Gedenkstunde in Ansbach vor einem Stück der Berliner Mauer | FLZ.de | Stage

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Veröffentlicht am 03.10.2024 18:06

Gedenkstunde in Ansbach vor einem Stück der Berliner Mauer

Mit einer Gedenkstunde hat die Stadt Ansbach am Mauerstück an der Riviera den Tag der Deutschen Einheit gefeiert. Mehrere Dutzend Menschen nahmen teil – unter ihnen die Ehrenbürger Hans Maurer und Friedrich Hilterhaus, aber auch eine Delegation der US-Armee.

Es ist seit Jahrzehnten Tradition in Ansbach, den Tag der Deutschen Einheit mit einer im besten Wortsinn unaufgeregten, aber stimmungs- und würdevollen Veranstaltung zu begehen. Daran hat sich auch 2024, 35 Jahre nach der Maueröffnung, nichts geändert. Das Bläserensemble Onoldia Brass um Ernst Berendes sorgte für die musikalische Einstimmung und begleitete die zum Abschluss gemeinsam gesungene Nationalhymne. Oberbürgermeister Thomas Deffner sorgte mit einer klugen Rede für Denkanstöße.

Er erinnerte an die Bilder vom 9. November 1989, „als sich viele Ostberliner auf den Weg Richtung Westen machten“. Sie wollten prüfen, ob die Öffnung der Grenzen wirklich „sofort, unverzüglich“ galt.

Kurzes Zeitfenster genutzt

Deffner ging aber auch auf die kaltherzige Anweisung am Grenzübergang in der Bornholmer Straße ein, wo die Grenzbeamten den Ausreisestempel gezielt auf das Foto im Pass platzierten. Diese Personen sollten später nicht zurück nach Ostberlin dürfen. So war es zumindest geplant. „Im Stasi-Jargon wurde dieses Vorgehen Ventillösung genannt“, schilderte Deffner. Man wollte sich auf diese Weise der Unzufriedenen entledigen.

Es sei ein kurzes Zeitfenster gewesen, zu dem die Wiedervereinigung möglich war. Michael Gorbatschow, der die Panzer in den Kasernen ließ. Der erste Golfkrieg noch nicht in Sicht. Rückendeckung aus Amerika. „Deutschland eilig Vaterland war das Gebot der Stunde“, befand Deffner.

Stolz und Unzufriedenheit

Deffner dankte Brigadegeneral Steven P. Carpenter aus Grafenwöhr, der mit mehreren Vertretern der US-Armee an dem Festakt teilnahm. „Sie sind bis heute eine wichtige Säule der deutschen und der europäischen Sicherheitspolitik“, sagte der Oberbürgermeister und wiederholte den Satz auf Englisch.

35 Jahre später könne man stolz vermelden, dass sich das Rentenniveau in West- und Ostdeutschland angeglichen habe. Die Arbeitslosenquote sei nach einem ersten Anstieg deutlich gefallen. Die Nato-Anbindung Deutschlands sei Teil der deutschen Erfolgsgeschichte.

Doch nicht alle Menschen bilanzieren die Wiedervereinigung als Gewinn, wie Thomas Deffner (CSU) feststellte. Neben positiven Entwicklungen habe es auch „viele Härten und sogar Benachteiligungen“ gegeben. Helmut Kohls Versprechen der blühenden Landschaften habe in vielen Köpfen Demokratie mit Wohlstand gleichgesetzt, zitierte er den Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk.

AfD und BSW als Sprachrohr für Kriegsverbrecher Putin

Das hatte natürlich mit dem westdeutschen Wirtschaftswunder und dem über Jahrzehnte dauernden Aufschwung zu tun. Weil das für die einstige DDR nicht im gleichen Maß galt, entwickelte sich Unzufriedenheit. Der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine mit seinen weitreichenden finanziellen Folgen auch für Deutschland, gepaart mit lahmender Wirtschaft, hohen Migrationszahlen und einer „herausfordernden Sicherheitslage“ seien der Nährboden, auf dem sich „extreme Parteien wie AfD und BSW zum Sprachrohr des Kriegsverbrechers Putin“ machten, so Deffner.

Aber: „Nicht politische Extreme, Populismus und Polarisierung sind das Gebot der Stunde, sondern Gemeinsinn und Kooperation. Dafür tragen wir alle Verantwortung.“

Am Stück der Berliner Mauer an der Ansbacher Riviera blickte Oberbürgermeister Thomas Deffner auf die Grenzöffnung und die Wiedervereinigung zurück. (Foto: Robert Maurer)
Am Stück der Berliner Mauer an der Ansbacher Riviera blickte Oberbürgermeister Thomas Deffner auf die Grenzöffnung und die Wiedervereinigung zurück. (Foto: Robert Maurer)
Am Stück der Berliner Mauer an der Ansbacher Riviera blickte Oberbürgermeister Thomas Deffner auf die Grenzöffnung und die Wiedervereinigung zurück. (Foto: Robert Maurer)
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