Im Rahmen des Weltgästeführertags 2026 luden die Rothenburger Gästeführerinnen und Gästeführer zu besonderen Veranstaltungen ein. Die Angebote waren kostenlos, die eingegangenen Spenden gingen zu 100 Prozent an den Hospizverein.
Drei Führungen standen auf dem Programm mit dem Motto „Mit offenen Augen durch...”. Den Auftakt machten der Tourismusseelsorger Dr. Oliver Gußmann und Elena Kandert, die rund 70 Besucherinnen und Besucher durch die Jakobskirche führten. Die meisten von ihnen kamen aus Rothenburg und Umgebung, doch auch Gäste aus Ingolstadt und Erlangen waren mit dabei. Jeder kenne das Attribut des Heiligen Jakobus, die Jakobsmuschel, so Elena Kandert. Sie sei auch das Symbol des Jakobsweges, die strahlenförmigen Linien stünden für die verschiedenen Pfade der Pilgernden aus aller Welt.
Im Friedrich-Herlin-Altar kann man den Heiligen mit seiner Pilgermuschel entdecken. Dr. Gußmann erläuterte eine weitere Auffälligkeit: Die Heiligen auf dem Altar trügen alle keine Schuhe. Das hänge damit zusammen, dass das Leder für die Schuhe von „totem Tier“ stamme, nichts Totes durfte in den Heiligen Bezirk gebracht werden. Jeder Jünger hätte sein Symbol, am X-förmige Kreuz etwa erkenne man den Heiligen Andreas. Dieses Kreuz finde sich auch im Straßenverkehr als Andreaskreuz wieder. Petrus wird mit Schlüsseln dargestellt, er ist der Himmelspförtner.
Weiße und rote Rosen sind in der Verkündigungsszene dargestellt: Sie stünden für die Begegnung Marias mit dem Engel Gabriel und den Kreuzestod Jesu. Friedrich Herlin, um 1430 in Rothenburg geboren, hat den Heiligen Petrus nicht nur mit den Schlüsseln dargestellt, sondern ihm auch eine Brille auf die Nase gesetzt, ein Symbol dafür, dass er „den Durchblick“ habe. Tatsächlich musste Friedrich Herlin mit zunehmendem Alter immer weiter zurückgehen, um seine Bilder betrachten zu können, bis ihm schließlich jemand eine Brille gab. Dies begeisterte ihn so sehr, dass er immer wieder Personen mit Brillen dargestellt habe, erklärte Gußmann.
Auf der Rückseite des Altars: die älteste Darstellung des Rothenburger Marktplatzes und das Hühnerwunder des Heiligen Jakobus. Demnach hat eine Pilgerfamilie auf dem Weg nach Santiago de Compostela in einer Herberge Rast gemacht. Die Wirtstochter verliebte sich in den Sohn und wollte ihn verführen, doch er blieb standhaft und lehnte ihr Angebot ab. Aus Rache versteckte sie einen wertvollen Becher in seinem Gepäck. Daraufhin wurde der junge Mann des Diebstahls bezichtigt und gehängt.
Seine Eltern zogen schweren Herzens weiter nach Santiago de Compostela. Auf dem Rückweg fanden sie ihren Sohn lebend am Galgen, Jakobus hatte ihn die ganze Zeit über gestützt. Als sie den Richter darauf ansprachen, deutete er auf seinen Tisch und meinte nur: „Euer Sohn ist so lebendig,wie diese gebratenen Hühner hier.“ Prompt flatterten die Hühner empor. Über fünf Tafeln breitete Herlin die Legende vom Hühnerwunder aus.
Weiter ging es mit der Betrachtung der Fenster: Zunächst stand das Eucharistiefenster im Ostchor im Mittelpunkt. Tatsächlich gibt es dort Brezeln und Spitzweck zu entdecken, die als Manna vom Himmel fallen und von den hungrigen Israeliten aufgefangen werden.
Im Langhaus folgte die Betrachtung der Reformationsfenster. Mittendrin: die „Lutherrose“ unter dem Portrait des Reformators Martin Luther. Symbole für Glaube und Hoffnung verbergen sich in der weißen Rose: ein schwarzes Kreuz inmitten eines roten Herzens. Umschlossen wird die Rose von einem goldenen Ring, der keinen Anfang und kein Ende hat, wie die Liebe Gottes.
Abschließend stiegen die Besuchenden die Treppe zum Heilig-Blut-Altar empor, der auf dem Westchor, dem jüngsten Teil der Jakobskirche, steht. Dort ertönte Vogelgezwitscher, ganz leise. Eine Nachtigall in St. Jakob? Wie kann das sein? Ja, es gibt sie tatsächlich. Wer genau hinschaut, kann sie entdecken. Tilman Riemenschneider hat sie in den Weinranken versteckt und mit den eingespielten Tönen meint man, sie singen zu hören.
Die Vorsitzende des Hospizvereins, Petra Underbrink, dankte den Gästeführerinnen und Gästeführern für ihr Engagement zugunsten des Hospizvereins: Sie möchte von den Spendengeldern eine Trauerbank für den Friedhof anschaffen. Dort soll an jedem Samstag jemand sitzen, der zuhört, wenn Menschen traurig oder in Nöten sind.