Warum eine Dinkelsbühler Ultraläuferin jetzt in Sandalen rennt | FLZ.de | Stage

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Veröffentlicht am 28.06.2024 10:00

Warum eine Dinkelsbühler Ultraläuferin jetzt in Sandalen rennt

Show oder Sport? Egal. In diesem Aufzug und vor allem mit diesem Schuhwerk ist Purity Jenninger Aufmerksamkeit gewiss. (Foto: Steve Jenninger)
Show oder Sport? Egal. In diesem Aufzug und vor allem mit diesem Schuhwerk ist Purity Jenninger Aufmerksamkeit gewiss. (Foto: Steve Jenninger)
Show oder Sport? Egal. In diesem Aufzug und vor allem mit diesem Schuhwerk ist Purity Jenninger Aufmerksamkeit gewiss. (Foto: Steve Jenninger)

Wer sieht, wie Purity Jenninger beim Hofer Backyard Ultra ihre Medaille abholt könnte durchaus zu der Ansicht kommen, dass es nicht die allerbeste Idee ist, hundert Kilometer am Stück in Sandalen zu laufen.

Ein bisschen hüftsteif und wie auf Eiern geht die Dinkelsbühlerin da zur Siegerehrung. „Nach hundert Kilometern ist das normal, da tut einem immer irgendwo was weh“, sagt Jenninger. Am Schuhwerk liege es nicht. Ultraläufe in Sandalen, das ist momentan ihr Ding.

Schuhe werden allgemein überschätzt

Und was ist mit der Dämpfung, dem Komfort für die so hoch beanspruchten Füße, die die teilweise als Wunderschuhe vermarkteten hochpreisigen Produkte der Sportartikelindustrie versprechen, die in futuristischen Laboren den Läufern passgenau auf Ferse und Zehen geschneidert werden? Wird alles überschätzt, findet Jenninger.

Sie sei als Kind in Kenia schon viel barfuß gelaufen und tut es nun wieder. Nach Problemen mit der Hüfte sei ihr das empfohlen worden.

Für die Rennen nimmt sie Sandalen. Gar nicht so unähnlich den Plastikteilen, mit denen sich Pauschaltouristen, flapp, flapp, flapp, vor dem klebrigen Boden beim Frühstücksbüffet und auf dem Weg zur Strandliege vor dem heißen Sand schützen. Ein paar Riemen mehr als der gemeine Flip-Flop haben die von Jenninger schon, sie hat auch welche aus Leder. „Insgesamt bin ich wohl schon an die 3000 Kilometer in Sandalen gelaufen“, sagt Jenninger.

Gekleidet wie eine Massai

Die 41-jährige zweifache Mutter hat sich in der Ultraszene einen Namen gemacht und sie weiß sich zu inszenieren. Seltsames Schuhwerk verbunden mit bunten Kleidern, angelehnt an Trachten der Massai, das fällt auf zwischen den ganzen Funktionsshirtträgern. Dass mancher dabei mehr an Show als an Sportwettkampf denken könnte, stört sie nicht. Aufmerksamkeit, eine wichtige Währung nicht nur auf Social Media, ist durch das ungewöhnliche Outfit jedenfalls garantiert. Und höchst willkommen. Einerseits, weil damit eine Spendenaktion für Kinder in Kenia verbunden ist und andererseits, weil Jenninger durch ihren Sport dazu beitragen möchte, die Familie zu ernähren.

Sieger wird in Gemüse aufgewogen

Neulich klappte das im Wortsinn. Beim Reichenauer Insellauf werden die Sieger in Gemüse aufgewogen. Nun ist Jenninger ja keinesfalls übergewichtig (diese Zeit ging vor Jahren mit Beginn des intensiven Lauftrainings zügig zu Ende), dennoch konnte sie nur einen Teil der viele Kilogramm schweren Prämie vom Bodensee mit nach Hause nehmen.

Die diversen Marathons, die Jenninger in diesem Jahr schon gelaufen ist, oft in etwa viereinhalb Stunden, dienen hauptsächlich der Vorbereitung auf die Ultraläufe. Vergangenes Jahr meisterte sie unter anderem den Spartathlon über 246 Kilometer in Griechenland.

200-Kilometer-Lauf startet in Rothenburg

Als nächste große Herausforderung wartet nun ab Ende Juli der Deutschlandlauf über knapp 1300 Kilometer. Allerdings nicht am Stück, sondern verteilt auf 21 Etappen zwischen Flensburg und Lörrach, was Tagesabschnitte zwischen 50 und 70 Kilometer ergibt.

Wenig im Vergleich zu den vielen 100-Kilometer oder 100-Meilen-Läufen, die Jenninger schon bewältigt hat. Auch den Deutschlandlauf, für den knapp 2000 Euro Startgeld fällig sind, will sie in Sandalen bestreiten. Fest gebucht für Oktober ist dann ihr Heimrennen, der Taubertal 100, von Rothenburg nach Gemünden, wobei sie diesmal die neue 200-Kilometer-Strecke im Auge hat. Das Zeitlimit dafür sind 32 Stunden. Ein echter Stresstest für ein paar Sandalen.

Hinter der Story

Purity Jenninger ist ein großer Fan von WhatsApp. Sie ist nicht nur in der Lage, Dateien von erheblichem Umfang über den Messenger zu verschicken, sondern meldet sich darüber auch in der Redaktion wenn sie findet, dass sie mal wieder Berichtenswertes zu bieten hat. Die Dinkelsbühlerin ist beileibe nicht die schnellste Läuferin, die im FLZ-Sportteil vorkommt, aber bestimmt die mit der größten, letztlich unfassbaren Ausdauer. Und die, die sich beim Lackieren von Nägeln an die gewagtesten Farbkombinationen herantraut. Was man erst so richtig sieht, seit sie in Sandalen läuft.


Alexander Keck
Alexander Keck
Der noch in Vor-Internetzeiten der FLZ zugelaufene Schwarzwälder hat im Verlauf von fast drei Jahrzehnten die fränkischen Merkwürdigkeiten, die in Ohrmuscheln (Allmächd!) und auf Esstellern (Saure Zipfel!) landen schätzen gelernt. Nur die im Vergleich zu Spätzle stets zu breiigen Knödel mag der Schwabe nicht. Das Schreiben über Sport dagegen immer noch sehr - gerne auch abseits des Mainstreams.
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