Singen macht Freude – das würden womöglich viele Menschen unterschreiben. Doch es hat auch positive Auswirkungen auf die Gesundheit, sagt Dr. Borghild Grün, Fachärztin für Innere Medizin, Schwerpunkt Pneumologie, die in Bad Windsheim ihre Praxis hat. Deshalb hat sie die Gründung eines Lungenchores initiiert.
Die Idee dazu entstand schon „vor vielen Jahren”. In der Corona-Zeiten merkte Grün, dass immer mehr Post-Covid-Patienten in ihrer Praxis „strandeten”. Das könne man tatsächlich so sagen, „weil niemand anders sie wollte”. Zu einem Opernsänger habe sie diese damals geschickt, erzählt Grün.
Was das bringen sollte? Ist man aufgeregt oder bekommt schlecht Luft, atme man „weiter oben”, erklärt die Ärztin. Der Hauptatemmuskel liege allerdings unten. Wer tief Luft holt, ziehe die Schultern hoch und quetsche die Lungenspitzen zusammen. Das Zwerchfell wandere so nach oben, eigentlich solle es beim Einatmen aber nach unten. Beim Singen könne man genau das trainieren.
Denn ein schöner Ton entstehe dann, wenn man das Zwerchfell beim Einatmen vernünftig absenke. Die Lunge könne dann darunter belüftet werden. Das mag das Organ, sagt Grün. Auf einer Lungen-Reha lerne man das mühsam. Unbewusst wiederum bringe man es sich bei, indem man sich darauf fokussiere, einen schönen Ton zu erzeugen.
Eigentlich wollte die Ärztin auch eine Studie in Auftrag geben. Die Medizin sei aber dazwischengekommen. Post-Covid-Ambulanzen wurden eingerichtet, Betroffene gingen dann eher dort hin. „Aber die sechs, sieben Leute, die damals zu dem Sänger hingegangen sind, die haben Luft und Freude wiederbekommen.” Später beschäftigte sich Grün damit, was Singen aus medizinischer Sicht bewirken kann. Die Idee zum Lungenchor formte sich weiter. „Dann hab' ich mich auf die Suche nach einem Chorleiter gemacht.”
Nicht so leicht, wie sie feststellte. Das Projekt ruhte einige Zeit, bis ihr von einer Angestellten, die aus der Elternzeit zurückkam, Ralf Schuband vorgeschlagen wurde. „Ich habe noch nie eine so schnelle Mailantwort bekommen”, betont Grün. „Das war grandios. Seitdem überstürzen sich die Ereignisse. Das ist der Hammer.”
„Ich find’ die Idee ganz klasse”, sagt Ralf Schuband, der den Lungenchor ehrenamtlich leiten wird. Er ist nicht nur staatlich ausgebildeter Chorleiter und Leiter verschiedener Chöre in der Region, sondern auch Kreischorleiter des Sängerkreises Fürth. Der Profi will auf Atem-, Bewegungs- und Einsingübungen setzen, „um die Lunge fit zu kriegen”. Eine große Umstellung sei es für Schuband nicht, einen Chor mit Menschen mit einer Lungenerkrankung zu leiten, wenngleich er freilich medizinische Aspekte berücksichtigen will. Grün stehe außerdem als Ansprechpartnerin zur Verfügung. Zudem sei für ihn ein wesentlicher Faktor: Spaß vermitteln. „Ich glaube, das fällt mir leicht.”
Zu einem ersten Treffen kamen nun eine Handvoll Interessierte zusammen, allesamt Patienten von der Ärztin, die sie schon einmal vor geraumer Zeit angesprochen hatte. Weitere Mitstreiter sind willkommen. Wer mitmachen mag, kann sich in der Praxis melden. Grüns Angestellten nehmen dann die Daten auf. Grundsätzlich können sich Menschen mit nahezu allen Lungenerkrankungen melden – von COPD bis Asthma. Und auch für Schlafapnoiker sei ein gutes Zwerchfelltraining förderlich, sagt Grün. Im Zweifelsfall gilt: einfach ausprobieren.
Günter Kallert, einer der Interessierten, freut sich über das neue Angebot. „Als Lungenkranker ist man schnell alleine und zieht sich zurück. Da ist man froh, wenn man Menschen hat, mit denen man zusammenkommen kann.” Oft fehle sogar die Luft, mit anderen Leuten zu reden – weshalb sich viele dann gar nicht aus dem Haus trauen, beschreibt er seine Erfahrungen. Das soziale Leben leide darunter. Das Singen könne ein Ausgleich sein und ein gutes Training. Auch Gerdi Schlöpp ist ganz angetan: „Horcht sich sehr gut an.” Sie hat sich direkt eine Fahrgemeinschaft für die Proben organisiert.
Im Seniorenheim Neumühle bekommt der Lungenchor Räume in der obersten Etage für die Singstunden zur Verfügung gestellt. Getroffen werden soll sich alle zwei Wochen donnerstags ab 18 Uhr. Der Startschuss soll am 4. September fallen. Spontane Sangeswillige sind willkommen. Sofern es Grün zeitlich möglich ist, will auch sie bei den Treffen dabei sein.
Theresia Franz, Mitglied einer Veeh-Harfen-Gruppe, war auch zu dem ersten Treffen gekommen. Sie und zwei, drei Spielerinnen hätten Interesse, den Lungenchor musikalisch zu begleiten. Ralf Schuband zeigte sich begeistert – auch, weil es ihm die Arbeit erleichtere, wenn er nicht permanent hinter dem Klavier vor Noten sitzen muss, sondern mehr unterstützen kann. „Das war eine spontane Idee”, freute sich Franz über den Anklang.
Angegliedert wird der Lungenchor an den Urfersheimer Gesangverein. Über ihn seien die Mitglieder dann auch versichert. Dessen Vorsitzender Erich Scherzer und sein Stellvertreter Norbert Schmid kamen auch gleich zum Einstiegstermin. Ebenso Wolfgang Zimmermann, ebenfalls begeisterter Sänger, den das Interesse und die Neugierde kommen ließ.
Offen ist Ralf Schuband zudem für Liedwünsche, wenn sie denn umsetzbar sind. Ob der Chor auch noch einen kreativen Namen kriegen wird? „Mal sehen, vielleicht gibt es Ideen”, sagt Grün.