Nach dem schweren Zugunglück in Spanien mit Dutzenden Todesopfern wächst der Druck auf Behörden und die linke Regierung, die Ursache der Katastrophe aufzuklären. Im Zentrum der Ermittlungen stehen der Ausfall des älteren deutschen Systems LZB sowie mögliche Fehlentscheidungen der Bahnleitstelle in Madrid. Die verzweifelte Suche nach Opfern und vermissten Angehörigen und Freunden ging unterdessen auf Hochtouren weiter.
Medien veröffentlichten Mitschnitte des Funkverkehrs, denen zufolge der Lokführer eines Hochgeschwindigkeitszuges von einem Mitarbeiter der Bahnleitstelle angewiesen wurde, den „normalen Fahrbetrieb“ wiederaufzunehmen, obwohl das automatische Zugsicherungssystem noch nicht wieder funktionierte und ein anderer Zug noch auf der Strecke stand.
Beim Unglück waren am Mittwochmorgen zwei Hochgeschwindigkeitszüge kollidiert: Ein Zug der staatlichen Bahngesellschaft Renfe fuhr von hinten auf einen stehenden Zug des privaten Unternehmens Iryo auf. Die Zahl der Todesopfer stieg inzwischen auf 69. An der Unglücksstelle in Urda in der Provinz Toledo rund 130 Kilometer südlich von Madrid sei in der Nacht eine weitere Leiche gefunden worden, teilte der Präsident der Region Kastilien-La Mancha, Emiliano García-Page, mit. Man könne „vorsichtig optimistisch sein“, dass keine weiteren Todesopfer gefunden werden, sagte er.
Verkehrsminister Óscar Puente hatte die Weiterfahrterlaubnis für den Renfe-Zug als „unerklärliche“ und „falsche“ Entscheidung bezeichnet. Die Lokführerin des Iryo-Zuges soll der Leitstelle zuvor mitgeteilt haben, dass sie wegen Problemen beim Neustart des Systems nicht weiterfahren könne. Ob und in welchem Umfang tatsächlich Fehlentscheidungen und ein menschliches Versagen zum Unglück beitrugen, müssen die Ermittlungen klären.
Am Donnerstag forderte der spanische Lokführerverband SEMAF mit einem eintägigen Streik bessere Sicherheitsvorkehrungen. Sprecher Diego Martín verlangte eine „gründliche und unabhängige Untersuchung“ des Unglücks. Zugleich kritisierte er die Veröffentlichung „verzerrter“ Mitschnitte aus der Leitstelle als „alarmierend und respektlos“. „Schuldzuweisungen lösen keine Tragödien, ihre Ursachen zu ermitteln, schon“, sagte Martín. Es sei derzeit unverantwortlich, nach Schuldigen zu suchen, statt die Ursachen zu klären.
Martín beklagte zudem, dass immer häufiger mit eingeschränkten oder gestörten Sicherheitssystemen gearbeitet werde. Das beim Unglück ausgefallene Zugsicherungssystem LZB hätte seiner Ansicht nach längst ersetzt werden müssen, weil es wiederholt Probleme gegeben habe.
Die seit 1992 auf der Strecke Madrid-Sevilla eingesetzte deutsche Technik soll durch das europäische System ERTMS - das sonst bereits überall in Spanien eingesetzt wird - abgelöst werden. Auf dem betroffenen Abschnitt hatten wenige Wochen vor dem Unglück Tests begonnen.
Unterdessen setzten die Rettungskräfte die Bergung der zerstörten Waggons fort. Ein umgestürzter Waggon musste noch geborgen werden. Auch die Identifizierung der Toten lief weiter. Die Behörden nehmen DNA-Proben entgegen. Bisher wurden die Namen von nur zwei Opfern offiziell bekanntgegeben. 64 Vermisstenanzeigen wurden aufgegeben. Viele Angehörige und Freunde suchten in Krankenhäusern und Notunterkünften und auch mit Posts in den sozialen Netzwerken nach ihren Lieben.
Maricarmen, deren 63-jähriger Mann unter den Vermissten war, sagte der Zeitung „El País“ und dem TV-Sender RTVE: „Das Schlimmste ist die Ungewissheit. Wir wissen absolut nichts.“ Der Schauspieler César Vicente sucht verzweifelt nach seinem gleichnamigen Vater. „Ich weiß immer noch nicht wo er ist“, sagte der 29-Jährige weinend vor der Kamera von RTVE.
Die DNA-Proben von Angehörigen sollen helfen, die Identifizierung der Opfer zu ermöglichen. Dafür wurden Anlaufstellen in Madrid, Toledo, Córdoba und Sevilla eingerichtet. Die Behörden betonten, man werde nach Identifizierung der Opfer lediglich die Familien informieren.
Ob Deutsche unter den Opfern sind, ist vorerst nicht bekannt. Das Auswärtige Amt erklärte auf Anfrage, die Lage sei teilweise noch unübersichtlich und nicht alle Identitäten der Passagiere seien zweifelsfrei geklärt. Die deutsche Botschaft in Madrid stehe mit den örtlichen Behörden in Kontakt und sei zur konsularischen Betreuung deutscher Staatsangehöriger bereit.
Die Anteilnahme und Solidarität waren groß. Zahlreiche Menschen folgten im ganzen Land dem Aufruf von Krankenhäusern und Behörden, Blut zu spenden, wie Medien berichteten. Auch streikende Lehrer unterbrachen ihre Arbeitsniederlegung, um nach dem Unglück Hilfe zu leisten. Bewohner der Unglücksregion halfen den Betroffenen unter anderem dabei, vermisste Menschen in den Krankenhäusern zu suchen.
Das Unglück weckt Erinnerungen an die Zugkatastrophe von Adamuz in Andalusien, bei der im Januar 46 Menschen ums Leben gekommen waren. Ministerpräsident Pedro Sánchez steht wegen der vorgezogenen Parlamentswahl am 29. November besonders unter Druck. Die Opposition macht seine Regierung für das Unglück verantwortlich. Sánchez versprach eine umfassende Aufklärung und kündigte auch an, die Sicherheit im Bahnverkehr zu verstärken. „Der gesamte Staat steht angesichts dieser Tragödie zusammen“, sagte der Sozialist. Ein solcher Unfall werde sich nicht wiederholen.
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