Theater Ansbach: Mit Schlagern und Rollator auf der Flucht | FLZ.de | Stage

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Veröffentlicht am 27.07.2025 18:00

Theater Ansbach: Mit Schlagern und Rollator auf der Flucht

Okay, wer bei diesem Schlager-Liederabend mitklatschen will, findet einen Anlass, auch einen zum Mitsingen und Mitsummen. Aber das ist ein Nebeneffekt. „Bis dass der Bus kommt“, Axel Kraußes letzte Produktion als Ansbacher Intendant, hat andere Qualitäten. Und sie hat das Zeug zum Dauerbrenner.

Es geht scheinbar um nicht viel: Zwei ältere Menschen sitzen an einer Bushaltestelle und warten. Katja Schumann und Robert Arnold spielen sie. Der Rücken schmerzt. Das Gehen fällt schwer. Wann kommt der Bus? Sie sitzen. Schauen. Denken. Wer weiß, was ihnen auf der Flucht aus ihrem Dasein, durch den Kopf brummt. Eine abendfüllende Situation ist das nicht unbedingt. Wäre da nicht Hildegard Pohl, die Frau in Glitzeruniform.

Die raschelt erst einmal den Steinway unter einer Bauplane hervor, zückt den Zündschlüssel und dreht um. Der Flügel springt schwer an. Tuckert dann aber brav wie ein alter Diesel und kommt schnell auf Betriebstemperatur. Sein Treibstoff sind Schlager, Jazz und Klassik. Wohin es mit einem solchen Gefährt geht? Der Weg ist das Ziel. Natürlich.

Evergreens aus 66 Jahren

Die beiden Senioren kramen alte Lieder hervor. Deutsche Evergreens aus 66 Jahren. Hits von Zarah Leander bis Wir sind die Helden. Sie drängen aus ihnen heraus. Die zwei singen. Und wie. Als ob es um ihr Leben ginge. Was es auch tut. Im Schlager kehrt die Jugend zurück. Die zwei verjüngen sich. Beziehungslust, Beziehungsfrust – alles wieder da. Nur kein Bus.

Axel Krauße, ein Meister der hintergründigen Bricolage, hat aus Schlagern einen Liederabend „für Reisende und Wartende“ montiert, der es in sich hat. „Bis dass der Bus kommt“ ist ein Jukebox-Kammermusical, das gewitzt in Richtung Absurdes Theater abbiegt und dabei die Aussicht auf den Sternenhimmel freigibt – oder in Abgründe hineinrollt.

Schlager-Eskapismus reibt sich an den Krisen der Gegenwart, an privaten, nationalen und globalen. Dabei entsteht eine doppelbödige Liederabend-Poesie. Oben: Musik und Text mit emotionalem Wumms. Darunter: szenisch-komödiantische Fußnoten aus der Gegenwart. Ein Stück für Herz – und für den Kopf.

In die Theaterwunderkiste greift Krauße dafür auch. Mit Licht lässt er die ewig deutsche Italien-Sehnsucht in schönsten Farben an den Eisernen malen. Die Capri-Sonne strahlt nur so. Vom Schnürboden schneit es auch einmal dicke weiße Flocken. Später knallt ein Kostümpaket runter und ein Rollator offenbart sich in der Finsternis als galaktisch funkelndes Leuchtgerät. Sehr schön.

Das Schlager-Trio ist der Hit: Hildegard Pohl, Katja Schumann und Robert Arnold wuppen den Abend mit enormer Präsenz.

Hildegard Pohl legt eine raffinierte Begleitspur unter all die Beziehungskonflikte, Glücksmomente und Sehnsuchtsträumereien. Sie tut das zärtlich, opulent, intelligent und mit Humor. Bevor es zu heimelig wird, greift sie gern direkt in die Besaitung, dass es katastrophisch gewittert.

Mit Inbrunst und Ironie

Schumann und Arnold sind beim Singen ironisch bis ins kleinste Schulterzucken und voll Inbrunst bis in die Zehenspitzen. Was an überholten Rollenbildern in den Texten steckt, reflektieren sie spielerisch, was an Einsichten Bestand hat, aktualisieren sie. Zugleich lassen sie ihre Figuren durchsichtig werden, verletzlich scheinen, gefährdet wirken. Sind da zwei auf der Flucht vor Alter, Krankheit und Tod? Kein Bus fährt sie in eine bessere Zukunft.

Weil das Publikum die Premiere laut feierte, ließ eine Zugabe nicht auf sich warten. Zu Udo Jürgens' „Liebe ohne Leiden” kamen von allen Seiten Theaterleute auf die Bühne, nahmen Axel Krauße in die Mitte und wünschten ihm viel Glück für seine Intendanz in Wolfsburg. Sein Schlager-Liederabend bleibt. Aber erst einmal sind Theaterferien. In der neuen Saison kommt er zurück.

Schlagerduo an der Bushaltestelle: Robert Arnold und Katja Schumann. (Foto: Jim Albright)
Schlagerduo an der Bushaltestelle: Robert Arnold und Katja Schumann. (Foto: Jim Albright)
Schlagerduo an der Bushaltestelle: Robert Arnold und Katja Schumann. (Foto: Jim Albright)
Veredelt Schlager am Klavier: Hildegard Pohl. (Foto: Jim Albright)
Veredelt Schlager am Klavier: Hildegard Pohl. (Foto: Jim Albright)
Veredelt Schlager am Klavier: Hildegard Pohl. (Foto: Jim Albright)

Thomas Wirth
Thomas Wirth
Redakteur im Ressort „Kultur“
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