Beim Gedächtnistraining geht es schnell geht es zur Sache. Wie in einer Sportstunde steht auch beim Training für das Gehirn das Aufwärmen am Anfang, obwohl es sich gar nicht um einen Muskel handelt, wie umgangssprachlich manchmal behauptet wird. Die Aufwärmübungen haben es jedenfalls gleich in sich: Bis 100 wird reihum gezählt, wobei alle Zahlen mit den Ziffern 2, 5 und 8 übersprungen werden müssen. Dann wieder rückwärts, ohne die Ziffern 3, 6 und 9. Als nächstes muss man jeweils die Quersumme der davor genannten Zahl zu jener addieren. Puh, da gerät man schon mal ins Stolpern.
Überhaupt ist der erste Eindruck der, dass alle Teilnehmerinnen erstaunlich fit sind. Ob es am guten Training durch Christa Engert und Inge Schuh liegt? Man hat ja nie den Vergleich, wie es ohne das Gedächtnistraining aussehen würde...
„Wir haben ein bestimmtes Niveau. Unsere Kurse sind nicht für Leute mit Demenz konzipiert“, erzählen Engert und Schuh. Eine Teilnehmerin sei schon fast 90 und hält immer noch gut mit. Ein idealer Einstieg ist der Übergang vom Berufsleben in den Ruhestand, um sicherzustellen, dass das Gehirn weiterhin frische Nahrung erhält. Aber auch Jüngere profitieren. „Wir hatten in einem anderen Kurs zwei junge Frauen, die an Long-Covid erkrankt waren“, erzählen die beiden Kursleiterinnen. Seit 30 Jahren geben sie ihre Kurse, fast 30 Jahre ist auch die treueste Teilnehmerin schon dabei.
Während aus Engerts Bekanntenkreis der eine oder andere sich schon bei den Kursen hat blicken lassen, ist das im Umfeld der fast zehn Jahre jüngeren Schuh anders. „Mancher hat vielleicht Angst, sich zu blamieren“, vermuten die Expertinnen. Das ist unbegründet, zeigt der Besuch in Markt Erlbach. Selbst die Kursleiterinnen haben mal einen Hänger und jedem anderen wird ebenso schnell darüber hinweg geholfen.
„Man muss eigentlich verschiedene Kurstage miterleben“, meint eine der Teilnehmerinnen. „Es gibt ganz unterschiedliche Anforderungen.“ Mal spielt das Zahlengedächtnis eine Rolle, mal das sprachliche. Mal geht es – wie heute – ums Kurzzeitgedächtnis, mal um Ereignisse, die weit zurückreichen. Auch Wissen wird erworben: Die vorangegangene Gruppensitzung stand im Zeichen Italiens, bei der nächsten werden – passend zu den anstehenden Wahlen – die US-Präsidenten im Mittelpunkt stehen.
Männer sind deutlich unterrepräsentiert. Ob das daran liegt, dass sie es nicht für nötig erachten? In den Kursen, in die sich inzwischen ein paar Vorreiter ihres Geschlechts getraut haben, bleiben sie dabei und tun dem ganzen Kurs gut, sind sich die Gedächtnistrainerinnen einig.
Über drei Jahre hinweg haben sich Schuh und Engert in verschiedenen Modulen zu Gedächtnistrainerinnen ausgebildet und seitdem beim Bundesverband für Gedächtnistraining Themen vertieft. Sieben Gruppen bieten sie an, eine in Obernzenn über die Volkshochschule, die meisten über die katholische Erwachsenenbildung. Von Anfang an betreuten sie die Gruppen als Zweierteam: „Das hat sich sehr bewährt.“ Zusammen zu lachen, hilft dabei, dass der komplizierte Mechanismus unter der Schädeldecke reibungslos funktioniert und nicht durch negative Gefühle ins Stocken gerät.
Viel Spaß macht den beiden, wenn sie zu Selbsthilfegruppen eingeladen werden. Früher waren sie manchmal in Schulen, zum Beispiel bei Projektwochen. „Das schaffen wir aber nicht mehr.“
Heute wird das Kurzzeitgedächtnis fit gemacht, auch mit Hilfe von Memotechniken wie dem Peg-System. Dabei kommen Bilder für die Zahlen zum Einsatz, welche die meisten Frauen schon auswendig kennen. Die „Zwei“ zum Beispiel ist ein Schwan. Eine lange Liste an Gegenständen muss in eine Spülmaschine geräumt werden, darunter zwei Eierbecher. Jede Zahl verknüpfen die Teilnehmer nun mit einem originellen Bild – in diesem Fall ein Schwan, der einem seine eigenen Eier im Eierbecher bringt. Und tatsächlich: es funktioniert. Jeder weiß danach noch, wie viele Eierbecher – zwei natürlich! –, Espressolöffel, Töpfe, Müslischalen und und und eingeräumt wurden.
Am Schluss gibt es jede Menge Papier. Keine Hausaufgaben, wie Christa Engert, betont, „schließlich sind wir nicht in der Schule“, sondern Lustaufgaben.
Dazwischen ist wohldosiert ein bisschen Theorie gestreut: Schon ab 30 baut sich das Gedächtnis langsam ab. Beide Kursleiterinnen kennen die Angst vor Demenz persönlich. Inge Schuhs Mutter ist daran erkrankt. Hoffnung macht ihnen eine Erkenntnis der Epigenetik: Genetische Anlagen müssen nicht zum Tragen kommen – das Gehirnjogging soll bei der Vorbeugung helfen.