Vorweg zur Einordnung: Dass sich ein Leichtathlet aus der Region überhaupt für eine Weltmeisterschaft qualifiziert, kommt extrem selten vor. Die Sprinterin Amelie-Sophie Lederer aus Ornbau war 2017 in London dabei, aber nur als Ersatz.
Der Ansbacher Felix Straub lief, als er noch auf der Kunststoffbahn sprintete und nicht im Eiskanal, bei der Staffel-Weltmeisterschaft über 4x200 Meter zu Gold, der sportliche Wert dieser als World Athletics Relays verkauften inoffiziellen Staffel-Weltmeisterschaft 2021 war aber sehr umstritten. Es war vier Grad kalt damals im Mai in Polen, zuschauen durfte niemand – Corona!
Und nun also Florian Bremm im Einsatz bei einer echten, großen Weltmeisterschaft. Ein Colmberger mitten unter Spitzenläufern aus Europa, USA, Uganda, Äthiopien, Kenia und Australien. Einer, der vor drei Jahren noch darum kämpfen musste, überhaupt in den Nationalkader zu kommen.
Und der vor dem Start im Vorlauf über 5000 Meter erst einmal herzhaft gähnt. Davon wird zu reden sein am Tag danach und über die viel wichtigere Frage, wie diese WM-Premiere nun letztlich zu bewerten ist. Es war für Bremm ja schon ein großer Erfolg, sich überhaupt für Tokio zu qualifizieren. Trübt der verpasste Finaleinzug das Bild dieser WM total ein, oder bleibt da was?
Florian Bremm ist einer, mit dem man nicht unbedingt reden muss um zu erfahren, wie es ihm geht. Anschauen genügt. Er ist nach so einer Anstrengung kein smarter Performer, der für die Kameras mal eben ein Lächeln anknipst.
Schweißnass steht er kurz nach seinem Vorlauf am Sportschau-Mikrofon, reibt sich die Augen, die Nase, ist sichtlich mitgenommen, weil „relativ zügig der Stecker draußen war”, als es darauf ankam. Die Form, die er glaubte zu haben, war nicht da, um die entscheidende Tempoverschärfung mitzugehen. 16. wurde er schließlich nach 13:31,09 Minuten.
Es mag einem wie ein zynischer Witz vorkommen, aber Tatsache ist: Mit dieser Zeit hätte Bremm den zweiten Vorlauf gewonnen! Da gingen sechs der acht Finalplätze für 13:41 Minuten weg, Superstar Jakob Ingebrigtsen aus Norwegen mogelte sich als Achter mit einer 13:42 auch noch in den Endlauf.
„Das kann man nicht vergleichen, das waren zwei völlig unterschiedliche Rennen”, sagt Bremm am Tag danach, längst nicht mehr schweißnass, sondern ausgeschlafen, sattgefrühstückt und auf dem Weg in eines der Ausgehviertel der dröhnenden Millionenstadt, wo es laut ist, bunt und schrill. Nicht weit weg ist die berühmte Kreuzung, bei der, beleuchtet von den haushohen Neonreklamewänden, bis zu 2500 Leute pro Grünphase die Straßenseiten wechseln.
28-mal so viele schauten zu, als Bremm im Nationalstadion zur Startlinie schritt und die 70000 machten eine Menge Lärm, als der Japaner neben ihm vorgestellt wurde. Niemals zuvor ist Bremm vor einer größeren Kulisse gelaufen, da darf, da muss man aufgeregt sein. „Aufregung führt bei mir manchmal dazu, dass ich gähnen muss”, sagt Bremm. Das also wäre geklärt.
Nicht klären lässt sich die viel wichtigere Frage, warum er bei der Tempoverschärfung relativ schnell relativ weit zurückfiel. Das wird noch mehrfach Thema sein beim Austausch mit Trainern und Kollegen. „Fünf Minuten auf die letzten zwei Kilometer, was die Jungs da vorne gelaufen sind, das war schon Wahnsinn”, sagt Bremm, da konnte er einfach nicht mithalten. Er hatte die Beine nicht an diesem Tag, sagen Läufer gerne. Schnell gelaufen wurde auch im Finale, das Cole Hocker (USA) in 12:58,30 Minuten gewann.
Das Fazit der WM-Premiere fällt zwiespältig aus: „Ich bin sehr stolz, dabei gewesen zu sein und gleichzeitig etwas enttäuscht, weil es nicht ganz so gut gelaufen ist wie erhofft”, sagt Bremm.
Als letzte sportliche Herausforderung einer langen Saison hat er sich die Besteigung des Fuji zum Ziel gesetzt, obwohl die Saison am 3700 Meter hohen Wahrzeichen des Landes eigentlich schon vorbei ist. „An Ausdauer mangelt es mir ja nicht”, sagt Bremm.
Nach den Urlaubstagen in Japan warten noch ein paar Dienstwochen bei der Polizei in diesem Jahr und außerdem laufen schon die Planungen für das nächste, mit den Höhepunkten Europameisterschaft und Hallen-WM. Selbst die Qualifikation für die Olympischen Spiele 2028 in Los Angeles wird dann schon langsam Thema. „Da möchte ich im Finale stehen”, sagt Bremm.
Ein Leichtathlet aus der Region bei Olympischen Spielen - das gab es auch schon sehr lange nicht mehr.