Steile Bergwände, kein Handynetz und allein unterwegs: Was Künstler Ra.g.e. für sein neuestes Projekt auf sich genommen hat, ist gelinde gesagt lebensgefährlich. In den Alpen – auf 2600 Metern Höhe – barg er Teile eines in den 1960er Jahren abgestürzten Flugzeugs. Daraus entwickelte der früher gerne „Aischgrund-Banksy“ genannte Streetart-Künstler eine neue Serie.
Irgendwo in der Marktgemeinde Uehlfeld. Ding, dong. Ra.g.e. öffnet die Tür. Die Treppe hinauf erwartet einen ein heimeliges Zimmer mit einem Plätzchen auf einer tiefergelegten Orient-Couch. Es läuft entspannte Electro-Musik mit arabischem Gesang. An der Wand steht eine gelbe Club-Mate-Kiste, die aber nicht mit Flaschen, sondern mit Spraydosen gefüllt ist – eine bunte Angelegenheit.
Eben das, was ein bekannter Graffiti-Streetart-Künstler so braucht. Mit einem elf auf elf Meter großen QR-Code, den er in eine Wiese nahe Mailach gegraben hatte, und zwei Hütten im Uehlfelder Umland, die er in anarchistische Underground-Kunst-Ateliers verwandelte, hatte Ra.g.e. vor geraumer Zeit eine gewisse Prominenz erlangt.
Nun hat er ein neues Projekt, ein großes Abenteuer. Alles begann mit dem Tipp eines Freundes: Der kennt in Österreich einen Einheimischen, welcher ihm eine spannende Geschichte erzählt hat. In den 1960er Jahren soll ein mit zwei Mann besetztes Kleinflugzeug in den Alpen abgestürzt und an einer Steilwand zerschellt sein. „Also habe ich meinen Rucksack gepackt und die Suche gestartet“, sagt Ra.g.e., der weiterhin anonym bleiben will. Kleines Gepäck mit Essen und Wasser, einem ultraleichten Schlafsack, einer zeltähnlichen Konstruktion und einem akkubetriebenen Winkelschleifer: Mehr brauchte er nicht.
An Tag zwei endete der Weg.
Ein grober Anhaltspunkt lag ihm vor – Koordinaten, deren Genauigkeit sehr unklar war. Aber genau deshalb klang das Abenteuer wie gemacht für den Uehlfelder. Mit dem Zug fuhr er an die deutsch-österreichische Grenze – und los ging es. Das Terrain entsprach genau seinem Geschmack – es gab vieles zu entdecken: alte Silberminen, verrückte Naturgebilde und natürlich ein Flugzeugwrack. „Der Aufstieg hat mich drei Tage gekostet.“ Durchs Unterholz ewiger Latschenkiefern-Wälder hin zu unendlich weiten grauen Geröllwüsten. „An Tag zwei endete der Weg“, sagt Ra.g.e. „Ich schlug mein Camp auf und startete früh am nächsten Morgen.“
Ohne Klettereinheiten kein Weiterkommen. Mittelschwere Passagen, nichts für Ungeübte. Aber der Uehlfelder ist erfahren, weiß genau, was er tut. Trotzdem: „Bei dem brüchigen Fels war es nahezu unmöglich, sich selbst zu sichern.“ Der Ort: abgelegen, unerschlossen und für ihn unbekannt. Nur hier und da gab es vage erkennbare, uralte Jagdpfade, die aber bisweilen mitten im Nirgendwo endeten. Ra.g.e.: „Im Nachhinein muss ich sagen: Es war schon gefährlich – das würde ich jetzt nicht mehr so machen. Aber ich wusste ja nicht, was mich erwartet.“
700 Meter über dem Basis-Camp erreichte der Künstler den Absturzort. Die Befürchtungen, ihn nicht zu entdecken, bestätigten sich nicht – im Gegenteil: „Das Flugzeug war relativ einfach zu finden, da es sich stark vom Grau des Gerölls abhob.“ Ein Flügel war noch heil, das Vorderrad lag herum, außerdem viele Griffe und Alu-Teile.
Auf 2600 Metern Höhe, mitten auf einem steilen Abhang, packte Ra.g.e. die Flex aus, um die Trümmerteile so zu verkleinern, dass er sie ins Tal transportieren konnte. „Das war ein ultrakomisches Gefühl.“ Mitten im Nirwana, ein ewiges Berg-Echo der Flex-Geräusche und ein Segelflieger, der ausgerechnet in diesem Moment über den Gipfeln seine Kreise drehte. „Ich weiß nicht, ob er mich gesehen hat“, sagt der Künstler. „Ich glaube nicht. Aber falls doch, frage ich mich schon, was er gedacht hat.“ Ein Typ, der mit der Flex mitten in den Alpen auf 2600 Metern Höhe lautstark Flugzeugtrümmer zerlegt. „Das ist ja wirklich komplett random“, sagt der Künstler und lacht laut.
Weitere zwei Male war Ra.g.e. für sein Projekt noch am Ort des Geschehens – aber nicht mehr alleine, immer mit Freunden. Deshalb ist dieses Abenteuer auch gut dokumentiert, wie das obere Foto belegt, auf dem der Künstler ein größeres Trümmerteil auf den Rucksack gebunden ins „Basecamp“ trägt. Ein wenig riskant war die Sache aber durchaus – schwierig zu sagen, was die Polizei gesagt hätte: illegales Wildcampen in den Bergen und dann noch kiloweise Aluminium im Lager. Hm. Doch so weit kam es nicht, obwohl Ra.g.e. das durchaus befürchtet hatte. Denn: Die Ranger dort sind streng. Aber alles lief glatt – erster Schritt erfolgreich.
Zurück in Uehlfeld, stellte sich dann die alles entscheidende Frage nach dem Konzept der Kunstreihe, welche aus den drei Abenteuerreisen und den rund 15 Kilogramm Trümmerteilen entstehen sollte. Die Serie sollte, passend zum Sujet, eine gewisse Morbidität ausstrahlen, aber auch eine klare Botschaft vermitteln. „Airplane Mode“ nennt er sein Projekt. Beim Flugzeugabsturz sind Menschen ums Leben gekommen, bei der Herstellung von Rohstoffen für Europa und dem Schürfen nach seltenen Erden für Smartphones ist der Tod ebenfalls ständiger Begleiter. Also: Trümmerteile einschmelzen, ein stiller Schrei nach Menschenrechten, ein stiller Schrei nach Recycling.
Aber wie? Ein Hochofen musste her. Loch im Garten ausheben, ausgießen, Stange rein und eine Ballpumpe als Blasebalg. Fertig ist der Hochtemperatur-Ofen Marke Eigenbau. Mit pechschwarzen Fingern schmolz Ra.g.e. vier Tage lang die Teile ein und goss das flüssige Element in eine Barrenform. Eine „wilde“ Sache, gesteht der Künstler selbst. Und auch das war sicherlich nicht gänzlich ungefährlich, schließlich schmilzt Aluminium erst bei rund 660 Grad Celsius. Aber ein Streetart-Künstler muss eben tun, was ein Streetart-Künstler tun muss. Verrückte Dinge. Ein vergleichbares Projekt dürfte es kaum geben.
Mit einer CNC-Fräse hat Ra.g.e. ein kleines dreidimensionales Bergpanorama in ein Holz-Quadrat gefräst – 30 Stunden pro Exemplar. Eingeölt strahlen sie fast schon einen Bernstein-Hauch aus. Die Exponate kommen in einen schwarzen, bombensicheren Koffer – sogar mit Echtheitszertifikat und Original-Trümmerteil. Fertig ist die neue Serie.
Gedauert hat das gesamte Projekt gut zwei Jahre. „Ich habe hohe Ansprüche an mich und bin bei Kunst sehr perfektionistisch.“ Aber nun ist er sehr glücklich, mit den 20 Endergebnissen in Händen. Ein großes Trümmerteil hat er als solches erkennbar gelassen und gerahmt. Aus Griffstücken aus Edelstahl sind Ringe entstanden – ja, auch das Schmuckhandwerk versteht er.
Wir haben ein unfassbar heftiges Berggewitter erlebt
Eigentlich will er aus all dem gerne eine Ausstellung konzipieren – wie damals zur Hüttenzeit, unter anderem in Neustadt und Uehlfeld. Allein, es fehlt das Geld. Ra.g.e. hätte jedenfalls noch eine weitere Installation in Planung. „Naturgewalt“ will er sie nennen. Eine Hommage an ein Erlebnis während einer der Bergtouren. „Wir haben ein unfassbar heftiges Berggewitter erlebt, unter unserem Tarp“– einer Art Abdeckplane, die als Dach über dem Kopf fungiert. Das will er nachstellen – mit Sound und allem, was dazugehört. Eine Nacherzählung.
Der Bergpass in den Alpen ist für Ra.g.e. mittlerweile ein fester Rückzugs-, ein Sehnsuchtsort geworden. „Es ist einfach ein Ort, wo du deine Ruhe hast.“ Kein Handyempfang, keine nervigen Touristen, nur ein Mensch, Tier und Gebirge. „Es ist einfach supergeil da.“