Die erste Abendpremiere der Kreuzgangspiele steht am Donnerstag an. Intendant Johannes Kaetzler inszeniert Friedrich Dürrenmatts tragische Komödie „Der Besuch der alten Dame“, ein Stück, das, wie er es beschreibt, in die Zeit passt und noch immer aussagekräftig ist.
Uraufgeführt wurde Dürrenmatts Stück bereits 1956, es verhandelt aber laut Kaetzler eine zentrale Frage, die auch heute noch ungeheuer brisant ist: Wie käuflich ist Moral? „Klar“, so der Regisseur, „hatte Dürrenmatt das Werk mit dem Blick der 1950er-Jahre geschrieben, aber im Kern ist es zeitlos.“ Allerdings, fügt er an, wolle er das Stück aus heutiger Sicht erzählen, für die Menschen von heute.
In der Textfassung, die Kaetzler für die Kreuzgangspiele entworfen hat, gibt es daher ein paar kleine Abänderungen. Den gut dreieinhalbstündigen Urtext hat Kaetzler auf knapp zwei Stunden gekürzt, etwa Details, die man nur aus den 50er-Jahren heraus verstehen kann, oder auch reine Ausschmückungen gestrichen. Wesentlich für diese Vorgehensweise war für ihn die Überlegung, was die Geschichte konsequent erzählt und voranbringt.
Auch hat er einige Figuren, etwa die beiden Zeugen aus der Vergangenheit, neu gefasst, für sie auch den Text leicht angepasst. „Die einzelnen Figuren“, sagt er, „sind so vielschichtig, dass es sich lohnt, sie in ihrer psychologischen Tiefe zu erfassen und auszuarbeiten.“ Das Stück habe aber auch komische Momente, deutet er an. Die Handlung an sich bleibt bei Kaetzler aber erhalten.
Nach vielen Jahren kehrt Claire Zachanassian (Maike Bollow), geborene Klara Wäscher, als reiche „alte Dame“ in ihre Geburtsstadt, inzwischen ein verarmter, schmuckloser Ort, zurück. Als junges Mädchen hatte sie in der Stadt großes Unrecht erlebt, musste die Stadt entehrt und ohne Geld verlassen. Jetzt möchte sie die Rechnung begleichen, verspricht unvorstellbar viel Geld, wenn Alfred Ill (Andreas Wobig), der Schuldige von damals von den Bewohnern getötet werde.
Die Lage, so Kaetzler, sei für alle ökonomisch schwierig, also stelle sich die Frage, wie weit die Einzelnen gehen würden, um in den Genuss eines finanziellen Vorteils zu kommen. Wie bestechlich ist der Mensch? Wie weit würde jeder einzelne gehen, um an das Geld zu kommen? Welchen Stellenwert hat die Moral dabei? „Überlegungen“, so der Regisseur, „die Dürrenmatt radikal stellt und verhandelt.“
Die aktuellen gesellschaftlichen Umstände ließen durchaus Vergleiche zu. Gerade in solchen schwierigen Situationen, betont er, könnten Menschen für extreme Positionen anfällig werden, eventuellen Versprechungen erliegen. Der „Besuch der alten Dame“, habe daher auch heute viel zu erzählen.
Besonders freut den Intendanten, dass in seinem Ensemble Menschen verschiedener Generationen spielen. Die Spanne gehe von Mitte Zwanzig bis zu Schauspielern im Alter von etwa 80 Jahren, durchaus ein stimmiges Abbild der Bevölkerung einer Stadt. „Alle haben ihr eigenes Schicksal“, fasst der Regisseur zusammen, „mit unserer Inszenierung wollen wir das Menschliche dabei im Blick haben.“