Weil Luftballons an einem Grab angebracht waren, haben sich Besucher des Stadtfriedhofes beschwert. Die Mutter hatte sie angebracht, um den Geburtstag des Sohnes zu feiern. Sie macht den Fall jetzt öffentlich, um für ein Bewusstsein für andere Trauerformen zu werben. Unterstützung bekommt sie von der Friedhofs-Verwaltung.
Das eigene Kind zu verlieren, ist mit das Schlimmste, was Eltern passieren kann. Carolin Körner und ihr Lebensgefährte haben dies 2022 erlebt. An einem Samstag ist der nicht einmal dreijährige Sohn friedlich eingeschlafen und am nächsten Morgen nicht mehr aufgewacht. Der Tod des Jungen, der kerngesund war, kam aus heiterem Himmel.
Der kleine Aaron ist auf dem Stadtfriedhof beerdigt. Das Grab ist seitdem eine Art Kinderzimmer. „Es ist seine Gedenkstätte“, sagt Carolin Körner. Dementsprechend liebevoll ist das Grab auch das ganze Jahr bunt geschmückt. Dieser Schmuck stammt nicht nur von der Familie, sondern auch von Freunden und Bekannten.
Um den vierten Geburtstag des Sohnes zu feiern, hat sie Ende April Luftballons an dem Grab angebracht. Eine halbe Stunde später rief die Friedhofs-Verwaltung an und bat darum, die Ballons zu entfernen, weil es Beschwerden gegeben hatte. „Ich war schockiert“, gibt die 32-Jährige zu. „Bisher habe ich nur positive Rückmeldungen bekommen.“
Den Fall hat sie jetzt auf Facebook öffentlich gemacht. Der Beitrag hatte bis Donnerstagabend 548 Kommentare und wurde mehr als 11.039 Mal geteilt. Einen Vorwurf will sie der Friedhofs-Verwaltung nicht machen – ganz im Gegenteil. „Die wollen mir nichts Böses.“ Vielmehr geht es ihr darum, die Toleranz und das Bewusstsein für andere Bestattungs- und Trauerformen bei den Menschen zu fördern. „Wir leben nicht mehr im Jahr 1850. Junge Menschen trauern einfach anders.“
Zudem geht es ihr um Gerechtigkeit für Mütter, die nicht so viele Möglichkeiten haben. „Der Stadtfriedhof ist da sehr tolerant.“ Frauen, die ihre Kinder gerade verloren haben, brauchen nach ihren Worten einen Ort, an den sie gehen können, um zu trauern. Carolin Körner weiß, wovon sie spricht. Als Krankenschwester hat sie oft mit Frauen zu tun, die in dieser Situation sind.
Der evangelische Dekan Dr. Matthias Büttner und Frank Weihermann, Geschäftsführer der Gesamtkirchengemeinde, bedauern den Vorfall gegenüber der FLZ. Büttner nennt es eine Verkettung unglücklicher Umstände. Der Friedhofs-Mitarbeiter hätte einen der beiden informieren müssen, so Büttner. Aber rein rechtlich habe er mit Blick auf die Friedhofssatzung richtig gehandelt, ergänzt Weihermann.
Eines machen die Verantwortlichen klar: Dass die Luftballons wieder entfernt werden mussten, ging nicht von der Verwaltung aus. Vielmehr hätten sich Besucher darüber beschwert. „Vor 20 Jahren wäre niemand auf die Idee gekommen, einen Luftballon auf einen Friedhof zu setzen“, sagt der Dekan. Aber die Zeiten haben sich geändert. „Es ändert sich die Trauerkultur.“
Büttner und Weihermann sind sich dieser Entwicklung bewusst. „Wir versuchen, hier adäquate Möglichkeiten zu schaffen, um Menschen in ihrer Trauer zu begleiten“, betont Büttner. Damit dies gelingt, sind zwei Dinge notwendig. Zum einen muss die Gestaltungsordnung des Stadtfriedhofes überarbeitet werden. „Das ist bei uns auf der Agenda“, erklärt Weihermann.
Die noch größere Herausforderung ist es aus Sicht des Dekans, bei den Menschen das Bewusstsein für diese anderen Formen der Trauer herzustellen. Er ist überzeugt: „Da lässt sich eine Brücke schlagen.“ Den Luftballon-Fall wollen die Verantwortlichen jetzt als Aufschlag nutzen, ihre Arbeit noch weiter zu verstärken. Über allem steht dabei das Ziel, dass der Stadtfriedhof ein Ort der Begegnung und ein Treffpunkt der Generationen werden soll.