Selma Meerbaum-Eisinger ist jung gestorben und, ungleich ihrer Leidensgenossin Anne Frank, weit weniger bekannt. In ihrer Reihe „Beflügelte Poesie“ präsentierten Claudia Dölker und Hartmut Scheyhing die Gedichte der jüdischen Poetin, einer deutschsprachigen Rumänin aus Czernowitz.
„Eine wahre Entdeckung“ nannte Claudia Dölker diese Poesie, die ihr durch das Geschenk des Buches „Blütenlese“ zuteil geworden sei. Nur drei Jahre waren der jungen Frau für ihre Dichtung geblieben, die sie noch kurz vor ihrer Internierung 1942 in ein Arbeitslager der SS einem Freund übergeben konnte. Dort erkrankte sie im Alter von 18 Jahren an Typhus und starb.
Von unvergleichlicher Reife und großem dichterischem Talent künden diese Werke, die Claudia Dölker in der Hilterhaus-Stiftung vorgetragen hat. Die Musik dazu stammt von dem Pianisten Hartmut Scheyhing. Stets erzeugt diese Symbiose aus Musik und Vortrag ein lyrisches Gemälde, das tief in die Seele des jeweiligen Poeten eindringt.
So auch bei dieser Matinee, die auf ganz besondere Weise berührt. Noch einmal erklingt die Stimme einer noch jungen Frau, die am Anfang ihres Lebens steht und doch weiß, dass sie bald sterben wird. Ein leiser Schrecken ist unvermeidlich, wenn auch der Rahmen schön und die Lyrik scheinbar zart und romantisch ist.
Selma Meerbaum-Eisinger arbeitet vornehmlich mit Naturbildern, in die sie ihre Emotionen hineinlegt. Sie beschreibt das erste Frühlingserwachen: „Sonne und noch ein bisschen aufgetauter Schnee“ senden die „Nachricht von dem neuen Glück“, das wie durch ein Wunder sich jedes Jahr aufs Neue vollzieht. Doch schon in den ersten Zeilen dieses an den Anfang des Vortrags gesetzten Gedichts „Frühling“ schwingt ein melancholisches Gefühl des Sehnens mit, eine Andeutung, dass es vielleicht das letzte Mal sein könnte, dass die Dichterin dies erlebt.
Sie sucht das Helle, Schöne, Bestärkende in einer Natur zu erfassen, die zugleich fragil, launisch wie ein Apriltag und bisweilen bedrohlich ist. Viel spricht die Poetin von Regen, von Wind, gar Blitz und Donner, von einem Ausgeliefertsein angesichts solcher Kapriolen. „Die Luft ist erfüllt von dem Brausen“, das sich anhört wie „eine aufgescheuchte Pferdeherde“ – so das „Regenlied“. Was bleibt? „Ich mache von der Wahrheit mich frei und tue als wäre ich blind“, sinniert sie im „Schlaflied für mich.“ Doch alles hilft nichts.
Am deutlichsten wird ihre Verzweiflung im „Poem“. „Ich möchte leben, das Leben ist so bunt“, ruft sie aus. Und weiß doch, dass diese Buntheit für sie verloren ist. Beinahe nüchtern konstatiert sie die Sinnlosigkeit dieses Krieges: „Warum brüllen die Kanonen?“. „Hauf um Hauf sterben sie“, stellt sie fest. Und am Ende steht Gewissheit, gepaart mit Unverständnis: „Du willst mich töten – warum?“
Dieses erschütternde Zeugnis einer tapferen jungen Frau, die sich plastisch in Worten, Bildern und Versen auszudrücken vermag, ist der universelle und zeitlose Aufschrei gegen die mörderische Willkür von Mächtigen. Der Vortrag Dölkers ist intensiv, wohlgesetzt, anrührend, die Musik Scheyhings einfühlsam, ausdrucksstark, ergreifend. Ein Gedichtvortrag, der nachhallen wird.