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Veröffentlicht am 27.02.2026 00:08

Jobangebot im Ausland: Was heißt das für die Beziehung?

Karriere-Boost oder Beziehungskrise? Ein lukratives Angebot allein reicht nicht. Paare sollten Zeitplan, Treue und Zukunft offen klären. (Foto: Christin Klose/dpa Themendienst/dpa-tmn)
Karriere-Boost oder Beziehungskrise? Ein lukratives Angebot allein reicht nicht. Paare sollten Zeitplan, Treue und Zukunft offen klären. (Foto: Christin Klose/dpa Themendienst/dpa-tmn)
Karriere-Boost oder Beziehungskrise? Ein lukratives Angebot allein reicht nicht. Paare sollten Zeitplan, Treue und Zukunft offen klären. (Foto: Christin Klose/dpa Themendienst/dpa-tmn)

Wer ein lukratives Jobangebot im Ausland bekommt, empfindet im ersten Moment wahrscheinlich Freude, Aufregung und eine Prise Stolz. Doch im zweiten Moment ploppen Fragen auf: Was ist mit meiner Beziehung? Mein Herzensmensch ist doch hier - kommt er oder sie dann mit oder müssen wir eine Fernbeziehung eingehen? Und würde ich mich im Zweifel für die Karriere oder die Beziehung entscheiden?

Nicht weniger schwere Fragen stellen sich Paartherapeutin Vera Matt zufolge dem anderen Part: „Manchem schwindet da der Boden unter den Füßen“. Soll man mitgehen und sein Leben dem Partner oder der Partnerin zuliebe hinter sich lassen? Oder bleibt man - und nimmt die räumliche Trennung in Kauf?

Guter erster Indikator: auf den Bauch hören

Laut Matt ist das Bauchgefühl ein guter erster Indikator, und zwar für beide Seiten: „Welche Bilder ploppen hoch? Welche Ängste kommen? Wird es Ihnen eng und alles zieht sich zusammen, oder wird es weit und hell?“. Wenn man dieses Gefühl übergeht und nicht miteinander bespricht, werde es schwierig, so die Paartherapeutin. Denn man könne zwar klug und analytisch an die Sache herangehen, „aber eine Beziehung ist eine Herzensangelegenheit und da geht es um Emotionen“, so Matt.

Das heißt aber nicht, den Bauch allein entscheiden zu lassen. Vielleicht sagt der spontan: Das kommt gar nicht infrage. Dann kann man Matt zufolge immer noch den Kopf befragen: „Warum fühle ich denn so? Und gibt es Wege, die Sorgen aus dem Weg zu schaffen?“. Die Therapeutin rät, zuallererst sich selbst aktiv zuzuhören, in sich hineinzufühlen, und dann einen tiefen, ehrlichen Dialog mit dem Partner oder der Partnerin zu führen.

4 Fragen, die Paaren bei der Entscheidung helfen

Bei der Entscheidung, ob man eine Fernbeziehung eingehen möchte, rät Peter Wendl Paaren, vier Fragen zu beantworten. Wendl ist Paar- und Familientherapeut, forscht an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt zu Fernbeziehungen und schreibt Bücher zum Thema.

1. Wie sieht der Zeitplan aus?

Ist der Job im Ausland zeitlich befristet oder der Wegzug auf unbestimmte Zeit? „Sie brauchen eine Perspektive“, sagt Wendl. Das betrifft auch die Frage, wie oft man sich während der räumlichen Trennung wiedersieht. Daran schließen sich weitere Fragen an, etwa: wie lang dauert die Reise und wie viele gegenseitige Besuche erlaubt unsere finanzielle Situation?

2. Was ist unsere Motivation?

Als Paar sollte man sich gemeinsam im Klaren darüber sein, was das Warum der Fernbeziehung ist. Dabei gilt es Vor- und Nachteile abzuwägen. In der Regel erwartet der oder die mit dem Jobangebot einen Mehrwert: ein besseres Gehalt, einen Karrieresprung oder einfach neue Erfahrungen. „Wohingegen der Partner oder die Partnerin zu Hause in aller Regel ein Defizit verwalten wird, weil der Mensch, den man liebt, weg ist“, so Wendl.

Das Ziel sollte sein, dass keiner von beiden nur Verlierer ist. „Wenn meine Partnerin sagt, sie möchte keine Fernbeziehung, dann brauche ich schon sehr gute Argumente, von denen unsere Beziehung auch profitiert“, so Wendl. Ein Argument könnte etwa sein, dass ein finanzieller Vorteil durch den Auslandsjob später der gemeinsamen Beziehung zugutekommt. Die Person mit Jobangebot sollte aber auch kompromissbereit sein - und vielleicht nur zwei statt vier Jahre weggehen.

Im Gegenzug sollte sich Wendl zufolge auch die andere Person fragen, ob sie ihrem Herzensmenschen zuliebe nicht Opfer bringen könnte. Zu sagen, „du hast da eine außergewöhnliche Chance und für dich halte ich das aus, eine Fernbeziehung zu leben“, könne die Beziehung auf lange Sicht sogar stärken. 

3. Schaffen wir es, einen erfüllenden Alltag allein zu kultivieren?

„Wer in der Zeit nur auf die andere Person wartet, wird scheitern - oder sich einen Ersatz suchen“, sagt Wendl. Man sollte also gut allein sein können. Gleichzeitig ist es wichtig, den Partner in der Ferne weiterhin maximal am eigenen Alltag teilhaben zu lassen. Eine gute Beziehung lebt Wendl zufolge von Liebe, Vertrauen, Kommunikation und erfüllender Erotik - gerade letztere kann bei Fernbeziehungen aufgrund der Entfernung zur Herausforderung werden. 

Paartherapeutin Matt empfiehlt, die Themen Monogamie und Treue im Vorfeld zu besprechen: „Wo hört Treue auf, was macht mich eifersüchtig, wie viel Angst vor Fremdgehen habe ich - oder sind wir bereit, die Beziehung zu öffnen?“. 

4. In welcher Lebensphase befinden wir uns?

Ob man sich für eine Fernbeziehung entscheidet, hängt auch davon ab, was man sonst noch zu leisten hat. Sind etwa Eltern zu pflegen? Oder besteht ein akuter Kinderwunsch? „Die Kinderfrage ist bei Fernbeziehungen eine ganz elementare Challenge“, sagt Beziehungsforscher Wendl. Da macht es durchaus einen Unterschied, ob man sich mit Ende zwanzig oder Mitte, Ende dreißig für eine Fernbeziehung entscheidet.

Zu der eigenen Entscheidung muss man später stehen können

Wie auch immer man sich entscheidet - vielleicht geht man ja doch als Paar gemeinsam ins Ausland - das Wichtigste ist laut Vera Matt, dass man ehrlich mit sich selbst darüber ist, dass man das wirklich so will. Gerade Frauen tendieren ihrer Erfahrung nach dazu, mit dem Partner mitzugehen, weil sie keine Fernbeziehung wollen. Wenn dann etwas nicht klappt, die Beziehung etwa in die Brüche geht oder die Frau sich eigene Karrierechancen verbaut, kann es zu Schuldzuweisungen kommen.

Oder der umgekehrte Fall: wenn sich die Person mit Jobangebot der Beziehung zuliebe gegen das Auswandern entscheiden sollte. Klappt es dann mit der Beziehung nicht, kann viel Groll entstehen. „Man darf das nicht am Partner auslassen“, sagt Matt. Sie rät: „Triff eine saubere Entscheidung, mach dir klar, dass es deine Entscheidung ist und übernimm Verantwortung dafür“.

© dpa-infocom, dpa:260226-930-741962/1


Von dpa
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