In Feuchtwangen gebautes Auto darf nach 90 Jahren auf die Rennstrecke | FLZ.de | Stage

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Veröffentlicht am 12.10.2024 14:00

In Feuchtwangen gebautes Auto darf nach 90 Jahren auf die Rennstrecke

Rauchend ums Eck: Der DKW „Lehr Spezial“ beim Roßfeld-Rennen. Am Steuer Dr. Detlef Fuchs, sein Beifahrer Dr. Hans Friedlein. (Foto: privat)
Rauchend ums Eck: Der DKW „Lehr Spezial“ beim Roßfeld-Rennen. Am Steuer Dr. Detlef Fuchs, sein Beifahrer Dr. Hans Friedlein. (Foto: privat)
Rauchend ums Eck: Der DKW „Lehr Spezial“ beim Roßfeld-Rennen. Am Steuer Dr. Detlef Fuchs, sein Beifahrer Dr. Hans Friedlein. (Foto: privat)

Dies ist die Geschichte eines Rennwagens, der erst im reifen Alter von 90 Jahren sein erstes Rennen fuhr. Eines Rennwagens, der nicht nur ein Feuchtwanger Kennzeichen trägt, sondern der in Feuchtwangen gebaut wurde. Eines Auto-Winzlings, der heuer bei den ganz Großen mitfuhr – und prompt auf Platz 3 landete.

Ein Rennwagenherz schlägt nicht gerade in dem Auto Union DKW F2, um den es hier geht. Ein winziges Zweizylinder-Motörchen mit 700 Kubikzentimetern Hubraum treibt den Zweisitzer an. 20 PS soll der Zweitakter laut Werksangabe entfalten, 25 mögen es dank ein paar moderaten Eingriffen wie etwa polierten Ansaugkanälen tatsächlich sein. Nicht viel, um damit ein Bergrennen zu bestreiten. Doch Dr. Detlef Fuchs, der heutige Besitzer des Zweisitzers, hat es getan. Kürzlich nahm er am legendären Roßfeld-Rennen bei Berchtesgaden teil.

Ein Liebling des Publikums

Unter gut 200 automobilen Veteranen war sein spartanisches 650-Kilo-Auto mit Dreigangschaltung und mechanischen Bremsen zwar beileibe nicht das schnellste, das edelste, das lauteste oder das teuerste. Aber einer der Publikumslieblinge war es doch. Denn dieser DKW ist kein Rennwagen von der Stange. Er hat seine eigene, seine ganz persönliche Geschichte.

Sie beginnt im Jahr 1934. Da verlässt der Auto Union DKW F2, Modell 1933, das Werk in Zwickau. Ein Brot- und Butter-Auto, erhältlich in den Varianten „Reichsklasse“ und „Meisterklasse“. Eines der rund 17.000 in vier Jahren gebauten Fahrzeuge dieses Typs kommt nach Feuchtwangen, in die 1926 gegründete Autowerkstatt von Hans Lehr an der Rothenburger Straße. Vater Hans, geboren 1898, und sein Sohn Georg, Jahrgang 1920, sind rennsportbegeistert. „Sie waren von den Silberpfeilen angefixt“, weiß Detlef Fuchs, der sich intensiv mit der Historie des Kleinwagens befasst hat. So nannte der Volksmund vor dem Zweiten Weltkrieg die Rennwägen aus dem Hause Mercedes und Auto Union ob deren blanker Aluminium-Karosserie. „Der C-Typ war der geistige Vater“ für das Projekt der Lehrs, so Fuchs.

Gemeinsam zerlegten sie den DKW, spendierten ihm ein filigranes Rohrkorsett und dengelten ein neues, stromlinienförmiges Heck sowie windschnittige Radverkleidungen. Für leichtes Alu reichte es nicht, gewöhnliches Stahlblech tat es auch.

1938 und 1939 bauten Vater und Sohn an ihrem Rennauto. Dann kam der Krieg. Kaum war ihr Flitzer fertig, ereilte beide der Ruf an die Front. Hurtig wurde der DKW zerlegt und in Einzelteilen versteckt, um ihn vor dem Zugriff der Armee zu bewahren.

Hans Lehr schaffte es wieder nach Hause. Georg Lehr aber ließ im Krieg sein Leben, gerade mal 22 Jahre alt. Sein Rennwagen wurde 1950 wieder zusammengebaut, doch die Garage verließ er nur selten – zur Teilnahme an Mooswiesen-Umzügen etwa. Eine Rennstrecke aber sah er laut Fuchs nie.

Zu Ehren seines Sohnes versah der Vater den schnittigen DKW mit zwei handgemachten Plaketten: „Sein Werk.“ Ein Verkauf kam für ihn nie in Frage. Selbst eine Offerte über 100.000 D-Mark habe er ausgeschlagen, berichtete 1976 die Fränkische Landeszeitung, als die Werkstatt 50 Jahre alt wurde.

Nur die Straßenseite gewechselt

Das Unternehmen von Hans Lehr wurde später von einem weiteren Georg Lehr fortgeführt, dem Neffen des gleichnamigen Rennwagen-Schöpfers. Auch er nahm hin und wieder an Oldtimer-Ausfahrten teil mit dem Einzelstück. Zu dieser Zeit hatte Detlef Fuchs bereits vorgefühlt. Er wollte sicherstellen, dass der Feuchtwanger Rennwagen in Feuchtwangen bleibt. Nach dem Tod von Georg Lehr war es soweit: Der DKW wechselte die Straßenseite. Detlef Fuchs wohnt direkt vis-a-vis der ehemaligen Werkstatt Lehr.

Das Rennauto einmal seiner eigentlichen Bestimmung zuzuführen, kam dem neuen Eigentümer zunächst nicht in den Sinn. Erst einmal nahm er ein paar kleinere optische Modifikationen vor, etwa ein neues Armaturenbrett, und er tauschte das ursprüngliche 600-Kubikmeter-Triebwerk gegen das seinerzeit ebenfalls erhältliche, etwas standfestere Pendant mit 700 Kubik. Er bekam sogar jenes Kennzeichen wieder, mit dem der Wagen am 17. Mai 1950 von Hans Lehr am Landratsamt Feuchtwangen zugelassen wurde: FEU - C 30. Einschlägigen Kontakten in der Szene, die sich mit einem so einmaligen Fahrzeug zwangsläufig ergeben, verdankte Fuchs dann die Einladung zum „Internationalen Edelweiß-Bergpreis“, dem heute alle zwei Jahre als Benefizwettbewerb veranstalteten Roßfeld-Rennen.

Da stand er nun also, der Feuchtwanger Flitzer, im Fahrerlager auf 1000 Metern Höhe zwischen Bugattis, Alfa Romeos und dicken Kompressor-Mercedes, um erstmals Rennluft zu schnuppern. Die aber bekam ihm zunächst gar nicht gut. Schon im ersten Erkundungslauf ging dem Kleinen nach der zweiten Kurve die Puste aus, erzählt Fahrer Fuchs: „Plötzlich war die Leistung weg.“ Undenkbar, so die Sechs-Kilometer-Strecke mit 550 Höhenmetern zu schaffen.

In der Höhenluft ging die Puste aus

Zurück im Fahrerlager, war guter Rat schnell gefunden: Die dünne Luft der Berge sorgte für ein zu fettes Gemisch. Luftfilter raus, und schon konnte der DKW frei durchatmen. „Der lief wie noch nie“, grinst Detlef Fuchs, der zwar „den absoluten Underdog“ steuerte, aber am Start in bester Gesellschaft war: Auf Platz drei hinter dem von Rennfahrer-Legende Hans-Joachim „Strietzl“ Stuck gelenkten Auto Union Typ C, dem großen Vorbild für das Lehr-Auto, und einem DKW F1 Monoposto.

„Am Roßfeld geht es nicht um Zeiten“, sagt Fuchs. Mit einem Höchsttempo von 105 Stundenkilometern hätte sein Methusalem da auch keine Chance gehabt. So aber reichte es für das fränkische Unikat auf Anhieb zum dritten Rang in seiner Epoche. Mit 90 Jahren direkt aufs Siegertreppchen – Hans und Georg Lehr wären stolz auf „ihr Werk“.


Wolfgang Grebenhof
Wolfgang Grebenhof
Redakteur in der Lokalredaktion Ansbach seit 1992. Schwerpunktmäßig zuständig für den Raum Leutershausen. Heimatverbunden und weltoffen, regional verwurzelt und global neugierig.
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