Autosalon: So wagt Paris den Blick zurück nach vorn | FLZ.de | Stage

arrow_back_rounded
Lesefortschritt
Veröffentlicht am 12.10.2026 16:24

Autosalon: So wagt Paris den Blick zurück nach vorn

Ente mit Anhang: Citroën zeigt in Paris auch, wie eine moderne Kastenvariante der Ente aussehen könnte. (Foto: Thomas Geiger/dpa-tmn)
Ente mit Anhang: Citroën zeigt in Paris auch, wie eine moderne Kastenvariante der Ente aussehen könnte. (Foto: Thomas Geiger/dpa-tmn)
Ente mit Anhang: Citroën zeigt in Paris auch, wie eine moderne Kastenvariante der Ente aussehen könnte. (Foto: Thomas Geiger/dpa-tmn)

Der Besuch in Halle 6 an der Porte de Versailles in Paris hat etwas von einem Déjà-vu. Denn auf der Bühne flimmern zwar riesige Bildschirme und von der Decke zucken LED-Blitze. Doch das Auto hier im Rampenlicht sieht aus wie von 1948 - Citroën feiert das Comeback der Ente.

Und damit stellen die Franzosen nicht nur den Star des diesjährigen Automobilsalons, sondern setzen zugleich den Ton für das Gros der PS-Branche: Auf dem Weg in eine weiterhin ungewisse Zukunft bauen viele auf vertraute Größen aus der Vergangenheit und kramen deshalb alte Erfolgsmodelle aus der Mottenkiste.

Nicht nur die Form ist retro - manchmal auch die Philosophie

Die werden zwar nicht 1:1 kopiert, sondern modernisiert, und die Technik darunter ist natürlich ebenfalls neu. Aber im besten Falle ist zumindest die Philosophie die alte. So ist auch die neue Ente eben nicht nur lebenslustig und augenzwinkernd, sondern sie will auch erschwinglich sein und soll deshalb zu Preisen ab 15.000 Euro ein neues Fahrzeugsegment begründen, stellt Citroën-Chef Xavier Chardon in Aussicht.Das hat Methode und funktioniert auch bei anderen Marken in der Stellantis-Familie: Peugeot zum Beispiel verpackt seine extra flache Feststoffbatterie der Zukunft deshalb in der schlanken Hülle eines imaginären Nachfolgers für das Coupé RCZ. Zudem stimmt die Marke mit einer überzeichneten Rennsemmel im Geist des 205 T16 auf den kommenden Kleinwagen e-208 ein. Und Fiat erinnert mit dem Multiplay an den unkonventionellen Multipla der 1990er-Jahre.

Zurück in die Zukunft - auch bei den Sportlern und großen Autos

Auch Konkurrent Renault blickt zurück nach vorn, etwa bei Alpine mit einer Studie zu Ehren des legendären Alpine A310. Und sie zeigen ein Einzelstück im Geiste der Rennsemmel R8 Gordini sowie einen E-Space. Während die beiden Sportler nur Schaustücke sein sollen, weist der E-Space den Franzosen schon mal die richtige Richtung, mit der die Großraumlimousine in zwei Jahren Abschied vom SUV-Design nehmen und zurück zu ihren Wurzeln finden soll. Eine neue rein elektrische Plattform dafür sei bereits in Arbeit, lässt der Hersteller wissen.

„Das habe ich doch schon mal gesehen“ - auch bei anderen Marken

Aber es sind nicht nur die Franzosen, die erst in den Rückspiegel schauen, wenn sie den Messegästen die Zukunft zeigen wollen. Sondern auch der neben der Ente wohl zweite Star des Salons ist ein Wiedergänger. Smart bringt mit dem #2 endlich den Zweisitzer zurück. Mit 2,75 Metern kaum länger als das Original, mit knapp 300 Kilometern Reichweite im urbanen Umfeld absolut alltagstauglich und mit einem Einstiegspreis von knapp 20.000 Euro auch noch erschwinglich. So will er zum Kontrapunkt für Modelle wie den #5 werden, der traditionellen Smart-Kunden viel zu groß und zu teuer ist.

Aussteller aus dem Fernen Osten - viel Neues im Gepäck

Aber nur weil viele Hersteller ihr Heil für die Zukunft in der Rückbesinnung auf eine mehr oder minder glorreiche Vergangenheit sehen, ist der Salon keine Rétromobile. Sondern es gibt auch reichlich Neues - und vor allem aus China sogar viele mehr oder minder neue Marken.

Zeekr zum Beispiel ist zum ersten Mal auf der Messe, die Chery-Töchter Omoda und Jaecoo drehen groß auf und zeigen mit dem Omoda 4 so etwas wie einen Lamborghini Urus für schlanke Kassen. Changan feiert das Europa-Debüt der Nobelmarke Avatr und des bodenständigen Ablegers Nevo. Und Denza, Xpeng und BYD dürfen natürlich auch nicht fehlen. Genauso wenig wie Geely.

Und alle haben sie etwas Neues mitgebracht: Denza den Sportwagen Z, der auf den Porsche 911 zielt, Xpeng sein Flaggschiff G9L als luxuriöses SUV im Stil des Mercedes GLS, BYD den Atto 8 als weiteres Full-Size-SUV und Geely den ebenfalls ziemlich groß geratenen Monjaro EM-i sowie den KO11, der einen kantigen Geländewagen im Stil der Mercedes G-Klasse gibt.

Wo sind die großen der Player der alten Autowelt?

Während vor allem die Franzosen zurückschauen und die Chinesen nach vorn marschieren, wirkt der Rest der westlichen PS-Welt fast schon gelähmt: Ja, Opel zeigt einen ebenso leidenschaftlichen wie sportlichen und schnittigen Kombi, der mal zum nächsten Astra Sports Tourer werden kann.

Alfa Romeo wärmt mit dem Cuore Rosso das Herz der leidgeplagten Fans und schürt mit dem rassigen Coupé die Hoffnung, dass es bald mal wieder ein neues Modell geben könnte. DS zeigt mit dem F3ver einen vornehmen Ausblick auf die kompakte Nummer 3. Und Hyundai zieht das Tuch von der zweiten Generation des Bayon, der mit mehr Kanten und Charakter zum Herausforderer für den VW T-Roc reift.

Und was zeigen BMW, Porsche und Co.?

Der Honda-Stand versteckt sich buchstäblich hinter Alpine. Toyota, Mazda, Nissan oder Mitsubishi glänzen mit Abwesenheit, und was VW, Audi, Skoda oder Mercedes nach Paris gebracht haben, ist kaum die Standmiete wert. Zu groß haben sie vorab den neuen A2 e-tron und den ID.Tiguan gefeiert, als dass es jetzt noch einmal für pralle Partys reichen würde. Stattdessen scheint der Messebau ausgefallen zu sein, jetzt gibt dort kaum mehr als Cars & Carpet -Teppich in die Halle, Auto drauf, fertig. Doch es geht noch dürftiger: Das beweisen etwa BMW oder Porsche, die gleich ganz daheimgeblieben sind.

Da die wiederentdeckten Modelle von früher, dort die neuen Marken und dazwischen eine große, graue Masse der Beständigkeit, die in diesem Jahr vor allem von den früher mal so kraftstrotzenden und kreativen deutschen Herstellern dominiert wird - so ringt die PS-Branche in Paris um die Zukunft des Automobils. „Welche Richtung die richtige ist, muss sich erst noch zeigen“, fasst Robin Hornig zusammen; der Chefredakteur der „Auto Bild“ gewinnt der Messe aber trotzdem ein versöhnliches Fazit ab: „Immerhin wird hier eindrucksvoll sichtbar, dass das Auto überhaupt noch eine Zukunft hat.“

© dpa-infocom, dpa:261012-930-828948/1


Von dpa
north