Engel kann man nicht verbieten. Das hat auch Martin Luther eingesehen. Sie sind biblisch einfach zu gut belegt. Ganz abgesehen von den vielen Aufgaben, die sie erfüllen. Zwei Kantaten über einen ganz besonderen Engel rahmten das Konzert „Kantaten 1“ – und konnten durch die beiden Binnen-Kantaten ihren Gehalt erst so richtig entfalten.
Die Aufgabe, zwei der dreieinhalb Kantaten von Johann Sebastian Bach zum Michaelstag aufzuführen, garantiert einen Erfolg, da sie musikalisch prachtvoll gestaltet sind. Sie so zu reihen, dass sie nicht nur vorbeifunkeln, sondern auch ihren Gehalt entfalten, ist die Kunst.
Der Erzengel Michael hat in der christlichen Himmelsordnung eine besondere Stellung und auch im Jahreslauf der Stadt Leipzig, weil sein Fest den Beginn der wichtigen Herbstmessewoche markiert. Entsprechend üppig hatte auch die Kirchenmusik zu sein. In BWV 19, „Es erhub sich ein Streit“, wird der Kampf im Himmel bildreich dargestellt.
Ludwig Böhme gestaltet mit dem Windsbacher Knabenchor den Eingangschor wie ein Deckengemälde: In der Mitte sind Schlange und Erzengel klar umrissen, hervorgehoben durch den Einsatz von Non-Legatos und Forte-Impulsen. An den Rand setzt er die umringende Schar und umwölkt und umtost mit fein abgestuften Dynamiken, bei denen man sich Rosa und Himmelblau vorstellen kann. Die Windsbacher, am Ende eines Schuljahres, das ohne Abiturienten endet, sind in großer Besetzung und in Hochform zu erleben: ritterlich, kultiviert, himmelsmächtig.
BWV 6, „Bleib bei uns, denn es will Abend werden“, das von den Emmausjüngern handelt, scheint da keinen Bezug zu haben. Der Weg führt über das Fleh-Wort „bleib“, das in beiden Texten das zentrale Anliegen ist und hier den Jüngern Jesu zugeschrieben wird.
BWV 127, „Herr Jesu Christ, wahr‚ Mensch und Gott“, bezieht diese Sehnsucht auf den im Todeskampf Liegenden. Dorothee Mields gelingt mit ihrem seraphisch-lauteren Sopran eine hypnotisch fesselnde Arien-Deutung. Die kleine Besetzung trägt auch ihrer Tonstärke Rechnung. Terry Weys Alt ist ausgewogen, geschmeidig und muss in keiner Lage forcieren. Patrick Grahls Tenor ist warm timbriert, volltönend, angenehm minimal nasal und frei von Schärfe. Tobias Berndts Bass ist kompakt, beweglich, gelöst und hat viel Herzlichkeit und Zuversicht.
BWV 149, „Man singt mit Freuden vom Sieg“, ist der triumphale Abschluss, in dem sich die Engel um den Gläubigen lagern, weil er sich auf den Sieg des Lammes berufen kann. Wie ein Destillat der vielen Worte präsentiert Bach am Ende den Choral „Ach Herr, lass dein lieb Engelein“, wie er es auch am Ende der Johannespassion tut. Vom Himmel über die Jünger und das Todeslager bis in den Himmel zurück – da ist der große Gestaltungsbogen.
Das Freiburger Barockorchester als historisch-informiertes Ensemble pflegt einen pastellfarbenen, spitzenfreien Gesamtklang. Im Konzert für drei Violinen, BWV 1064 R, feiert es den integrierten Charakter und betont den Dialog zwischen den Solisten. Was für eine duftend-schwerelose Darbietung, der man die Komplexität kaum anmerkte.
Nach den Beifallsstürmen verabschiedete Ludwig Böhme Dr. Bomba von den Windsbachern, so wie einen Windsbacher Absolventen – mit Sonnenblume und Chormappe, die alle Konzerte der Windsbacher während Bombas Intendanz enthält. Er bleibt dem Chor als Vorsitzender des Stiftungsrates weiterhin verbunden. Als Zugabe-Zusage erklang Felix Mendelssohn Bartholdys „Denn er hat seinen Engeln befohlen“. Da waren sie wieder, die Engel.