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Veröffentlicht am 22.08.2024 07:00

Vier Lehrer aus der Region erklären: Sollte man in den Ferien lernen?

Zum Thema Ferien und „arbeiten“ hat Ruth Reuter eine Meinung, die aus ihrer langjährigen Erfahrung als Gymnasiallehrerin und Schulleiterin erwachsen ist. (Foto: Jasmin Kiendl)
Zum Thema Ferien und „arbeiten“ hat Ruth Reuter eine Meinung, die aus ihrer langjährigen Erfahrung als Gymnasiallehrerin und Schulleiterin erwachsen ist. (Foto: Jasmin Kiendl)
Zum Thema Ferien und „arbeiten“ hat Ruth Reuter eine Meinung, die aus ihrer langjährigen Erfahrung als Gymnasiallehrerin und Schulleiterin erwachsen ist. (Foto: Jasmin Kiendl)

Jeden Sommer wird das Thema neu verhandelt in Familien mit schulpflichtigen Kindern und Jugendlichen: abschalten oder lernen? Die Jugend möchte mit dem Schulkram in Ruhe gelassen werden. Die Erwachsenen plädieren dafür, die freie Zeit zum Wiederholen und Üben des Stoffs zu nutzen. Was sagen erfahrene Pädagogen dazu?

Vom Schüler zum Lehrer beziehungsweise zum Schulleiter: Dieser Lebenslauf bringt langjährige Erfahrungen und Kenntnisse mit sich, wann es sinnvoll sein kann, Stoff zu wiederholen und was Eltern vermeiden sollten. Auf FLZ-Anfrage erläuterten Ruth Reuter (76), Josef Span (78), Alfred Stockert (71) und Rainer Volkert (75) ihre Sichtweise.

Von 2002 bis zur Pensionierung 2011 war Ruth Reuter Leiterin des Gymnasiums Dinkelsbühl – und damit erfolgreich in einer Männerdomäne. In Mittelfranken war sie eine von nur drei Frauen auf dieser Führungsebene. Eigentlich wollte die Feuchtwangerin gar nicht Lehrerin werden, denn sie kommt aus einem Lehrerhaushalt und hat bei ihrem Vater die hohen Belastungen des Berufes gesehen. Von wegen gut bezahlter Halbtagsjob. Für diese Äußerung des damaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder hat sie ihm einen geharnischten Brief geschrieben.

Berufsweg in Dinkelsbühl begonnen

Medizin oder Pharmazie hätte Ruth Reuter gern studiert. Als ihr die Eltern davon abrieten, schlug sie doch die Ausbildung zur Lehrerin ein. Ihr Berufsweg als Gymnasiallehrerin begann in Dinkelsbühl. Danach unterrichtete sie sechs Jahre an einer deutschen Auslandsschule in Kolumbien, die vom Kindergarten bis zum deutschen internationalen Abitur führt. Nach ihrer Rückkehr aus Bogota war Ruth Reuter Lehrerin in Feuchtwangen und schließlich Direktorin in Dinkelsbühl.

Der Erfolg ist ihr nicht in den Schoß gefallen. Als Schülerin fielen ihr die Fächer Latein, Physik und Mathematik nicht leicht. „Ich musste für die Prüfungen viel lernen“, erzählt sie. In den Ferien hat sie als Schülerin gejobbt: „Es war kein Geld da, um in Urlaub zu fahren.“


Nicht Nachhilfe-Lehrer spielen, sondern sich interessiert zeigen.

Ruth Reuter

Bei ihrer Antwort, ob Kinder und Jugendliche in den Ferien lernen sollen, bleibt Ruth Reuter bei der Schulart Gymnasium und teilt die drei Stufen Unter-, Mittel- und Oberstufe unterschiedlich ein. Von der 5. bis 9. Klassenstufe empfiehlt sie „Ferien mit Lesen und aktiven Beschäftigungen“ wie Sport, Musik, Basteln.

Von der 10. bis zur Abiturklasse könne auch Ferienarbeit sinnvoll sein. „Gerade für Gymnasiasten ist es wichtig, einen Berufsalltag außerhalb der Schule kennenzulernen.“ Der Hauptgewinn sei nicht das Geld („auch gut“), sondern die „Horizonterweiterung“.

Schülern mit schlechten Noten könne sie nur raten: „lernen und üben“. Mit ausgefeiltem Stundenplan und bewussten Pausen. Eltern sollten sich konstruktiv einbringen: „Nicht Nachhilfe-Lehrer spielen, sondern sich interessiert zeigen.“

Im persönlichen und sozialen Umfeld reifen

Alfred Stockert war Leiter der Friedrich-Güll-Hauptschule Ansbach: „Ferien sind Erholungszeiten sowohl für Schülerinnen und Schüler als auch für Lehrkräfte. Deshalb halte ich ein gezieltes Wiederholen beziehungsweise Lernen, das strukturiert und regelmäßig zu Hause erfolgen soll, für nicht angemessen.“

Es gebe Schüler, die gerne den vergangenen Unterrichtsstoff wiederholen. „Das sollte man nicht unterbinden. Viele sind jedoch froh, wenn sie einmal für längere Zeit vom strukturierten Lernen befreit sind.“ Diese Zeit sei auch nötig, um im persönlichen und sozialen Umfeld zu reifen und sich zu entwickeln. Das Gehirn beschäftige sich ohnehin unbewusst mit den in der Schule angebotenen Themen und Lernstoffen. Da seien die großen Ferien der ideale Zeitraum, dass sich Lerninhalte dauerhaft im Gehirn festigen.


Ferien sind Erholungszeiten und keine Lernzeiten.

Alfred Stockert

„Also geht meine Grundaussage dahin, dass Ferien Erholungszeiten sind und keine Lernzeiten.“ Auch wenn Kinder sich schwer mit dem jeweiligen Lernstoff tun, sollten sie sich nicht gezwungenermaßen damit in den Ferien auseinandersetzen. Dies könne sich in manchen Fällen sogar zu einem späteren Schulversagen entwickeln, wenn man immerzu lernen soll.

Alfred Stockert wurde 1959 in Ansbach in der Luitpoldschule eingeschult. Dort verbrachte er knapp fünf Jahre. Damals hieß es, ein Kind in der Familie kann auf das Gymnasium gehen, das andere Kind schließt die Volksschule ab und macht eine Lehre. Somit ging sein Bruder auf das Gymnasium und er blieb in der Volksschule.

Nach einem Umzug der Familie nach Nürnberg blieb Alfred Stockert auch dort bis zum Ende der achten Klasse in der Volksschule. Man schloss damals die Volksschule nach acht Jahren ab. Wegen seiner relativ guten Noten wurde er in Nürnberg in die Realschule aufgenommen, in der er gleich eine 9. Klasse besuchen durfte.

Dies ging allerdings nur bis Weihnachten gut und er wechselte zurück in eine 8. Klasse. In Nürnberg erlangte Alfred Stockert auch die mittlere Reife. Anschließend wechselte er auf die damals neu geschaffene Fachoberschule, wo er das Fachabitur ablegte.

Auf dem zweiten Bildungsweg an Uni gelangt

Nach dem Studium an der Fachhochschule für Sozialwesen (vier Semester) wechselte Alfred Stockert an die Erziehungswissenschaftliche Fakultät der Universität Erlangen-Nürnberg. Nach einer bestandenen Vorprüfung erlangte man damals eine fachgebundene Hochschulreife. Deshalb konnte er eine Universität besuchen. „Ich gelangte also gewissermaßen auf dem zweiten Bildungsweg an eine Universität und konnte Lehrer werden.“

In jüngeren Jahren als Schüler waren seine Lieblingsfächer Sport und Deutsch, später Deutsch und Philosophie. „Ich benutzte die Ferien niemals, um Lernstoff zu üben beziehungsweise zu wiederholen.“ Lediglich wenn Abschlussprüfungen (mittlere Reife oder Fachabitur) anstanden, lernte er auch während der Ferienzeit.

1977 trat Alfred Stockert als „Lehramtsanwärter“ in den Schuldienst ein. 1980 machte er dann das zweite Staatsexamen. Nach einigen Jahren in der „Mobilen Reserve“ war er 14 Jahre lang an der Grund- und Hauptschule Leutershausen als Hauptschullehrer tätig. Es folgten acht Jahre als Konrektor in der Grund- und Hauptschule Feuchtwangen-Stadt.

Eheleute Stockert genießen Ruhestand

Vier Jahre verbrachte er dann als Rektor der damaligen Grund- und Mittelschule Dentlein, bevor er fünf Jahre lang bis August 2016 die Friedrich-Güll-Schule in Ansbach als Rektor führte. Damals wie heute sind die Grundschulen und die Mittelschulen getrennte Verwaltungseinheiten. In Ansbach führt ein Rektor die Grund- und die Mittelschule gemeinsam, wenn sie in ein und demselben Gebäude untergebracht sind.

Seine Ehefrau war Lehrerin an der Grundschule Schalkhausen. Der ältere Sohn ist Realschullehrer in Baden-Württemberg und der jüngere Sohn ist freiberuflicher Musiker nach einem Master-Studium in Germanistik und Musikwissenschaften.

Seit 2016 genießen die Eheleute Stockert den gemeinsamen Ruhestand, den sie sich mit Wohnmobilfahrten „versüßen“. Ehrenamtlich engagiert sich Alfred Stockert als Stiftungsratsmitglied in der Kinder- und Jugendstiftung Ansbach „Brücken bauen – Zukunft gestalten“.

Sommerferien im Freibad

Josef Span, ehemaliger Lehrer für Mathematik und Physik am Theresien-Gymnasium Ansbach und später Schulleiter am Gymnasium Feuchtwangen bis zu seiner Pensionierung, erzählt, erst neulich habe jemand im Freundeskreis zum Thema Sommerferien bemerkt: „Die Sommerferien haben sich für mich im Freibad abgespielt. Man hatte immer Gesellschaft. Wenn wir gerade nicht im Wasser waren, pflegten wir das, was junge Leute ,Chillen‘ nennen, kicherten oder spielten vor allem Fußball. Eine herrliche Zeit.“

Bei geeignetem Wetter war Josef Span im Freibad. Die Einstufung als „geeignet“ habe er sehr großzügig vorgenommen. „Auch wenn ich gerne in die Schule ging und den Aufenthalt dort bisweilen sogar als Bereicherung empfand, galt für mich der Grundsatz: Alles, was mit Schule zu tun hat, genießt in den Sommerferien wohlverdiente Pause“, sagt er.

Und weiter: „Zugegeben, vor dem Abitur haben sich bei mir dann doch einige schulbedingte Aktivitäten in die Sommerferien gedrängt.“ Das sei aber gut auszuhalten gewesen. „Hatte ich doch schon so viele unbeschwerte Sommerferien genossen.“

Heute gebe es für junge Leute viele Möglichkeiten, neue Bereiche kennenzulernen, die nicht Thema im Schulunterricht sind. Sie können neue Sportarten und interessante Wissensgebiete kennenlernen, Erfahrungen sammeln und dabei Erfolgserlebnisse erzielen, die ihnen im Unterricht vielleicht nicht immer zuteilwerden. „Wie wir häufig erleben, können Schüler im Umgang mit den neuen Medien beeindruckend hohe Professionalität erwerben.“ Für all diese Aktivitäten böten gerade die Sommerferien sehr gut den erforderlichen zeitlichen Spielraum.


Mit Schwung ins neue Schuljahr.

Josef Span

„Ich glaube nicht, dass der Lernerfolg sehr davon abhängt, ob sich ein Schüler ein paar Tage in den Sommerferien mit dem Schulstoff beschäftigt oder nicht. Mehr verspreche ich mir jedoch, wenn er gut erholt mit neuer Kraft, vielen neuen Eindrücken und schönen Erfolgserlebnissen mit Schwung ins neue Schuljahr startet.“

Es gebe sicher gute Gründe, meint er, einen Teil der Sommerferien für die Schule zu opfern, wenn zum Beispiel für einen Schüler das Vorrücken in die nächste Jahrgangsstufe vom Erfolg bei einer Nachprüfung abhängt oder wenn sich aufgetretene Wissenslücken mit überschaubarem Aufwand schließen lassen. Sein Rat an die Eltern: „Versuchen Sie, im Gespräch mit Ihren Kindern auf den Einstiegssatz ,Hast Du schon …?‘ möglichst zu verzichten, vor allem in den Ferien.“ Auch einmal „Garnichtstun“ sei sehr wichtig.

Rainer Volkert verbrachte seine gesamte Schulzeit bis zum Abitur 1969 am Georg-Wilhelm-Steller-Gymnasium Bad Windsheim. Sport, Biologie, Geografie waren seine Lieblingsfächer. „Während meiner Schulzeit verlangten meine Eltern niemals von mir, den Schulstoff zu wiederholen oder zu erweitern. Ebenso hielten es meine Ehefrau und ich bei unseren Söhnen, welche beide ebenfalls Lehrer für Englisch/Geschichte und Sport/Englisch sind“, sagt er.

„Ich bin davon überzeugt, dass Schülerinnen und Schüler eine längere Zeit der Erholung und Ablenkung von Schule und Lernen benötigen, und so habe ich es auch während meiner gesamten Dienstzeit gehalten. Sie müssen abschalten und sich anderen Interessen zuwenden können.“ Dadurch sei nach den Ferien ein konzentriertes, zielorientiertes und nachhaltiges Lernen und Vorbereiten während der Unterrichtszeit möglich, erklärt er. Ein permanentes Lernen und Üben unter Zwang verhindert nach seiner Meinung ein selbstständiges Lernen während der Unterrichtszeit und hemme die Motivation zu eigenständigem Lernen.“


Anderen Interessen zuwenden.

Rainer Volkert

Nach dem Abitur hatte Rainer Volkert seine Wehrpflicht bei der Bundeswehr in der 1. Gebirgsdivision abgeleistet und war auch bis 2012 als Offizier der Reserve in verschiedenen Funktionen tätig. Nach der Wehrpflichtzeit studierte er Lehramt am Gymnasium in den Fächern Sport und Geografie an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. Das Referendariat absolvierte er am Ludwigs-Gymnasium München mit anschließendem Lehrdienst (1978-1987) am Benediktiner-Gymnasium Ettal, Albrecht-Altdorfer-Gymnasium Regensburg und Erasmus-Grasser-Gymnasium München. Von 1987 bis zur Pensionierung 2014 unterrichtete der Bad Windsheimer an der Schule seiner Jugendzeit Sport und Geografie.

Rainer Volkert ist nach wie vor ehrenamtlich aktiv: im Stadtrat Bad Windsheim (da war er schon Fraktionsvorsitzender, Partnerschaftsbeauftragter und 2. Bürgermeister), im Sportverein, im Historischen Verein Alt-Windsheim, in der Katholischen Kirchenverwaltung St. Bonifaz. Er ist Festspielleiter des Historischen Wagnertanzes Bad Windsheim, Mitglied im Aufsichtsrat der Pastorius-Heim-Gesellschaft und der Internationalen Georg-Wilhelm-Steller-Gesellschaft mit Sitz in Halle an der Saale.

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