Die Uhr tickt für die Landwirte, die Felder in roten Gebieten haben. Ab dem 29. Oktober darf keine Gülle mehr aufs Feld. Viele haben gerade erst die Ernte eingefahren – ein straffer Zeitplan also, trotz Fristverlängerung. Und genau in dieser Zeit kommt der Entwurf der neuen Karte mit roten und gelben Gebieten. Das sorgt für Aufregung.
„Wie die Reaktionen ausfallen, kann man sich ja vorstellen”, sagt David Lindörfer. Viele Landwirtinnen und Landwirte haben sich in den vergangenen Wochen bei ihm und seinen Kollegen in der BBV-Geschäftsstelle Ansbach gemeldet.
Der Grund: Das Bayerische Landwirtschaftsministerium veröffentlichte vor einigen Wochen die neue Karte zur Ausweisung der roten und gelben Gebiete. Erst einmal zur Orientierung – noch nicht trennscharf und noch nicht rechtsbindend. Doch es dürfte sich nicht mehr viel ändern, so auch die Einschätzung des Ansbacher BBV-Kreisobmanns Reinhold Meyer.
Kurz zur Erinnerung: In roten Gebieten geht es um die Nitratbelastung des Grundwassers, in gelben Gebieten um die Eutrophierung, also Nährstoffanreicherung, von Oberflächengewässern. Auf Flächen in den festgelegten Gebieten müssen Landwirtinnen und Landwirte zahlreiche Vorgaben und Fristen beachten.
Die Gebiete werden auf der Basis von Messergebnissen festgelegt. Bei der letzten Karte wurden Rufe aus der Branche laut: Es braucht mehr Messstellen. Das ist jetzt geschehen. Über 1600 Messstellen wurden für die neue Karte herangezogen. Die Folge: Einige bisher grüne Flächen werden rot, einige rote wieder grün. Insgesamt steigen die roten Gebiete etwas an.
Die neuen Messungen sind also einfach nicht zur Zufriedenheit der Landwirtinnen und Landwirte ausgefallen? Das greift zu kurz, sind sich Kreisobmann Meyer und Landwirt Martin Waldmann einig. Meyer betreibt einen Milchvieh- und Bullenmastbetrieb im Colmberger Ortsteil Binzwangen und Waldmann eine Schweinemast und Biogasanlage in Strüth.
Zum einen ist es nicht plausibel, dass sich die Werte tatsächlich nachhaltig so schnell verändert haben. Diese Prozesse dauern bis zu drei Jahrzehnte, erklären die Fachmänner. Ein weiterer Kritikpunkt bei den roten Gebieten: Die Messstellen sind nur wenige Meter tief und bilden deshalb nicht die tatsächliche Nitratbelastung des Grundwassers ab, so Meyer.
Allgemein werde mit den Werten viel herumgerechnet, auch die klaren Feldgrenzen seien in der Praxis schwer zu begreifen. Der direkte Feldnachbar darf Gülle fahren, während man selbst die Füße still halten und mit Ertragseinbußen rechnen muss, äußert sich der Kreisobmann.
Waldmann, Sprecher der Interessensgemeinschaft Rote Gebiete, Meyer und der BBV fordern deshalb eigentlich ein ganz anderes System. Kurz: Den Bauern soll wieder mehr selbst überlassen werden. Wer nachweisen kann, dass er nur so viele Nährstoffe ausfährt, wie die angebauten Kulturen brauchen, soll von etlichen Regeln befreit werden.
Das klingt nach viel Bürokratie und weiteren Anträgen. Meyer und Waldmann erklären aber, dass die Daten für die Düngebedarfsermittlung ohnehin erfasst werden und vorliegen. Sie setzen auf Vernunft: Den Boden aus dem Gleichgewicht bringen, wolle kein Landwirt. „Unser Boden ist unser Gut”, betont Meyer.
Doch von dieser Regel ist man weit entfernt. Aktuell müssen sich die Landwirtinnen und Landwirte auf die neuen Gebiete einstellen. Für einige Betriebe werden das große Schritte sein. Sind die vielleicht sogar zu groß? Meyer erzählt von einem Landwirt, der überlegt, den Betrieb aufzugeben, wenn noch mehr seiner Felder in ein rotes Gebiet fallen.
So drastisch dürften die Folgen nicht überall sein. Trotzdem: Für einige kann das bedeuten, dass sie sich um neue Güllelagerplätze kümmern müssen. Andere wiederum, die aus den roten Gebieten herausfallen, brauchen nun womöglich sogar nicht mehr alle Gruben. Wenn diese extra gebaut oder gekauft wurden, ist das ein finanzielles Problem. Langfristige Planung und Investitionen werden quasi unmöglich, so die Kritik.
Für einige könnte es auch bedeuten, dass sie ihren Viehbestand reduzieren. Hoffentlich eher die Ausnahme, machen Meyer und Waldmann deutlich. Sehr viele werden jedoch ihre Fruchtfolgen neu überdenken und anpassen, erklärt Meyer.
Obwohl allen klar war, dass eine neue Karte kommt: Aktuell herrscht großes Unverständnis, betont David Lindörfer von der BBV-Geschäftsstelle. Für die neuen Regeln fehlen Glaubwürdigkeit und Gerechtigkeit, fasst Meyer zusammen.
Viele Landwirtinnen und Landwirte dürften am Donnerstag (23. Oktober) auf die geplanten Verhandlungen am Bundesverwaltungsgericht schauen. Dort geht es um die Klagen mehrerer Landwirte gegen die bisherigen Gebietsausweisungen. Günther Felßner, Präsident des Bayerischen Bauernverbands forderte mit Blick auf die neue Karte: „Diese Entscheidungen müssen abgewartet werden, bevor neue, weitreichende Festlegungen getroffen werden.”