„Nochmal von vorne“, einen Neustart, eine zweite Chance – das möchte wohl so mancher. Am Dienstagabend stellte die Münchner Autorin Dana von Suffrin ihr Buch im Rahmen der LesArt Ansbach im Kunsthaus Reitbahn 3 vor. Als Moderator fungierte Johannes Wachowski.
Manchmal ist es für solch einen Neuanfang zu spät. Das muss auch die Protagonistin Rosa in von Suffrins Roman realisieren. Als sie vom Tod ihres Vaters erfährt, erkennt sie, dass so manches Gespräch, manche Begegnung, manche Gefühlsäußerung den Abschied leichter gemacht hätte. Da dies nicht geschah, sitzt sie nun in der Wohnung ihres Vaters, für deren Räumung sie sorgen muss, und wird unweigerlich mit der Geschichte ihrer Familie konfrontiert.
Eine komplizierte Geschichte, die geprägt ist von der großen Historie, in die die Jeruschers hineingeboren worden sind. Ihre Wurzeln sind sowohl jüdisch als auch christlich. Sie leben in München, haben aber auch Verwandtschaft in Israel. Die Mutter, eigentlich Katholikin, versucht sich dem Glauben ihres Mannes anzunähern. Doch am Ende scheitert die Ehe und die beiden höchst unterschiedlichen, inzwischen erwachsenen Töchter sind fortan auf sich gestellt. Denn der Vater ist in die innere Emigration geflüchtet.
Eigentlich hat Rosa den Kontakt zu ihrer eigenwilligen, älteren Schwester Nadja abgebrochen. Durch den Tod des Vaters sieht sie sich verpflichtet, diesen wieder herzustellen. Auch weil die Mutter vor Jahren auf unerklärliche Weise während einer Urlaubsreise verschwunden ist.
Rosa muss erkennen, wie schwierig es ist, einmal getrennte Fäden wieder zusammenzufügen. Immer wieder findet sie sich in Erinnerungen verstrickt, die das schwierige Zusammenleben ihrer Familie, die nirgends wirklich angekommen ist, betreffen.
Wie weit ist der Mensch frei und kann selbst über sein Schicksal bestimmen? Und inwiefern ist sein Leben vorgezeichnet durch die Familie, in die er hineingeboren wird? Diese Frage nimmt im Roman eine wesentliche Stellung ein. Ihre detaillierten Situationsbeschreibungen künden von hohem Einfühlungsvermögen in ihre Charaktere. Sie sind plastisch und bisweilen von einem subtilen Humor getragen, der die zugrunde liegende Tragik der Figuren erträglich macht.
Die junge Frau, die ständig in Rückblenden über ihr Leben und das ihrer Familie reflektiert, ist sich der Unausweichlichkeit ihrer Situation bewusst und stellt sich dieser mit einer gewissen Beharrlichkeit. Sie konfrontiert sich mit ihrer Schwester, wissend, dass eine echte Annäherung nie stattfinden wird.
Dieses persönliche Ringen wird bespiegelt von der großen Geschichte, die die promovierte Historikerin Dana von Suffrin in gesonderten Kapiteln behandelt. Der Prolog etwa schildert das Zusammentreffen des deutschen, ungarischen, rumänischen und italienischen Außenministers, um über die rumänischen Gebiete und die darin lebenden Menschen, darunter viele Juden, zu diskutieren.
Ein dicker, von Hitler nachlässig gezogener Strich, legt willkürlich die Grenze fest. Die hier dargestellte Gleichgültigkeit, mit der über das Leben anderer entschieden wird, verleiht der anschließenden Familienerzählung eine besondere Tiefe und macht von Suffrins Roman zu einem Buch, das man nicht einfach so weglegt.