Der Schriftsteller stellt sein Werk „Der Aufbruch” in seiner Geburtsstadt Rothenburg vor. Er sieht es als Abschluss der autobiografischen Aufarbeitung.
Für Manfred Kern sind seine Bücher nicht nur eine Verdienstmöglichkeit: Er verarbeitet und analysiert darin Schlüsselmomente seines Lebens. So auch in seiner neuen Arbeit. „Es ist die reifste Leistung meines Schaffens. Es ist die Summe aller anderen Bücher”, sagt der gebürtige Rothenburger. Was er damit meint? „Der Aufbruch” führt alle losen Enden seiner vorigen Erzählungen zusammen.
Kern hat sich selbst zum Vorbild seiner Hauptfigur gemacht: Der Protagonist Alexander Schütz ist wie Kern gelernter Buchhändler, will aber seine Passion als Schriftsteller ausleben. Wie der Autor zieht er mit seiner Frau nach Coburg. Und genauso scheitert er mit seinem ersten Versuch, ein erfolgreiches Buch zu veröffentlichen. Dazu kommt die Erzählweise in der Ich-Form.
Die Parallelen sind nicht nur zufällig, der 69-Jährige baut bewusst autobiografische Elemente in seine Erzählungen ein: Heimat, Kindheit, Familie. „Mein eigenes Leben ist die Grundlage meiner Geschichten”, sagt er. So stammt er von einem Hof in Wettringen, das Dorfleben spielt eine große Rolle.
Unter allen Motiven beschäftige ihn die schwierige Beziehung zu seinem Vater am meisten, ist quasi das „Kern-Thema”. Aus seiner Sicht hatte der Vater als Kriegsheimkehrer Probleme, das erlebte Trauma zu bewältigen. Dies führte zu mentalen wie physischen Konflikten innerhalb der Familie. „Erst als ich über meinen Vater schrieb, konnte ich verstehen, wie er so wurde”, erklärt Kern. Durch das Schreiben hat er post mortem Frieden mit seinem Vater geschlossen.
Überhaupt ist Kerns Familiengeschichte schwierig: In „Lose Enden” von 2023 erzählte er von der Beerdigung der eigenen Mutter. Angehörige fanden sich in dem Buch wieder, wollten per Anwalt die Verbreitung unterbinden. Erst Änderungen von Namen und die Streichung von Passagen verhinderten eine gerichtliche Auseinandersetzung.
Der Verlag wollte die Erzählung trotzdem nicht mehr verlegen. Heute ist sie auf einer eigenen Internetseite abgeändert frei zugänglich. Die Wogen innerhalb der Familie sind noch nicht geglättet: „Ich habe nur noch zu einer meiner Schwestern Kontakt.” Andere entfernte Verwandte fanden die Geschichte aber gut, berichtet er fröhlicher. „Die kamen auch gut weg.”
Neue Post vom Anwalt fürchtet Kern bei „Der Ausbruch” nicht: „Die Beziehungen innerhalb der Familie spielten keine große Rolle mehr. Dies hatte aber nichts mit dem Ärger nach ‚Lose Enden‘ zu tun.”
Kern schließt durch die Erzählung mit der Aufarbeitung seines Lebens ab: „Ich konnte nicht aufhören, bevor das fertig war. Es ist quasi der Schlussstein meiner bisherigen Bücher.” Diesen letzten Schritt, sagt er, konnte er aber erst mit dem notwendigen Überblick, der notwendigen Erfahrung machen. „Ich wollte immer etwas schreiben, in dem ich mich selbst verkörpert fühlte.”
Stolz präsentiert er ein Schreiben der befreundeten Schriftstellerin Berta Thurnherr aus der Schweiz. Sie hat „Der Aufbruch” bereits gelesen: „Dein Buch ist ein wichtiges Zeugnis eines Kindes, das einem kriegstraumatisierten Vater ausgeliefert war”, schreibt sie ihm. „Dir ist es meisterhaft gelungen.”
Weitere autobiografische Arbeiten plant er aktuell nicht mehr. Sein literarisches Schaffen ist damit aber noch nicht beendet. Zwei Gedichtbände und eine Erzählung sind fertig und warten noch auf Veröffentlichung. „Ich bin selbst gespannt, was als Nächstes kommt”, sagt er.
Was treibt ihn noch an, woher kommt seine Motivation? Eine Passage im aktuellen Buch ist markant: Der Ich-Erzähler Schütz bekennt sich darin: „Wer Bücher schreiben will, jedenfalls solche wie ich, will Ansehen für die Ewigkeit, er will bewundert werden, er will verehrt werden, ...” Gilt dies auch für Kern?
Der Autor muss lachen: „Wer einen Stift in die Hand nimmt und schreibt, muss größenwahnsinnig sein. Man muss daran glauben, das, was ich jetzt mache, ist von Bedeutung – sonst kann man es gleich sein lassen.”
Auszüge aus „Der Aufbruch” wird Manfred Kern am Mittwoch, 24. September, um 19.30 Uhr in der Rothenburger Bücherei vorlesen und erklären.