„Wunder Punkt“ – Erinnerungen an Holocaust-Opfer | FLZ.de | Stage

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Veröffentlicht am 15.09.2026 12:56

„Wunder Punkt“ – Erinnerungen an Holocaust-Opfer

Anna Paroubek und ihre Familie. (Foto: privat/dpa)
Anna Paroubek und ihre Familie. (Foto: privat/dpa)
Anna Paroubek und ihre Familie. (Foto: privat/dpa)

Toni Heilmaier war acht Jahre alt, als er seine Großmutter Anna Paroubek zum letzten Mal sah. Damals wurde sie mit Waffengewalt von der Gestapo verschleppt. Erst Jahrzehnte später erfuhr der heute 92-Jährige, was genau dann mit seiner Oma passierte – denn er entdeckte ihr Bild und ihre Geschichte in einer Ausstellung über die Opfer des Holocaust, ein Unterrichtsprojekt einer Münchner Schule.

„Das hat ihn schon ziemlich mitgenommen, dass er plötzlich damit konfrontiert war“, sagt sein Sohn Christian Heilmaier der Deutschen Presse-Agentur. Zwar hatte die Familie rund ein Jahr nach der Verschleppung eine Todesnachricht bekommen. Ganz konkret aber habe sein Vater nicht gewusst, was seiner jüdischen Oma widerfahren war, was sie erleiden musste. „Wenn von der älteren Generation gesprochen wurde, dann von der Zeit, als mein Urgroßvater noch gelebt hat“, sagt Christian Heilmaier. „Weniger vom traurigen Teil. Das war ein wunder Punkt.“

„Kaum noch von ihr gesprochen“

Den traurigen Teil beschreibt die Stadt München so: „Seine Mutter – katholisch getauft wie die restliche Familie – sagte ihm, die Oma sei ins Altenheim gebracht worden“, heißt es aus dem Kulturreferat. „Danach wurde kaum noch von ihr gesprochen.“

Bis eben zu jenem Tag, als Toni Heilmaier das Bild seiner Großmutter in einer von Schülern gestalteten Ausstellung in seinem Stadtteil Großhadern entdeckte – völlig zufällig. 

Seither weiß er, dass Anna Paroubek – 1870 als Anna Graf in Czellechowitz geboren, das heute Teil der tschechischen Stadt Stochov ist – am 23. Juli 1942 von der Gestapo in das Ghetto Theresienstadt deportiert wurde. Schon vorher hatte sie nicht mehr mit ihren zum Katholizismus konvertierten Angehörigen zusammenleben dürfen. 

Sie starb „an unmenschlichen Lebensbedingungen“

Die Finanzbehörden zogen ihr gesamtes Vermögen ein, ließen das Inventar ihrer Wohnung versteigern. In Theresienstadt litt sie an Unterernährung und starb dort am 15. September 1943 im Alter von 73 Jahren „an den unmenschlichen Lebensbedingungen“.

Daran will ihr Enkel nun erinnern. Für das Projekt „Erinnerungszeichen“, für das in München das Kulturreferat zuständig ist, hat er zwei Gedenktafeln für seine Großmutter gespendet. Eine ist im ehemaligen Ghetto angebracht, eine soll nun in ihrer früheren Münchner Heimat aufgehängt werden. 

„Das hat natürlich in einer gewissen Weise zu einer Vergangenheitsbewältigung beigetragen“, sagt sein Sohn Christian, Anna Paroubeks Urenkel. „Das hat jetzt ganz gut getan, auch für die seelische Aufarbeitung.“

Wichtiger als die Gedenktafeln ist ihm persönlich aber etwas anderes: Er hat den Namen seiner Urgroßmutter auf dem Grabstein des Familiengrabes in München eingravieren lassen. „Bis jetzt war sie ja nirgends präsent, jetzt haben wir ein Zeichen.“

© dpa-infocom, dpa:260915-930-688012/1


Von dpa
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