Es scheint, als ob ein Mittel gegen die Schilf-Glasflügelzikade gefunden wurde: kein Neonic, sondern die Schwarzbrache. Obwohl sie auch vom Bauernverband und Landwirtschaftsämtern propagiert wird, haben Naturschützerinnen und Imker Sorge, dass die Kunde sich nicht schnell genug verbreitet.
Die Schilf-Glasflügelzikade treibt viele um: Landwirte, weil sie Krankheiten auf die Zuckerrübe, aber auch auf andere Früchte überträgt und zu hohen Einbußen führt sowie Imkerinnen und Naturschützer, weil in diesem Jahr eine Notfallverordnung den Einsatz von Acetamiprid, einem Neonicotinoid, ermöglichte.
Jetzt scheint aber klar zu sein, welche Methode den größten Erfolg verspricht – und das Ergebnis könnte beide Lager wieder zusammenführen: Denn es ist nicht der Insektizideinsatz, sondern die Schwarzbrache. Mindestens 80 Prozent weniger Zikaden fliegen demnach von einem Feld aus, das den Nymphen im Winter keine Nahrung geboten hat, weil das Feld zeitweise nicht bestellt wird. Acetamiprid habe dagegen die Population nur um zehn bis 20 Prozent vermindert.
Das landwirtschaftliche Wochenblatt und die Zuckerrübenzeitung veröffentlichten Berichte, in denen diese Ergebnisse verbreitet werden. Ein breites Bündnis, dessen maßgebliche Akteure aus dem Westmittelfranken stammen, hat trotzdem Sorge, dass sich die Nachricht nicht rechtzeitig vor der Entscheidung für eine Folgefrucht durchsetzt, und wendet sich deshalb nun mit einem Brief an die bayerische Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber. „Bitte weisen Sie die Landwirtschaftsverwaltungen an, die Umstellung der Fruchtfolge gemeinsam mit den Landwirten und Anbauverbänden schnellstmöglich zu organisieren”, lautet der zentrale Satz darin.
Matthias Rühl aus dem Sugenheimer Ortsteil Krassolzheim, Sprecher des Bündnisses für eine neonicotinoidfreie Landwirtschaft und Initiator der jüngsten Online-Versammlung, grummelt: Er hatte schon nach der Notfallzulassung in dieser Saison auf Forschungsergebnisse aus der Schweiz und Frankreich aufmerksam gemacht, in denen sich der Verzicht auf Wintergetreide als Folgefrucht als wirksame Maßnahme gegen die Bakterienschleuder erwies. Es wurde trotzdem gespritzt. Doch jetzt hilft nur der Blick nach vorne: Der Fehler soll sich nicht wiederholen.
Zur Runde gehört auch Karin Eigenthaler, Kreisvorsitzende des Bund Naturschutz (BN) im Landkreis NEA, die genau wie ihre Kollegin Claudia Sepp-Lehner aus dem Landkreis Ansbach im Bündnis aktiv ist. Sie vermeldet, dass Richard Mergner, der Landesvorsitzende des BN, den Brief unterschreiben wird. Er ist der bekannteste Unterzeichner. Daneben sind der Verband Bayerischer Bienenzüchter, der deutsche Berufs- und Erwerbsimkerbund, die Arbeitsgemeinschaft bäuerlicher Landwirtschaft Bayern sowie das Bündnis für eine enkeltaugliche Landwirtschaft im Boot. Interesse signalisierten auch biologische Anbauverbände, die sich wegen des Zeitdrucks aber erst an künftigen Aktionen beteiligen können.
Unterstützer ist auch der Imkerverein Oberer Ehegrund, dessen Vorsitzende Corinna Gräßel dafür plädiert, die Landwirtschaft mit ins Boot zu holen. „Die machen auch nur das, was man ihnen rät, und bekommen dann eins auf den Deckel.” Pioniere unter den Landwirten gebe es ebenfalls im Landkreis Neustadt/Aisch-Bad Windsheim: Im Simmershöfer Ortsteil Auernhofen setzte man schon im vergangenen Winter flächendeckend auf die Schwarzbrache.
Der dortige Vertrauensmann der Zuckerrübenbauern, Oliver Ott, gibt bereitwillig Auskunft über das Experiment, das 14 Zuckerrübenbauern (13, die an Südzucker liefern, plus ein Biobauer) starteten. Er geht zwar von einer geringeren Erfolgsquote aus, als es die wissenschaftlichen Studien vermuten lassen. Aber bisher lässt sich über das Ergebnis nur spekulieren: Die Zuckerrübenernte steht noch aus, der August und September sind für die Höhe des Zuckergehalts maßgeblich.
Insgesamt sei der Befallsdruck durch die Zikade 2025 in ganz Mittelfranken geringer – im Gegensatz zu anderen Gegenden. Die Ursache? Noch unbekannt. Die Auernhöfer verlassen sich nicht auf die Schwarzbrache allein. Zusätzlich wurde mit Acetamiprid gespritzt. Ott hat auf seinen Äckern allerdings ein Fenster ohne eingerichtet: „Mir geht das Spritzen grundsätzlich dagegen”, betont er. Auernhofen habe sich bereits festgelegt, auch heuer auf die Schwarzbrache zu setzen. Die Idee weitet sich aus: Equarhofen, ein weiterer Ortsteil Simmershofens, ist nun auch dabei. In Hemmersheim wurde das Thema ebenfalls diskutiert.
Für das Bündnis, das den Brief an die Landwirtschaftsministerin schrieb, reicht das nicht: Es fordert, dass die Schwarzbrache flächendeckend eingesetzt wird. In einem Beratungsfax aus Unterfranken werden schon Infoveranstaltungen zu Sortenempfehlungen fürs Wintergetreide angekündigt. Deshalb schrillen die Alarmglocken: Die Aktiven haben Angst, dass noch nicht alle Landwirtschaftsämter zuraten, nach betroffenen Kulturen auf Wintergetreide zu verzichten.
Vorschreiben, welche Folgefrucht sie anbauen, kann man den Landwirten nicht. Wie Ott betont, ist die Einigung auch nicht einfach: Fördervoraussetzungen für verschiedene Gebiete seien einzuhalten, die Landwirte müssten eine geeignete Folgekultur finden und deren Vermarktung organisieren. Und: „Wichtig ist auch die Solidarität untereinander.”
Die Schilf-Glasflügelzikade verbreitet zwei Bakterien, die zunächst die Zuckerrübenbauern aufschreckten: Eins davon – SBR – senkt den Zuckergehalt in den Rüben, das andere – Stolbur – führt zu Gummifrüchten. Inzwischen ist die Zikade zum Generalisten geworden, der sich auf Kartoffeln, Rote Beete, vielen weiteren Feldgemüsesorten und, laut Vertrauensmann Oliver Ott, sogar auf dem Mais paart. Aus den Eiern schlüpfen die Nymphen, ernähren sich den Winter über von den Wurzeln des Wintergetreides und fliegen im Folgejahr aus. Bleibt das Feld über den Winter brach, verhungern sie.