Die Besetzung von „The Shards“ kann man für besonders clever oder auch witzig halten. Denn die neue FX-Serie bei Disney+ (FX ist ein US-Sender vom Disney-Konzern) spielt inmitten einer Schicht schöner, reicher, privilegierter Jugendlicher in Los Angeles.
Und wer übernimmt wichtige Rollen? Die Tochter von Supermodel Cindy Crawford und der Sohn von Hollywood-Star Richard Gere. Zwei, denen ein solches Milieu wohl nicht fremd sein dürfte.
Was ist Rolle, was ist Realität? Alles nur ein Zufall? Vielleicht. Kaia Gerber (Tochter von Crawford) und Homer Gere (Sohn von Gere) machen ihre Sache gut und haben sich ihren Platz in der Produktion redlich verdient.
Andererseits stammt die Vorlage für die Serie, die jetzt bei Disney+ läuft (Streamingstart 6. August, neun Episoden bis 10.9.), von dem Schriftsteller Bret Easton Ellis („American Psycho“). Und wenn Ellis eines liebt, dann ist es, Wirklichkeit und Fiktion zu verrühren. Biografien sind für ihn eine Art Rohstoff.
So ist es auch in „The Shards“. Die Vorlage, ein mehr als 700 Seiten dicker Thriller von 2023, ist eine sogenannte Autofiktion. Ellis suggeriert, dass er - mit vielen Jahren Abstand - über sich selbst als Jugendlichen erzählt.
Die Hauptfigur der Geschichte heißt Bret, und wer sich ein wenig in die Lebensgeschichte von Ellis eingegraben hat, kann diverse Parallelen zu dem mittlerweile 62 Jahre alten Schriftsteller erkennen. Wo die anfangen und wo sie aufhören, ist zugleich schwer durchschaubar. Es ist ein Puzzle, es sind lauter Bruchstücke, Scherben („shards“), wenn man so will.
In der Serie wird dieser Bret - ein angehender Schriftsteller - von Igby Rigney gespielt. Er gehört zu einer Clique wohlhabender Schülerinnen und Schüler einer Elite-Privatschule, in deren Elternhäusern Geld keine Rolle spielt - man hat es einfach.
Bret ist mit Debbie (Hayes Warner) liiert, schläft aber auch mit Männern. Daneben gibt es noch Susan (Kaia Gerber) und Thom (Graham Campbell), eine Art Poster-Paar des American Dreams. Im Los Angeles der 1980er Jahre beschäftigt sich der Zirkel vor allem mit Sex, Drogen, Eifersucht und seinem Äußeren. Man bekommt außerdem viele türkisfarbene Pools zu sehen.
Bewegung kommt in die Truppe, als Robert Mallory (Homer Gere) an die Schule kommt. Er ist neu, charismatisch und ziemlich schwer zu durchschauen. Vor allem aber bringt er das sorgfältig austarierte Gefüge der Clique durcheinander.
Bret entwickelt eine gewisse Obsession für diesen Robert, nachdem er ihn in einem Kino gesehen zu haben glaubt, dieser das seltsamerweise aber vehement abstreitet. Warum, das ist die große Frage. Zugleich beginnt in Los Angeles eine grausame Mordserie, bei der Jugendliche gemeuchelt werden. Bald fürchten sich alle vor dem „Trawler“, einem Serienmörder.
Ellis war als Mit-Produzent eng an der Serienadaption beteiligt. Neben ihm steht mit Ryan Murphy einer der erfolgreichsten und produktivsten Serienmacher der Branche („Glee“, „American Horror Story“, „Dahmer - Monster: Die Geschichte von Jeffrey Dahmer“ und und und).
Ästhetisch wirken Murphy und Ellis wie eine unglaublich logische Fügung, ein „match made in heaven“. Alles ist superstylisch, alles irgendwie sehr amerikanisch. Selten sahen die 80er auf dem Bildschirm so gut aus - auch nicht bei „Stranger Things“, dem Goldstandard des Retro-Looks.
Erzählerisch ist die Sache komplizierter. Ellis' Buch ist ein Meisterwerk, weil es das eigentlich schon durchgenudelte Thriller-Genre auf eine ganz andere Ebene hebt. Die Morde des „Trawlers“ sind dort eigentlich nur eine Art Hintergrundrauschen für eine Erzählung über Jugend, Vergänglichkeit, Begehren und die erschreckende Verlorenheit einer Gesellschaftsschicht, die sich ihre Identität zusammenkauft.
In der TV-Serie versuchen Murphy und Ellis, die spezielle Erzählweise des Romans zumindest in Teilen zu adaptieren. Aus dem Off hört man Bret als Erzähler, der - wie im Buch - immer wieder andeutet, wie das Gezeigte zu verstehen ist: als eine Erinnerung.
Im Roman hat das den Effekt, dass man bald gewisse Zweifel an diesem Bret entwickelt. Ein Gedächtnis funktioniert nicht wie eine Videokamera, die einfach alles abspeichert und wiedergibt. Erinnerungen haben die lästige Angewohnheit, sich im Laufe der Zeit zu verändern. Im Roman entsteht allein schon durch diese Zweifel am Erzähler eine gewisse Grundspannung.
Ganz so stark ist dieses Element in der Serie nicht. Murphy und Ellis folgen mehr der Thriller-Logik und rücken den Serienmörder-Plot stärker in den Vordergrund. Nach zehn Minuten schon gibt es die erste Leiche. Die Abgründe des Protagonisten werden dagegen zunächst eher leise angedeutet.
Wucht bekommt die Geschichte trotzdem, weil sie zwei Themen zusammenbringt, um die die Kulturgeschichte seit jeher kreist: Begehren und Tod. Die Serie erzählt von Menschen, die sich gegenseitig anziehen, beobachten, besitzen wollen. Und daneben steht der Serienmörder, der aus Menschen tatsächlich Objekte macht.
Bald ahnt man jedenfalls: Der „Trawler“ ist vielleicht gar nicht der einzige Wahnsinnige in dieser Geschichte. Vielleicht ist er nur derjenige, bei dem der Wahnsinn am sichtbarsten wird.
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