Winterschlaf mit Vollpension: Igel Alf und Co. werden in Bad Windsheim fit gemacht | FLZ.de | Stage

foobarious
arrow_back_rounded
Lesefortschritt
Veröffentlicht am 31.12.2025 10:00

Winterschlaf mit Vollpension: Igel Alf und Co. werden in Bad Windsheim fit gemacht

Igel Alf wird den Winter in der Obhut von Isolde Bratke verbringen. Milben haben ihm im Gesicht die Haare weggefressen. (Foto: Nina Daebel)
Igel Alf wird den Winter in der Obhut von Isolde Bratke verbringen. Milben haben ihm im Gesicht die Haare weggefressen. (Foto: Nina Daebel)
Igel Alf wird den Winter in der Obhut von Isolde Bratke verbringen. Milben haben ihm im Gesicht die Haare weggefressen. (Foto: Nina Daebel)

Isolde Bratke ist am Limit. Doch sie kann und will bei so viel Not und Leid nicht wegschauen. Die Igel liegen ihr am Herzen. Dass sie ihr eigenes Leben dafür ein Stück weit hinten anstellen muss, nimmt sie gerne in Kauf. Mittlerweile hat sie täglich Hilfe bei der Versorgung der Tiere. Einige überwintern bei ihr in Bad Windsheim.

Ohne diese Hilfe würde es nicht mehr gehen, sagt Bratke. Sie spürt deutlich, dass ihr die Arbeit an die Substanz geht. Es sind täglich wiederkehrende Aufgaben und Abläufe, die bewältigt werden müssen. Die derzeit 24 Igel-Unterkünfte müssen gesäubert und desinfiziert werden, frisches Wasser und neues Futter werden bereitgestellt. Handtücher müssen gewaschen, der Müll entsorgt und die Böden gewischt werden.

Und dann fehlt noch die medizinische Versorgung, die zudem schriftlich dokumentiert werden muss. Die Tiere werden gewogen und es wird die zum Gewicht passende Dosierung der Medikamente errechnet. Einige müssen wegen eines Milbenbefalls gebadet werden. Da seien allein 30 Minuten pro Igel wenig Zeit.

Hohe psychische Belastung

Es ist aber gar nicht so sehr die körperliche Anstrengung, die Bratke an ihre Grenzen bringt, sondern vielmehr die psychische Belastung: „Ich bin für die Tiere verantwortlich, ich muss immer da sein. Das macht was mit einem, das ist eine Dauerbelastung und laugt aus.” Sie müsse sehr darauf achten, dass sie bei aller Liebe zu den Igeln nicht kaputtgehe.

In einer der Boxen ist ein Keuchen zu hören. „So hört es sich an, wenn Lungenwürmer abgehustet werden”, erklärt Bratke. In einer anderen Igel-Unterkunft raschelt es, dann knuspert es. Die Geräusche macht Speedy. Er ist ein Leuzist, eine „Laune der Natur”. Das sind Tiere mit einer Defektmutation, die Haut, Haare und Stacheln heller macht, als das normalerweise der Fall ist.

Speedy geht's so weit gut, Alf macht ebenfalls einen guten Eindruck. Aber er kämpft weiterhin gegen Milben. Die haben ihm die Haare im Gesicht weggefressen und auch Stacheln sind ihm schon ausgefallen, sodass er eine große kahle Stelle am Rücken hat. „Milben kann man ganz gut behandeln, aber sie sind eine Qual. Dagegen sind Flöhe und Zecken schon fast harmlos”, sagt Bratke.

Winter in der Pflegestation

Den Winter wird Alf in der Pflegestation verbringen. Wie andere auch. Sie alle müssen sich entweder weiter auskurieren oder haben schlichtweg zu wenig Gewicht. Mindestens 650 Gramm muss ein Igel auf die Waage bringen, wenn er einigermaßen gut durch die kalte Jahreszeit kommen will. Viele Tiere, die erst im August oder September geboren worden sind, erreichen dieses Gewicht häufig nicht. Wer trotzdem in den Winterschlaf geht, wacht Bratke zufolge häufig nicht wieder auf.

Zehn Prozent aller Igel werden laut der Expertin sogar erst Anfang Oktober geboren. Dass diese sich dann noch ein ausreichendes Gewicht anfressen können, um gut durch den Winter zu kommen, sei meist unwahrscheinlich. Denn dafür brauchen sie rund sechseinhalb Wochen. Doch sobald es draußen konstant acht Grad und kälter sei, würden sich die ohnehin wenigen Insekten weit in den Boden hinein zurückziehen. Den Igeln seien sie dann als Nahrungsquelle entzogen.

Deswegen rät Bratke dazu, in einem Futterhaus immer ausreichend Trockenfutter und Wasser bereitzustellen. Denn auch Tiere, die eigentlich im Winterschlaf seien, würden mitunter aufwachen. Und zwar, weil sie hungrig seien. „Sie haben nicht genug Kraft, um die Organe am Laufen zu halten und suchen mit letzter Kraft nach Nahrung – meist vergeblich.”

Nahrung fehlt das ganze Jahr über

Nahrung fehle ohnehin das ganze Jahr über, betont Bratke. Deswegen sollte auch das ganze Jahr über gefüttert werden. Sobald die Tiere im Frühjahr erwachen, bräuchten sie ausreichend Futter, um überhaupt wieder fit zu werden. Es folge die Paarungszeit, die ebenfalls kräftezehrend sei. Trockene Sommer würden sich negativ auf das Nahrungsangebot auswirken und während der Wurfzeit seien vor allem die weiblichen Tiere gefordert. „Igel sind immer in Not, und weil sie nachtaktiv sind, sind sie nicht sichtbar. Sie sterben leise.”

Im Garten von Isolde Bratke haben bereits Anfang Dezember neun Igel „kontrollierten Winterschlaf” gehalten. Weitere sind dazu gekommen. „Die kleinen Igel müssen Winterschlaf erst lernen”, erklärt sie. Deswegen sind sie in einem Gehege mit Futter untergebracht. Ansonsten würden sie orientierungslos umherlaufen und immer mehr Gewicht verlieren. „Das wäre ein Aussetzen, kein Auswildern.”

Wer jetzt noch einen umherlaufenden Igel sichtet, sollte ihn sichern und erst einmal wärmen. Anschließend könne man ihm etwas Nahrung geben. „Aber immer nur kleine Portionen, damit die Organ-Funktionen langsam wieder hochfahren können.” Ein Teelöffel pro Stunde sei anfangs ausreichend, so Bratke. Größere Portionen seien zwar gut gemeint, aber nicht verträglich und könnten sogar zum Tod führen.

Passende Unterkünfte bereitstellen

Außerdem rät sie dazu, den stacheligen Wildtieren für den Winter schon frühzeitig passende Unterkünfte bereitzustellen. Dabei sei es nicht ausreichend, einfach nur einen Laubhaufen liegenzulassen. „Der ist irgendwann durchnässt, da zieht keiner ein”, erklärt Bratke. Wer sich nicht eigens ein Igelhaus kaufen wolle, könne sich aber schon mit einfachen Mitteln selbst eines bauen.

So sei es beispielsweise möglich, Backsteine übereinander zu schichten und als Dach eine alte Schneeschaufel darüberzulegen. Auf keinen Fall aber sollte man eine Bodenplatte ins Haus legen. „Der Igel will und braucht den Kontakt zum Boden, um die Temperatur messen zu können.” Die Ausgestaltung des Innern dürfe man indes getrost den Tieren selbst überlassen. Sie würden sich die Unterkunft entsprechend auspolstern. Dazu müsse sie ausreichend groß sein, mindestens 30 Zentimeter breit und lang, empfiehlt Bratke.

north