Eine bewaffnete Bande hatte am 4. Januar die Filiale des Bekleidungshauses H&M in der Ansbacher Altstadt überfallen. Keine zwei Wochen später hatte die Kriminalpolizei einen doppelten Ermittlungserfolg verbuchen können: Sieben Jugendliche waren in Untersuchungshaft. Der erste von ihnen ist wieder in Freiheit.
Dabei handelt es sich um einen 16-Jährigen, der als Kopf der Bande gilt. „Er hat umfassende Angaben gemacht, auch über seine eigene Tatbeteiligung hinaus”, sagte Oberstaatsanwalt Jonas Heinzlmeier auf FLZ-Anfrage. Deshalb ist der Haftbefehl gegen ihn außer Vollzug.
Dies gilt nicht für sechs andere Jugendliche. Bei ihnen bestehe Flucht- und Verdunklungsgefahr, so der Pressesprecher der Staatsanwaltschaft Ansbach am Montag. Die Jugendlichen stehen in dringendem Verdacht, in unterschiedlichen Besetzungen für den gescheiterten Raubzug auf die H&M-Filiale und einen weiteren Überfall auf einen Drogeriemarkt in der Ansbacher Welserstraße verantwortlich zu sein.
Noch gilt die Unschuldsvermutung, Anklage nebst dazugehörigem Prozess und einer möglichen Verurteilung stehen schließlich noch aus. Doch alle Indizien sprechen aus Sicht der ermittelnden Beamten derzeit dafür, dass es die sieben nun dingfest gemachten Jugendlichen waren, die vier Tage nach Neujahr das Bekleidungsgeschäft im Herzen Ansbachs um die Tageseinnahmen erleichtern wollten. „Wir haben sie. Die Gefahr weiterer Überfälle ist gebannt“, resümierte Kripo-Chef Dieter Hegwein „erleichtert über den schnellen Durchbruch“. Mit einer Pressekonferenz am Freitag, 17. Januar, in Ansbach hatten die Ermittler Hintergründe zu dem Fall bekannt gegeben.
Unmittelbar nach der Tat, bei der die Räuber ohne Beute blieben, hatte die Polizei das Areal rund um den Martin-Luther-Platz und den Seiteneingang in der Uzstraße abgesperrt. Mehrere Streifen und die Besatzung in einem Polizeihubschrauber hielten Ausschau nach den Tätern und durchkämmten das Stadtgebiet. Auch eine Hunde-Staffel war am Tag danach im Einsatz – sie konnte die Fluchtwege der Jugend-Gang nachvollziehen. So grenzten die Ermittler ein, dass die Täter, die sich nach derzeitigem Stand wohl auf E-Bikes oder E-Scootern davonmachten, aus Ansbach oder dem direkten Umland kommen mussten.
Nach der Gründung einer Ermittlungskommission, an der bis zu 20 Personen beteiligt waren, fanden sich schnell Zusammenhänge zu dem Überfall auf eine Filiale der Drogeriemarkt-Kette dm in der Welserstraße, der sich exakt einen Monat zuvor am 4. Dezember ereignet hatte.
Beide Male hatten die mit Sturmhauben maskierten Täter zunächst einen Schuss aus einer Schreckschusspistole abgegeben, um ihre Forderungen nach Geld zu unterstreichen. Im Drogeriemarkt verletzten sie eine Verkäuferin durch einen Hieb mit einem Schlagstock am Kopf. 3100 Euro waren damals die Beute.
Doch die Spurenlage war in beiden Fällen dürftig, wie Daniel Rotter, Leiter der Ermittlungskommission „Hülse“, bekanntgab. Insofern wurde die Suche nach Personen forciert, die wegen ähnlich gelagerter Fälle schon einmal mit dem Gesetz in Konflikt geraten waren. Zudem konnten Beamte der Inspektion am Karlsplatz, die in dem Bereich eingebunden sind, wertvolle Hinweise liefern, wie Rotter dankend erwähnte und die hervorragende Zusammenarbeit zwischen Kripo, Polizeikräften und Staatsanwaltschaft betonte.
„Wir waren sehr offensiv“, deutete Rotter die Vorgehensweise an. Schließlich waren seinen Ausführungen gemäß weitere Überfälle dieser Art und eine entsprechend anhaltende Verunsicherung in der Bevölkerung zu befürchten. „Rund 50 Personen“ mussten sich in der Folge „intensiven Befragungen“ stellen – darunter auch eine Gruppe von sieben, teils bereits polizeibekannten Jugendlichen.
Erste Beweise fanden sich dann auf den Mobiltelefonen der Teenager. Die Gruppe rückte damit mehr und mehr in den Fokus der Ermittler. Dieser Druck muss einem Täter zu viel geworden sein, wie es Rotter beschrieb. „Der Hauptverdächtige hat sich seinen Eltern offenbart.“
Die nahmen daraufhin Kontakt zur Polizei auf, wobei sich „die Schlinge bereits zugezogen hatte“, wie Rotter sagte. „Wir waren schon sehr weit.“ Wenig später erfolgte am Dienstag, 14. Januar, der Zugriff. Bei dem mutmaßlichen Kopf der Bande, der laut Staatsanwältin Tina Schlauersbach „als einziger an beiden Tatorten war“, handelt es sich um einen 16-jährigen deutschen Staatsbürger, der bereits einschlägig vorbestraft ist und derzeit unter Bewährung steht. Er machte danach in der U-Haft umfassende Angaben und durfte deshalb erst einmal nach Hause.
Der Rest der Jugend-Gang, bei der die Polizei ein hohes Maß an krimineller Energie und entsprechende Planungen der Überfälle sieht, konnte nach der ersten Aussage des Hauptverdächtigen am Donnerstag, in Gewahrsam genommen werden. Für einen Italiener (17), drei 15-jährige und zwei 17-jährige Syrer klickten die Handschellen. Dabei wurde auch eine Schreckschusspistole gefunden, die dem bei den Überfällen verwendeten Exemplar gleicht.
Drei der jungen Syrer stehen zudem in Verdacht, in der Silvesternacht die Israel-Flagge am Rathaus mit Raketen beschossen und damit zerstört zu haben, wie der Leitende Oberstaatsanwalt, Friedrich Weitner, bekanntgab. „Ob noch andere dabei waren, müssen wir klären.“
Neben dem 16-Jährigen, der sich bereits in Haft befand, wurden auch gegen den Rest der Bande Haftbefehle ausgestellt. Die mutmaßlichen Täter erwartet eine Verurteilung nach dem Jugendstrafrecht. Das sieht in Fällen der besonders schweren räuberischen Erpressung, gefährlicher Körperverletzung und einem versuchten besonders schweren Raub Strafen von bis zu zehn Jahren vor. „Erschreckend“ nannte Kripo-Chef Hegwein die Reaktionen der Jugendlichen: „Uneinsichtig, dreist und unflätig.“