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Veröffentlicht am 09.10.2023 07:00

Sonderpädagogen helfen Schülern und Eltern im mobilen Dienst

Petra Reinhard arbeitet an der Schule im Aischgrund in Bad Windsheim und ist im mobilen sonderpädagogischen Dienst tätig. (Foto: Theresa Ramm)
Petra Reinhard arbeitet an der Schule im Aischgrund in Bad Windsheim und ist im mobilen sonderpädagogischen Dienst tätig. (Foto: Theresa Ramm)
Petra Reinhard arbeitet an der Schule im Aischgrund in Bad Windsheim und ist im mobilen sonderpädagogischen Dienst tätig. (Foto: Theresa Ramm)

Schülerinnen und Schüler, die im Unterricht stören. Eltern, die nicht verstehen wollen, dass ihr Kind in einem Förderzentrum besser aufgehoben wäre. Zwei Szenarien unter vielen, mit denen Sonderpädagogin Petra Reinhard immer wieder zu tun hat.

Die in Burgbernheim wohnende 51-Jährige arbeitet an der Schule im Aischgrund in Bad Windsheim und ist im MSD, dem mobilen sonderpädagogischen Dienst, tätig. Jedes Förderzentrum ist, wie Petra Reinhard erläutert, verpflichtet, gemäß der Anzahl der zu versorgenenden Regelschulen im sogenannten Sprengel einen solchen zu stellen. Ausführen dürfen ihn nur ausgebildete Sonderpädagogen.

Drei Förderzentren im Landkreis

Im Landkreis Neustadt/Aisch-Bad Windsheim gibt es drei Förderzentren: die Schule im Aischgrund, die Franziskus-Schule und die Arche-Noah-Schule – alle drei in Bad Windsheim. Während die Franziskusschule den Förderschwerpunkt geistige Entwicklung hat, liegt dieser bei den anderen beiden laut der Sonderpädagogin in den Bereichen Lernen oder emotional-soziale Entwicklung.

Die drei Schulen sind zuständig für ihren „Sprengel“. Deren MSD-Kräfte begleiten und unterstützen die dortigen Regelschulen, erklärt Petra Reinhard. Die Schule im Aischgrund besuchen beispielsweise Kinder von der dritten bis zur neunten Klasse. Die Einrichtung kümmert sich schwerpunktmäßig um Mittelschulen, aber auch Realschulen und Gymnasien sind dabei.

Mindestens drei Schüler sind nötig

Aber was ist der MSD überhaupt? „Man unterscheidet zwischen dem MSD in Kooperationsklassen und dem klassischen MSD“, führt Petra Reinhard aus, die in beiden Bereichen seit mehreren Jahren arbeitet. Die Schule im Aischgrund hat schon lange Kooperationsklassen mit der Mittelschule in Bad Windsheim – meist eine fünfte und eine siebte Klasse. Warum? Das Ziel im Förderzentrum kann unter anderem die Rückführung an eine Regelschule sein, sofern ein Schüler die Anforderungen dort leisten kann oder Förderbedarf kaum noch festgestellt wird. Erfahrungsgemäß gebe es nach der vierten und sechsten Klasse viele Wechsler.

Die Regelschule muss eine Kooperationsklasse beim Schulamt beantragen, sagt Petra Reinhard. Voraussetzung sind mindestens drei Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf. „Das läuft dann unter Inklusion“, betont die 51-Jährige. Die MSD-Kraft ist bei vier Wochenstunden im Tandem mit der Klasslehrkraft im Unterricht dabei. Hinzu kommen beispielsweise die Moderation von schwierigen Elterngesprächen oder Einzelgespräche mit dem Schüler. Die Wechselschüler sollen begleitet werden – inklusive Nachbetreuung. „Damit sie wirklich Fuß fassen können.“

Bei der klassischen MSD-Variante werden die Regelschulen im Sprengel unter den MSD-Kräften aufgeteilt. Petra Reinhard ist beispielsweise Ansprechpartnerin für die Bad Windsheimer Mittelschule. Um die Fachfrau anzufordern, muss ein Erstantrag von der Klasslehrkraft gestellt werden, erzählt Petra Reinhard. „Der MSD wird zugeteilt, wir nehmen Kontakt auf und dann läuft das erstmal an.“

Der Antrag muss eine Zielsetzung beinhalten, aus der hervorgehen muss, „in welchem Bereichen wir unterstützen sollen“. Das geht von einem Schulwechsel über die Beantragung einer Schulbegleitung bis hin zu sonstigen Fördermaßnahmen in der Regelbeschulung. Die Möglichkeiten sind vielfältig, weil die Maßgabe „Recht auf inklusive Beschulung“ gilt, erläutert Petra Reinhard.

Ihr Fokus liegt dabei stets auf dem Schüler: „Was will er? Wie fühlt er sich? Was sind seine Ziele? Wo steht er? Dann schauen wir, welchen Weg wir nehmen.“ Eine intensive Zusammenarbeit mit den Eltern ist notwendig. Wenn sich herauskristallisiert, dass der beste Weg für den Schüler eine Beschulung an einem Förderzentrum ist, die Eltern oder Sorgeberechtigten sich aber deutlich gegen einen Wechsel aussprechen, dann wird das akzeptiert. „Dann ist das so. Ich empfehle und berate, aber ausschlaggebend ist der Elternwille.“

Immer wieder hört die 51-Jährige Sprüche wie: „Mein Kind kommt in keine Schule für Behinderte.“ Dieser Vorverurteilung stellt sie sich vehement entgegen, haben die Schülerinnen und Schüler doch gerade in der Praxis herausragende Qualitäten. Deshalb stört es sie auch immens, wenn das Wort Behinderung als Schimpfwort genutzt wird.

Auch viele Schüler hätten teils Vorurteile. Meist bringt Petra Reinhard sie aber immerhin dazu, sich die Einrichtung anzuschauen oder sogar einen Besuchsunterricht zu absolvieren. „Überzeugungsarbeit im Sinne des Schülers“, nennt sie das. Eine Schülerin hätte beim Rundgang einmal zu ihrem Vater gesagt: „Schau, hier sind gar keine Gitter an den Fenstern.“

Das baut Barrieren ab und manche Kinder merken beim Reinschnuppern selbst, dass es ihnen im Förderzentrum besser geht, als in der Regelschule. Wird Reinhards Empfehlung nicht angenommen, ist das Ziel, Hilfen und Tipps für die Klassenleitung an die Hand zu geben, um eine möglichst angemessene Beschulung an der Regelschule zu ermöglichen.

MSD-Stunden werden zugeteilt

Die MSD-Kräfte bekommen ihre Stunden zugewiesen. Die 51-Jährige hatte im vergangenen Schuljahr beispielsweise vier Wochenstunden in Kooperationsklassen und vier Klassische. Heuer bleiben die Stunden in den Klassen gleich, die klassischen MSD-Stunden reduzieren sich allerdings auf zwei. Die Zeit sollte für die MSD-Arbeit inklusive Vor- und Nachbereitung ausreichen – theoretisch, denn meist tut sie das nicht. Weil Reinhard ohnehin regelmäßig in der Mittelschule anzutreffen ist, „läuft viel zwischen Tür und Angel“. Manches lässt sich auch so klären. Für größere Anliegen muss sie allerdings auf den offiziellen Weg samt Antragstellung verweisen.

Petra Reinhards Arbeit ist intensiv. Dabei stand ihre berufliche Laufbahn nicht direkt nach ihrem Abitur fest. Medizin oder doch Sonderpädagogik-Lehramt? Ein soziales Jahr in einer Behinderteneinrichtung in Würzburg erleichterte ihr die Entscheidung. Ihr Schwerpunkt im Studium: körperliche und motorische Entwicklung erweitert auf geistige. Ihr Referendariat absolvierte sie an der Franziskusschule.

Anschließend wechselte sie an das sonderpädagogische Förderzentrum II, die heutige Schule im Aischgrund – und das obwohl sie dort fachfremd war. Die gelernten Schwerpunkte spielten dann eine „untergeordnete Rolle. Wichtig ist, an welcher Schule welcher Bedarf ist.“ Man arbeitet sich hinein. Heuer ist Petra Reinhards viertes MSD-Jahr. Zu dem Dienst wird man übrigens von der Schulleitung „berufen“, erklärt die gebürtige Würzburgerin, die zudem noch die Leitung einer Abschlussklasse inne hat und im Arbeitskreis des Staatsinstituts für Schulqualität und Bildungsforschung in München tätig ist.

„Das ist schon eine große Aufgabe“, sagt die 51-Jährige, aber auch für sie selbst oft bereichernd. Das Feedback der Schüler ist ihr Lohn. Oft sind es Kleinigkeiten. Ein besonderes Beispiel: Ein Abschlussschüler im vergangenen Schuljahr sei nicht in Präsenz beschulbar gewesen. Petra Reinhard schloss mit ihm einen „Minimalkonsens“: Er bekam von ihr Lernpakete zum Bearbeiten, einmal wöchentlich telefonierte sie mit ihm. „Dadurch haben wir einen Zugang gefunden.“

Am Ende bat der Schüler dann sogar, ob ihr Austausch auch nach der Schulzeit weiterlaufen könne. Am letzten Schultag schrieb er ihr: „Vielen Dank, Frau Reinhard. Sie haben mir sehr geholfen“, so die Sonderpädagogin. „Da hab ich Gänsehaut bekommen.“

Manchmal gibt es keine Hoffnung

Wenngleich es auch Fälle gibt, bei denen sie sich abgrenzen muss. „Es gibt Schüler, da kann man nichts mehr machen“, auch wenn das im ersten Moment bitter ist.

Herauskristallisieren welcher Ort der beste für den individuellen Schüler ist – mit welchen Rahmenbedingungen. Das ist durchaus herausfordernd. „Ich bin mir der Verantwortung bewusst“, sagt Petra Reinhard. „Man stellt Weichen im Leben der Schüler. Das ist ein unglaubliches Gefühl.“


Anna Franck
Anna Franck
Redakteurin in Bad Windsheim
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