„Mit Wasser fühle ich mich extrem verbunden“, sagt Beate Grötsch. Das jüngste Buch der Künstlerin mit analogen, sehr persönlichen Fotografien aus Neuseeland ist daher mit der Frage „Are you one of these fishpeople?“ überschrieben. Und Beate Grötschs Bilder, die im Rahmen der Ansbach Contemporary 2022 im Citrushaus gezeigt wurden, sind unter Wasser entstanden.
Unter Wasser in einem Lehrberger Karpfenweiher. „In der Umgebung des Weihers kennen mich alle Leute“, meint die Ansbacherin und lächelt. Es falle schließlich auf, wenn jemand immer wieder mit Kameraausrüstung bis zur Mitte des Gewässers schwimme und abtauche. „Das mache ich bei jedem Wetter. Im Winter ist die Unterwasserfotografie natürlich eine Herausforderung, aber mit Neoprenanzug geht es“, erklärt die 46-Jährige, die eine sehr gute Schwimmerin und Surferin ist.
Gehört sie also selbst zu den „fishpeople“, den Fischleuten? „Ja, ganz bestimmt“, sagt Beate Grötsch. „Die Frage, die jetzt als Titel auf meinem Bildband zu lesen ist, hat mir 2001 bei meiner großen Reise durch Neuseeland ein Seelenverwandter gestellt. Damals habe ich mich intensiv mit der Maori-Kultur auseinandergesetzt und auch einige Zeit bei Schamanen verbracht. Fishpeople sind dort Menschen, die sich mit dem Wasser ebenso verbunden fühlen wie ich.“
Für das Element Wasser hat Beate Grötsch stets dieses besondere Gespür, egal ob es sich um den Ozean handelt, der an Neuseelands Küsten brandet, oder um den kleinen Weiher in Lehrberg. „Dieser Weiher, in dem ich als Kind oft geschwommen bin und der von einer frischen Quelle gespeist wird, strahlt Ruhe und Zeitlosigkeit aus“, schildert Grötsch. „Ich war zu allen Jahreszeiten dort und habe so über fünf Jahre die verschiedenen Wasserfarben erfasst. Diese Farben von reinem Türkis und Smaragdgrün bis zu Dunkelgrün und manchmal einfachem Braun nehmen mich mit in eine von außen unsichtbare Welt.“
Im Citrushaus waren nur wenige der Unterwasser-Bilder zu entdecken, doch die Ansbacherin plant eine Ausstellung mit vielen weiteren Fotos aus dem Weiher – einen ganzen Raum mit seinem Licht, seinen Farben und Geheimnissen. „Für mich ist das auch ein sehr aktuelles Umweltthema, gerade mit Blick auf die zunehmende Trockenheit“, betont Grötsch. „Ich werde auf jeden Fall in dieser Richtung weiterarbeiten.“
Ihre Leidenschaft für die Fotografie hat Grötsch als Teenager entdeckt. „Mit 15 habe ich angefangen, schwarzweiß zu fotografieren und die Filme im Fotolabor im Ansbacher Jugendzentrum zu entwickeln.“ Nach dem Abi am Gymnasium Neuendettelsau folgten Praktika bei der FLZ in Ansbach, einem regionalen Fernsehsender in Rostock sowie einem Doku-Sender in Amsterdam.
Weil Beate Grötsch nicht nur fotografieren, sondern vor allem filmen wollte, bewarb sie sich an der Filmhochschule in Wien. „Das hat geklappt, und ich habe nach einer einwöchigen Aufnahmeprüfung einen von sieben Studienplätzen bekommen. Beworben hatten sich etwa 1000 Leute.“ Nach vier Jahren Studium blieb die Ansbacherin zunächst in Wien und arbeitete für eine Produktionsfirma.
Anschließend war sie im kreativen Nürnberger Stadtteil Gostenhof tätig, ehe sie 2015 ihren Lebensmittelpunkt nach Berlin verlegte. Parallel absolvierte sie einen Masterstudiengang im Drehbuchschreiben an der Goldsmith University of London und eine Weiterbildung an der Akademie für Film- und Fernsehdramaturgie in München.
„Ich habe viele Kurzfilme und Dokumentationen gemacht, von denen einige mit Preisen ausgezeichnet wurden und auf internationalen Filmfestivals liefen“, erzählt Grötsch. Das Roadmovie „Schau auf die Karpaten“ war 2022 bei der Berlinale zu sehen. Und der mehrfach prämierte Kurzfilm „Ana mit einem N“ über einen Streifzug von zwei Freundinnen durchs Nachtleben erhielt eine Einladung zu den Filmfestspielen in Cannes.
Aus der Großstadt und der weiten Welt des Films kehrte Beate Grötsch 2020 in ihre fränkische Heimat zurück. „In der Corona-Krise ist auch die Filmbranche komplett zusammengebrochen, und Berlin hat sich im Lockdown fast in eine Geisterstadt verwandelt“, begründet sie die Entscheidung. „In Ansbach habe ich dann die Zeit und Ruhe gefunden, mich meinen alten analogen Fotografien zu widmen und die 3000 Negative von meinem Jahr in Neuseeland zu scannen. Das war mein Lockdown-Projekt, das zu dem Buch geführt hat.“
Bei der Ansbach Contemporary war neben den Unterwasser-Bildern noch eine weitere Arbeit der 46-Jährigen zu sehen: In der Reitbahn 3 wurde ihr verstörender Kurzfilm „14 days after“ gezeigt. Er zeichnet die Amokfahrt eines psychisch kranken Mannes nach, der im Juli 2015 in Westmittelfranken wahllos aus dem Auto auf Menschen schoss. Zwei Wochen nach dem Geschehen fuhr Beate Grötsch die Route zur gleichen Uhrzeit ab, hielt die Stationen in einzelnen Schwarzweißbildern fest und montierte diese zu einem Video.
„Der Tag der Amokfahrt war hochsommerlich. Als ich im Radio davon hörte, war ich gerade in Franken und unterwegs zum Weiher, um zu fotografieren“, erinnert sich Grötsch. „Die Luft war zum Schneiden. Zwei Wochen später wollte ich die Ereignisse von einer künstlerischen Seite betrachten, weil sie mich tief berührt haben. Mit dem Projekt bringe ich auch ins Bewusstsein, dass sich in Ansbach und Umgebung schon mehrere Amokläufe und Anschläge ereignet haben. Ich verschließe mich bei meiner Arbeit nicht vor unangenehmen Themen.“
Aktuell stehen zwei eher positiv stimmende Filmprojekte mit Bezug zu Franken an: eine Serie über Skateboarderinnen in Nürnberg und eine über Schäferinnen in Triesdorf. Keine Dokumentationen, sondern fiktive Geschichten, die mit Schauspielerinnen verfilmt werden sollen. „Mich interessiert Franken“, sagt Beate Grötsch. „Die fränkischen Themen treiben mich richtig um.“