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Veröffentlicht am 20.04.2026 05:02

Überlebenskünstler mit Risikofaktor: Zecken auf Vormarsch

Der Gemeine Holzbock ist die häufigste Zeckenart in Deutschland und auch die, die hauptsächlich FSME und Borreliose auf den Menschen übertragt. (Archivbild) (Foto: Patrick Pleul/dpa)
Der Gemeine Holzbock ist die häufigste Zeckenart in Deutschland und auch die, die hauptsächlich FSME und Borreliose auf den Menschen übertragt. (Archivbild) (Foto: Patrick Pleul/dpa)
Der Gemeine Holzbock ist die häufigste Zeckenart in Deutschland und auch die, die hauptsächlich FSME und Borreliose auf den Menschen übertragt. (Archivbild) (Foto: Patrick Pleul/dpa)

Zecken sind nicht nur lästige Blutsauger, ihr Stich kann uns auch krank machen. Jetzt im Frühjahr sind sie besonders aktiv. Beim Picknick im Park, bei der Gartenarbeit oder beim Waldspaziergang kann man sich deshalb schnell eine Zecke einfangen. Wie man sich davor schützen und was man sonst noch über die kleinen Spinnentiere wissen sollte, erläutern Fachleute. 

Gibt es eine Zecken-Hauptsaison?

Zecken sind wegen der Klimaerwärmung inzwischen nahezu ganzjährig aktiv. „Man muss den Großteil des Jahres über Obacht geben. Solange kein Schnee liegt, muss man eigentlich mit Zecken rechnen“, sagt der Zecken-Experte Gerhard Dobler vom Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr in München. Wenn die Temperaturen nachts nicht mehr unter null Grad und tagsüber über 5 bis 7 Grad liegen, seien Zecken aktiv. 

Die häufigste Zeckenart in Deutschland ist nach Angaben der Parasitologin Ute Mackenstedt von der an der Universität Hohenheim in Stuttgart der Gemeine Holzbock (Ixodes ricinus). Diese Zeckenart sei auch diejenige, die hauptsächlich Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) und Lyme-Borreliose auf den Menschen übertrage. „Die zweithäufigste Zeckenart ist die Auwaldzecke, die manchmal mit den FSME-Viren infiziert ist, aber den Menschen viel seltener befällt.“

Dobler und sein Team sind regelmäßig draußen unterwegs, um Zecken einzusammeln und zu untersuchen. In diesem Jahr konnten diese demnach bereits ab Mitte März zahlreiche Holzbock-Exemplare in Bayern finden. In wärmeren Jahren sei das teilweise sogar schon im Februar der Fall, erläutert Dobler. 

„Die Hauptsaison beginnt eigentlich jetzt, wo es wärmer wird und die Luftfeuchtigkeit noch relativ hoch ist“, betont Dobler. Im Hochsommer sei der Holzbock dagegen deutlich weniger aktiv. „Die Untersuchungen seit vielen Jahren zeigen, dass wir im Juli und August 5 Prozent, maximal 10 Prozent der Aktivität haben, die wir im Mai und Juni sehen.“

Stechen nur die erwachsenen Zecken?

Zecken brauchen laut Dobler in allen Entwicklungsstadien – also als Larven, Nymphen und erwachsene Tiere – Blut, um zu überleben. „Grundsätzlich können auch die Larven Menschen stechen, das ist aber eher selten“, sagt Dobler. Normalerweise übertragen diese ihm zufolge keine Krankheitserreger. „Die überwiegende Zahl der Infektionen wird durch Nymphen und adulte Tiere verursacht.“ 

Von den erwachsenen Zecken wiederum stechen nur die Weibchen, die das Blut für die Entwicklung der Eier brauchen, sagt Dobler. Diese seien ungefähr einen halben Zentimeter groß und an ihrer rotbräunlichen Färbung zu erkennen. Die Männchen seien dagegen kleiner und komplett schwarz. Die Nymphen seien mit unter einem Millimeter noch einmal deutlich kleiner. 

Wieso gelten Zecken als Überlebenskünstler?

„Bernsteinfunde deuten an, dass es die Zecken bereits seit über 300 Millionen Jahre gibt und sie bereits Blut an Dinosauriern gesaugt haben“, sagt Mackenstedt. Zecken können extrem lange hungern. Der erwachsene Holzbock komme zum Beispiel ein bis zwei Jahre ohne Blutmahlzeit aus. „Viele Arten halten auch extreme Temperaturen aus.“

Die Stiche der Zecken seien überwiegend schmerzlos, ergänzt Mackenstedt. Der Speichel enthalte Substanzen, die das Schmerzempfinden unterdrückten, die Blutgerinnung hemmten und die Immunreaktion verringerten. „Dadurch können Zecken fast unbemerkt lange am Menschen bleiben und während der Blutmahlzeit viel Blut aufnehmen, das sie in ihrem Darm speichern.“

Wieso übertragen Zecken FSME und Lyme-Borreliose?

Zecken nehmen nach Angaben des bayerischen Landesamts für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) Borreliose-Erreger oder FSME-Viren auf, wenn sie an infizierten Wirten wie kleinen Nagetieren oder Vögeln Blut saugen. Die Erreger siedeln sich in der Zecke an und können bei einem Stich auf den Menschen übertragen werden. 

Dieser kann Dobler zufolge krank werden, weil es sich bei ihm um einen Fehlwirt handelt. „Die Viren oder Bakterien haben sich im Laufe der Evolution so gut an ihre natürlichen Wirte angepasst, dass sie diese nicht mehr schädigen.“

Die Lyme-Borreliose ist dem LGL zufolge die häufigste, FSME die zweithäufigste zeckenübertragene Krankheit in Deutschland. Das Robert-Koch-Institut hat in diesem Jahr bisher 918 Fälle von Lyme-Borreliose und 11 FSME-Fälle in Deutschland registriert (Stand: 13. April). 

Beide Krankheiten werden laut LGL im Wesentlichen durch den Stich infizierter Zecken verursacht. FSME-Viren können nach Angaben von Dobler aber auch über die Rohmilch infizierter Tiere wie Ziegen und Schafe übertragen werden. In Deutschland komme das aber sehr selten vor.

Doch nicht jede Zecke überträgt die Erreger. Viele Zecken sind mit den Borrelien infiziert, dies sei bei den FSME-Viren aber nicht der Fall, sagt Mackenstedt. FSME-positive Zecken kommen in mehr oder weniger kleinen räumlichen Arealen vor, die manchmal nicht größer seien als ein Fußballfeld. 

Wie sollte man sich schützen?

Dobler empfiehlt lange, helle Kleidung, auf der man die Zecken gut sieht. Außerdem sollte man die Hosenbeine in die Strümpfe stecken. Auch zeckenabweisende Mittel auf Kleidung und unbedeckter Haut können laut dem LGL schützen. 

Nach einem Aufenthalt in der Natur sollte man sich unbedingt intensiv absuchen, betont Dobler. „Die Zecken stechen nicht sofort, sondern krabbeln meistens zwei bis vier Stunden auf dem Körper und suchen sich eine geeignete Stelle.“ Außerdem dauere es eine Zeit, bis sich die Zecken mit ihren Mundwerkzeugen durch die Haut gearbeitet und darin mit ihrem Stachel festgesetzt hätten. 

Wer eine Zecke bei sich entdeckt, sollte diese so schnell wie möglich entfernen, denn das kann eine Übertragung der Borreliose-Erreger verhindern. Diese befänden sich im Magen der Zecke und verwandelten sich, wenn die Zecke Blut sauge, sagt Dobler. Deshalb würden diese erst nach etwa 24 Stunden übertragen.

© dpa-infocom, dpa:260420-930-967186/1


Von dpa
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