Über die deutschen Wirtschaftswunderjahre ist viel geschrieben und berichtet worden. Alles auserzählt also? Es schaut nicht danach aus. Nicht wenn jemand wie Harald Jähner das Thema anpackt. Zur Eröffnung der Ansbacher LeseLust war er mit seinem Buch über jene Jahre angereist. Er kam, las und unterhielt, blendend sogar.
„Wunderland. Die Gründerzeit der Bundesrepublik 1955–1967” heißt der opulente Band. Harald Jähner, Jahrgang 1953, schreibt darin seine Bestseller fort, in denen er sich mit der Zeit vor und nach dem Zweiten Weltkrieg beschäftigt. Seminartrockene Analysen überlässt er dabei den Historikern. Er bewegt sich eher in der Übergangszone zwischen Wissenschaft, Journalismus und Literatur. Harald Jähner war bis 2015 Feuilletonchef der Berliner Zeitung.
Als „feuilletonistisch” mag man den Wunderland-Band aber nicht leichthin rühmen. Denn das schöne deutsche Fremdwort hat einen abwertenden Unterton in dem Sinne, dass ein feuilletonistischer Text nicht mehr als eine oberflächliche Plauderei sei. Der Gedanke, dass sich über eine Sache intelligent, anregend und kurzweilig reden lässt, ohne zwangsläufig banal zu werden, ist hierzulande nie recht heimisch geworden.
Harald Jähner ist ein Geschichtserzähler, der Geschichten und Essays schreibt: über Menschen, Situationen und Zustände, über die Seelenlage der Nation und ihrer Milieus. Er tut das neugierig, vorurteilsfrei, faktensatt und pointiert. In seinen Texten verdichtet er ungezählte Einzelheiten zu brillanten Miniaturen.
Wenn er etwa kurz schildert, wie mannigfaltig sich ein Hut zum Gruße lüpfen lässt, hat man im Kleinen eine Gesellschaftsordnung und deren Veränderungen vor sich. Auch eine Fernsehsendung verrät ihm viel über Zeit und Gesellschaft. Wenn er Werner Höfers „Internationalen Frühschoppen” schaut, eine Diskussionsrunde des WDR am Sonntagmittag, passt er auf, wie oft nachgeschenkt wird: „Da hat wirklich jeder mindestens eine Flasche Wein getrunken.”
Harald Jähner stellt das bei seiner Lesung mit dem verschmitzten Lächeln eines Connaisseurs fest und erkennt den höheren Nutzen: „So haben eben die Deutschen gelernt, sich miteinander anders ins Benehmen zu setzen, als sie das unter den Nazis noch machten.”
Wie ein Flaneur streift er so durch die Gründerjahre der Republik, immer auf der Suche nach sprechenden Details, immer die großen Linien und Widersprüche im Blick. Am Ende hat man ein schillerendes Mosaik des Mentalitätswandel. Der Bergmann hat darin genauso seinen Platz wie der Playboy, die Tankstelle ebenso wie der Tante-Emma-Laden, Neckermann genauso wie Eichmann.
Weil die Matinee im Kunsthaus die LeseLust eröffnete, war wie üblich ein Block aus Grußworten vorgeschaltet und fiel mit einer halben Stunde arg lang aus. Elisabeth Meisel, die Vorsitzende des Kulturforums, Oberbürgermeister Thomas Deffner, Sebastian Gramsamer, der Vorsitzende des Lions-Hilfswerks Ansbach, und Bettina Baumann, die Leiterin der LeseLust, sprachen über die Literatur und würdigten deren Bedeutung im Allgemeinen und Besonderen. Friedrich Hilterhaus, Ansbachs allgegenwärtiger Sponsor, tat dies ebenfalls in einer launigen Rede und nahm sich dabei wie ein bürgerlicher Serenissimus aus. Elisabeth Meisel und Bettina Baumann dankte er mit Blumen.