Funktionaloptometrie heißt das in Deutschland noch weitgehend unbekannte Tätigkeitsfeld von Sonja Weinberger. In ihrer Praxis in der Ansbacher Endresstraße will sie Personen unterstützen, die durch ein falsches Sehverhalten visuelle Wahrnehmungsstörungen entwickelt haben.
Wenn Doppelbilder oder Kopfschmerzen auftreten und eine medizinische Ursache ausgeschlossen ist, kann das nach Weinbergers Überzeugung auf ein falsches Sehverhalten hindeuten. So wie eine Physiotherapeutin oder ein -therapeut den Fokus auf das Muskeltraining legt, versteht sie sich als Trainerin für die Augen. Deren Leistungsfähigkeit soll anhand von gezielten Übungen gesteigert werden.
„Die Funktionaloptometrie betrachtet das Sehen ganzheitlich”, erklärt die 50-jährige Augenoptikermeisterin mit Weiterbildungen in der Kinder- und Funktionaloptometrie. Es geht nicht allein darum, ob jemand gut oder schlecht sieht, sondern auch darum, wie die beiden Augen zusammenarbeiten und wie das Gesehene kognitiv verarbeitet wird. Weinberger will dort helfen, wo die Augenheilkunde sowie die Arbeit von Optikerinnen und Optikern endet. „Die Grundlage für mich ist, dass die Augen medizinisch untersucht wurden, dass sie gesund sind und die Brille stimmig ist”, sagt sie.
Zu ihrer jetzigen Tätigkeit kam die Ansbacherin durch ihren jüngsten Sohn, der schon ab dem Alter von einem Jahr eine ganz starke Brille trug. „Ich habe gemerkt, dass er sich in der Schule wahnsinnig schwer tut mit dem Lesen.” Außerdem habe er über brennende Augen und Kopfschmerzen geklagt. „Als Eltern denkt man immer: Jetzt streng dich halt an, jetzt mach noch ein bisschen”, erinnert sie sich. Sogar die Diagnose einer Legasthenie (Lese- und Rechtschreibstörung) stand zeitweise im Raum. Das habe sie aber nicht geglaubt. „Ich habe gemerkt, dass irgendetwas mit seinen Augen nicht stimmt.”
Sie forschte nach und stieß auf die Funktionaloptometrie, die in Deutschland noch kaum verbreitet ist. Ein halbes Jahr lang nahm sie an den Wochenenden an Präsenz- und Onlinekursen der Wissenschaftlichen Vereinigung für Augenoptik und Optometrie in Mainz teil und erwarb so ein Zertifikat. Ihr Sohn war ihr erster Trainingskandidat. „Ich habe positive Reaktionen von der Lehrerin gekriegt und war so erleichtert”, erinnert sie sich. „Irgendwann hat sie zu mir gesagt: ‚Ihr habt aber fleißig geübt.‘ Das hat mich so motiviert, dass ich das weiterverfolgt habe.”
Auch wenn einige Erwachsene, zum Beispiel Schlaganfall- oder Traumapatienten, ebenfalls den Weg in ihre Praxis finden, betreut sie vor allem Kinder und Jugendliche, bevorzugt ab dem Grundschulalter. Ihre Arbeit mit den Patientinnen und Patienten beginnt mit Tests und Messungen, die etwa zwei Stunden dauern. „Ich gucke mir die unterschiedlichen Funktionen an”, beschreibt sie. „Man sieht genau, wo die Schwierigkeiten sind: Liegt es am Augenpaar, das vielleicht nicht stimmig zusammenarbeitet, liegt es am einzelnen Auge, das nicht scharfstellen kann?” Manchmal werden auch die Informationen im Gehirn nicht richtig verarbeitet.
Wichtig ist ihr, dass die Eltern bei den Terminen dabei sind und aktiv mitmachen. Das Training dauert pro Einheit etwa 50 bis 60 Minuten, berichtet sie. Anfangs vereinbart sie alle zwei, später alle vier Wochen einen Termin. „Mit acht bis zwölf Trainingseinheiten komme ich eigentlich immer gut hin.” Nach etwa einem Dreivierteljahr ist das begleitete Training abgeschlossen. Danach sollte man regelmäßig selbstständig weiterüben.
Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen die Kosten aktuell nicht, wie sie weiß. „Zumindest die Zusatzversicherungen öffnen sich teilweise, und das ist der erste Schritt.” Für die anfängliche Messung wird ein niedriger dreistelliger Euro-Betrag fällig, für das Training selbst kann über ein Dreivierteljahr ein niedriger vierstelliger Betrag zusammenkommen.
In Deutschland wird die Funktionaloptometrie durchaus kritisch gesehen und die Wirksamkeit angezweifelt. Sonja Weinberger aber ist von ihrem Konzept überzeugt. Sie verweist auf die positiven Rückmeldungen. Erst kürzlich berichteten Eltern ihr von dem Lernentwicklungsgespräch ihres Sohnes: „Der hat seit Oktober die Lesegeschwindigkeit verdoppelt.” In einem anderen Fall habe ein Mann, der wegen seiner Sehprobleme nicht mehr Autofahren konnte, nach einigen Trainingseinheiten keine Doppelbilder mehr gesehen und sein Gesichtsfeld wieder erweitern können.
„Das sind wirklich keine Zauberstücke”, betont sie. Sonja Weinberger verweist auf die Messungen, die sie zu Beginn, zwischendurch und nach Abschluss des Trainings durchführt. „Ich kann anhand von Zahlen belegen, dass das Sehen besser wird.”