Am Rosenmontag wird Christine Lachmann 90 Jahre alt. Da Faschingssonntag war, als sie 1935 auf die Welt kam, ergibt das eine fast perfekte biografische Klammer. Selbst die Geburtsuhrzeit „Fünf vor fünf“ klingt angemessen „jeck“. Das bedeutet „närrisch“ in der Stadt, aus der sie stammt: der Karnevalshochburg Aachen.
In ihrem Leben verlief nicht alles rund. Aber eines hat sie nicht verloren: ihren rheinländischen Humor und damit ihr fröhliches Lachen. Sie reißt auch gerne mal ein Witzchen. Ihren Dialekt hat sie behalten.
Auch wenn sie an einem Faschingssonntag geboren ist, am Anfang in den Kriegsjahren war nicht an fröhliche Feiern zu denken. Im Alter von fünf Jahren verlor sie ihren Vater. Als sie sechs war, kam sie in ein Kinderheim in Hagen-Haspe, das sie erst mit knapp zwölf Jahren wieder verlassen durfte.
Gerne erinnert sie sich an Edelina, eine Nonne, bei der sie unter anderem Stopfen und Nähen gelernt hat. Während eine andere Nonne sie weniger mochte, gab ihr Edelina „Liebe in einer fremden Umgebung“. Noch heute ist die 90-Jährige ihr dankbar: „Sie hat mir viel Gutes beigebracht.“
Sie ging bis zum 14. Lebensjahr in die Volksschule in Aachen. Jungen und Mädchen seien damals getrennt gewesen, ebenso die Konfessionen, erinnert sie sich. Was sie nach der Schule gemacht hat? „Dummheiten“, antwortet sie und lacht. Mit 16 Jahren lernte sie ihren späteren Mann, Norbert Kryszkiewicz, kennen. Sie sah ihn vor dem Kino stehen und dachte sich: „ein lecker Kerlschen“. Wie erhofft sprach er sie an und sie spazierten durch Aachen und sie blieben zusammen.
Als sie 19 Jahre alt war, heiratete sie ihren Norbert, der zwei Jahre älter war. Ihr ältester Sohn war da schon geboren. „Damit haben wir nicht gewartet“, erzählt sie munter.
Dem ersten Kind folgten sieben weitere. Vier Mädchen und vier Jungen schenkte sie das Leben. Mittlerweile hat sie 21 Enkel und 36 Urenkel. „Ich hab’ sie nicht gezählt“, erklärt die Jubilarin, die selbst eine Schwester und drei Brüder hatte. Ihre Geschwister leben nicht mehr. Hart traf sie das Schicksal, als ihr Mann im Alter von 43 Jahren starb. Danach sei sie an den verkehrten Mann geraten. Mit ihm sei sie 1979 „hier nach unten“ gekommen. Ihr zweiter Mann sei tödlich verunglückt. Da hatten sie schon hier in der Stadt gelebt.
Ein paar Monate später lernte sie Klaus Lachmann kennen – „und wir haben uns dann zusammengerauft“. Zehn Monate vor der Silberhochzeit starb Klaus Lachmann im Jahr 2014. Sie zog dann von Buch am Wald, wo sie mit ihm gelebt hatte, zurück nach Rothenburg, wo sie seitdem wohnt.
Christine Lachmann war einen Großteil ihres Lebens Hausfrau, arbeitete eine Zeit lang in der AEG oder im „Mainkauf“. Danach fuhr sie Taxi in Ansbach, vorwiegend nachts. „Da hat man am besten verdient.“
Für sie war das eine erlebnisreiche Zeit. „Einen Fahrgast hab’ ich nach 100 Metern wieder rausgeschmissen“, erzählt sie. Auch einen hohen Politiker aus Ansbach durfte sie einmal fahren.
Im großen Kreis wird heute nicht gefeiert, denn die Familie ist weltweit verstreut. Der älteste Sohn lebt in Australien, der zweitälteste in Neuseeland. Mit ihm ist sie regelmäßig über Skype in Kontakt. Die Töchter leben im Rheinland, die beiden anderen Söhne in Bayern, Sohn Ingo Kryszkiewicz sogar ganz in ihrer Nähe. Sie war mit 63 Jahren einmal in Australien und ist dann allein weiter nach Neuseeland geflogen. Dort hatte sie erstmals in ihrem Leben Meer an den Füßen gespürt.
Zu ihrem Tagesablauf gehört das Zeitungslesen. „Sie ist eine Leseratte“, verlautet dazu aus dem Kreise ihrer Familie. Handy und Tablet sind für sie wichtige Utensilien. Sie ist eine sehr gläubige Frau und genießt ihr Leben. „90 Jahre ist doch kein Alter“, meint sie.