Bei Mega-Events wie Weltmeisterschaften und Konzerttourneen stammt der Großteil der Kohlendioxid-Emissionen von der An- und Abreise der Zuschauer. Darauf verweisen vier Forscher der Universität Cambridge in England und nennen als ein Beispiel die WM in den USA, Mexiko und Kanada. Positiv heben sie die britische Pop-Rock-Band Coldplay hervor, die den CO2-Ausstoß von Konzerten und Fanreisen in etwa halbiert habe.
Die FIFA und Popstars sollten Rabatte für Fans anbieten, die umweltfreundlich an- und abreisen, schlägt das Forschungsteam im Journal „Communications Sustainability“ vor. Zudem könne Klimaschutz über Ticketpreise finanziert werden.
„Wirksame Klimastrategien für Mega-Events wie die Fußball-Weltmeisterschaft gehen weit über die Reduzierung der betrieblichen Emissionen an den Veranstaltungsorten hinaus, da dies nur einen Bruchteil des gesamten CO₂-Fußabdrucks ausmacht“, betont Hauptautor Shaun Larcom. „Wie wir am Beispiel von Coldplay sehen, entsteht echte Nachhaltigkeit dann, wenn die Veranstalter das gesamte System des Fanverhaltens beeinflussen, von Transport und Routenplanung bis hin zu Entscheidungen über den Umfang und die Gestaltung einer Veranstaltung.“
Für die analysierte Tour durch Europa mit 32 Konzerten im Jahr 2024 nutzte Coldplay etwa Solaranlagen und aufladbare Autobatterien, emissionsärmere Kraftstoffe und Anreize für Fans zu nachhaltigem Reisen.
Fans konnten per App die Auswirkungen ihrer Reisen für verschiedene Verkehrsmittel berechnen. Diese belohnte einen CO₂-armen Transport mit Rabatten für Fanartikel im Online-Shop von Coldplay. „Auf dieser kleinen Ebene war ein gewisses Maß an Vertrauen erforderlich“, sagte einer der Erstautoren, Jascha Servi, der Deutschen Presse-Agentur dpa. Nach Abschluss der Tour habe Coldplay die Emissionsreduktion pro Show jedoch von einer Gruppe des Massachusetts Institute of Technology verifizieren lassen. „Diese belegte, dass die Fans insgesamt ihren selbst angegebenen Reiseweg tatsächlich eingehalten haben.“ Als nächsten Schritt könne man überlegen, von den Fans Quittungen etwa von Zugtickets zu verlangen.
Die Klima-Maßnahmen reduzierten die direkten Treibhausgas-Emissionen der Band und der Konzerte um 59 Prozent, schreibt das Studienteam mit Verweis auf Angaben von Coldplay. Sie machen jedoch nur einen Bruchteil der Gesamtmenge aus. 97 Prozent der Gesamtemissionen durch die Tour 2024 stammten aus den Reisen der Fans. Diese seien um rund 48 Prozent gesunken.
Bei der gesamten Tour wurden laut Studie Treibhausgase ausgestoßen, die der Wirkung von 58,5 Kilotonnen CO2 entsprechen (CO₂-Äquivalente). Das ist etwa so viel wie der Ausstoß von 5.700 Bundesbürgern pro Jahr.
Das Forscherteam ging davon aus, dass pro Tonne CO₂-Äquivalent global ein wirtschaftlicher Schaden von 186 US-Dollar (163 Euro) entsteht - ein oft genutzter Wert, der etwa Ernteausfälle sowie Extremwetter- oder Gesundheitsschäden einrechnet. Demnach ergebe sich für die Tour ein Gesamtschaden von 10,8 Millionen US-Dollar. Das entspreche etwa 4,7 Prozent der Ticketeinnahmen.
Coldplay versprach auf seiner Webseite, mehr CO₂ zu binden, als die Tour verursacht habe. Die Band nennt unter anderem Projekte in der Wiederaufforstung, Bodenregeneration, CO₂-Abscheidung und -Speicherung und bei den erneuerbaren Energien.
Mega-Events generierten einen erheblichen wirtschaftlichen Wert und die Stars hätten zugleich eine einzigartige Nähe zu ihrem Publikum, „was ihnen sowohl die Mittel als auch den kulturellen Einfluss gibt, um beim Klimaschutz eine Vorreiterrolle einzunehmen“, sagte Servi.
Für die WM 2026 mit 104 Spielen schätzten die Forscher einen Ausstoß von insgesamt 4,23 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalenten. Dies entspreche rein rechnerisch den jährlichen Emissionen von etwa 785.000 Europäern. Hier entfallen 82 Prozent auf Reisen der Fans zur WM sowie auf ihren Transport innerhalb und zwischen den Austragungsorten. Die wirtschaftlichen Schäden der Gesamtemissionen berechnete das Team auf 787 Millionen US-Dollar.
Rechnete man Konzert- und Reise-Emissionen in die Ticketpreise ein, würden sie sich bei Coldplay im Schnitt um etwa 11 US-Dollar erhöhen und bei der WM um etwa 114 US-Dollar.
Die Forscher haben drei zentrale Vorschläge für Mega-Events:
1) Eine Erhöhung der Ticketpreise und zugleich eine Rückvergütung für nachweislich nachhaltiges Anreisen. Die Käufer seien durchaus bereit, mehr zu zahlen, schreibt das Team mit Verweis auf öffentlich verfügbare Daten aus Sekundärmärkten von Karten.
2) Bei der Auswahl der Veranstaltungsorte sollte der Reiseaufwand für die Fans minimiert werden, etwa durch mehr Veranstaltungsorte in regionalen Zentren. „Für die Weltmeisterschaft könnte eine Verlegung der Veranstaltung nach Europa die Reise-Emissionen erheblich reduzieren, da etwa 40 Prozent der internationalen Teilnehmer von dort kommen“, heißt es in der Studie.
3) Fans sollten ermutigt werden, ihre CO₂-Emissionen freiwillig über zertifizierte Kompensationsprogramme zu kompensieren - aber erst, wenn alle anderen Optionen ausgeschöpft seien.
Zudem könnten Bands ihre Reichweite nutzen, um klimaschonende politische Maßnahmen zu fördern, schreibt das Team und hebt das US-amerikanische Indie-Pop-Trio AJR hervor. Dies habe gemeinsam mit lokalen Interessengruppen seine Fans in Klimaschutzkampagnen eingebunden.
Wenn Taylor Swift beschließen würde, Klimaverträglichkeit in den Mittelpunkt ihrer Tourneen zu stellen, könnte das beispielsweise mehr Veranstaltungsorte und damit weniger Reisen für ihre Fans bedeuten und zudem Ticketrabatte für Zugfahrten statt Flüge ihrer Fans, sagte Hauptautor Larcom der dpa.
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