„Das war das erste Mal in meinem Leben, dass ich ein weißes Reh gesehen habe“, sagt Dr. Wolfgang Kornder (66) aus Ulsenheim, Vorsitzender des Ökologischen Jagdverbands (ÖJV). Mit Jägerkollegen hat er im Auto besagtes Exemplar bei Emskirchen (Landkreis Neustadt/Aisch-Bad Windsheim) angetroffen – und fotografiert.
Unweit der Schneemühle hatte das Jäger-Trio das weiße Reh gesehen, in einem Heckeneck, umgeben von Straßen. „Wir waren drei Meter entfernt. So ein Anblick ist ganz selten, wirklich“, sagt Kornder. Das Besondere: Das Tier war kein Albino. Die Pupillen seien schwarz und nicht rot gewesen. Die weiße Fellfarbe ist auf eine Pigmentstörung zurückzuführen – „eine Farbmutation“. Zuerst habe er an ein ausgebüxtes Schaf gedacht, so Kornder, aber auf den zweiten Blick offenbarte sich: eindeutig ein Reh. „Wir waren alle überrascht.“ Dieser Tage im Schnee wäre das Tier dann sozusagen unsichtbar gewesen.
Ein Kollege im Auto wusste, dass im Emskirchener Raum wohl eine ganze Population mit dieser Genveränderung unterwegs ist. Gemeindeförster Gernot Käßer bestätigt das. In der Gegend von Eckenberg (Gemeinde Emskirchen) sowie Oberalbach und Ebersbach (Gemeinde Wilhelmsdorf) sei weißes Wild längst keine Seltenheit mehr, schon seit etlichen Jahren streunt es dort durch die Gegend. Auch Albinos seien unter ihnen zu finden.
„Je mehr es gibt, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich vermehren“, erläutert Käßer im Gespräch mit unserer Redaktion. Jagdpächter Günter Pfau – sein Revier geht vom alten Sportplatz in Wilhelmsdorf etwa bis Altschauerberg und Dürrnbuch – kennt das Phänomen ebenfalls.
Seit 20 Jahren jagt Pfau nach eigenen Angaben in der Emskirchener Ecke, die weißen Rehe habe er aber lange Zeit nur aus Erzählungen seines Vorgängers gekannt. Bis er plötzlich selbst auf eines stieß: eine tote Geiß, von einem Auto überfahren. Im Nachbarrevier, da habe er mittlerweile auch das eine oder andere Lebendexemplar gesehen. Aber nur gut ein Prozent der Rehe sind seines Wissens weiß – „das ist äußerst selten“. Deshalb trauen sich viele Jäger auch nicht, sie zu schießen. „Das ist etwas ganz Besonderes, man schießt sie nicht“, findet auch Kornder, der ansonsten bei der Reh-Jagd durchaus eifrig dabei ist. Doch das Thema „weißes Wild“ ist mythologisch aufgeladen.
Ein Blick zu den Kelten verrät: Das weiße Reh soll Schutzpatronin Rhyanna verkörpert haben, die verirrten Wandersleuten den richtigen Weg weist. Auch bei Harry Potter verfügt ein weißer Hirsch über magische Kräfte. Und eine alte Jägerlegende warnt: „Wer ein weißes Reh schießt, dessen Leben ist verloren – oder jemand aus der Familie des Waldhüters stirbt.“
Rehe, die den Tod bedeuten also? „Mein Vorgänger war sehr abergläubisch“, sagt Jagdpächter Günter Pfau. „Der hätte niemals ein weißes Reh geschossen. Aber das ist natürlich völliger Blödsinn.“ Auch der ÖJV-Vorsitzende Dr. Wolfgang Kornder winkt ab, betont aber nochmals mit Nachdruck: „Man schießt sie einfach nicht.“ Vorsichtshalber.