber dessen in die Höhe gestreckter Arm ebenfalls von Aufbruch kündet. Zwar noch sitzend ist der Körper wie im Schwung vorgeschoben, die Beine in groben Bögen gebeugt, das eine davon schon etwas vom Boden abgehoben. Lediglich der zweite, massige Arm ist auf die Erde gestützt und sorgt für die nötige Stabilität.
Seitlich am Kopf befindet sich ein Zapfen, den man als schwingenden Zopf lesen könnte. Das Gesicht mit den zusammengekniffenen Augenschlitzen und dem zu einer Art Lächeln verzogenen Mund könnte als Lebensfreude mit kombinierter Abenteuerlust gedeutet werden. Ein wenig „Rambo Zambo“ – wie es Bundeskanzler Friedrich Merz ausdrücken würde – im Rücken der mütterlichen Figur, die vom Übermut ihrer Kinder nichts mitbekommt.