Rothenburger Pilgerpfarrer spendet Wasser und Segen für die Füße | FLZ.de | Stage

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Veröffentlicht am 23.08.2023 11:33

Rothenburger Pilgerpfarrer spendet Wasser und Segen für die Füße

Nach dem Waschen und Abtrocknen zeichnet Pilgerpfarrer Oliver Gußmann (kniend) Roland Nusko mit dem Ölstift Kreuze auf die Füße. Gottfried Stark, Christine Iffland, und Renate Kabermann (von links) warten bereits mit ausgezogenen Schuhen und Handtüchern in der Hand bis sie dran sind. (Foto: Anna Beigel)
Nach dem Waschen und Abtrocknen zeichnet Pilgerpfarrer Oliver Gußmann (kniend) Roland Nusko mit dem Ölstift Kreuze auf die Füße. Gottfried Stark, Christine Iffland, und Renate Kabermann (von links) warten bereits mit ausgezogenen Schuhen und Handtüchern in der Hand bis sie dran sind. (Foto: Anna Beigel)
Nach dem Waschen und Abtrocknen zeichnet Pilgerpfarrer Oliver Gußmann (kniend) Roland Nusko mit dem Ölstift Kreuze auf die Füße. Gottfried Stark, Christine Iffland, und Renate Kabermann (von links) warten bereits mit ausgezogenen Schuhen und Handtüchern in der Hand bis sie dran sind. (Foto: Anna Beigel)

Pilgern ist Balsam für die Seele und eine Herausforderung für den Körper. Niemand weiß dies besser als Pfarrer Oliver Gußmann. Seit dem Jahr 2000 betreut er Pilgerinnen und Pilger, die nach Rothenburg kommen. Gerne wagt er auch mal ein besonderes Experiment.

So also sehen Füße aus, die 24 Kilometer gelaufen sind: Füße mit Schrunden, Füße mit Blasen vom vielen Laufen. Große, kleine, dicke, dünne Füße. Füße mit lackierten Zehennägeln. Füße, deren Fersen von einer harten Hornhaut überzogen sind. Oliver Gußmann füllt eine große Gießkanne mit Wasser aus einem Becken. Er holt eine Plastikwanne und einen Stift, der mit Öl gefüllt ist. Er kniet nieder vor den Gruppenmitgliedern, gießt vorsichtig Wasser über ihre nackten Füße, trocknet sie dann ganz behutsam mit einem Handtuch ab. „Ich hoffe, es kitzelt nicht so“, flüstert er dabei. Seine Stimme hat etwas Meditatives.

Als Vorbild: Papst Franziskus

Fußwaschungen haben große Bedeutung im Christentum. Papst Franziskus besucht immer wieder Gefängnisse und Behinderteneinrichtungen und wäscht dort Menschen die Füße. Egal, welcher Glaubensrichtung sie angehören. Das Ritual geht zurück auf den Gründonnerstag, an dem Jesus seinen Aposteln diesen Dienst erwies.

So wie Jesus tut auch Gußmann an diesem Tag anderen einen Dienst. Ein Tag, an dem drückende Schwüle herrscht, ab und zu durch einen leichten Windstoß gelindert. Der Himmel ist nahezu blau, nur ein paar wenige Wolken sind zu sehen. Es riecht nach Sommerabend. Zwölf Pilgerinnen und Pilger warten ungeduldig vor der Jugendherberge Roßmühle auf die Fußwaschung.

Kirche Sankt Jakob als letzte Station

Oliver Gußmann findet die Idee schön, ihnen etwas Gutes zu tun, wenn sie in Sankt Jakob ihre letzte Station haben. Er will Aktionen wie diese deshalb auch häufiger anbieten. „Es ist wichtig, Haptisches jetzt wieder zuzulassen, nach der Corona-Zeit“, sagt er.

Seit dem Jahr 2000 ist Gußmann Rothenburgs Pilger- und Touristenpfarrer. Bis vor kurzem war er außerdem Referent zum Thema Pilgern am Gottesdienstinstitut der evangelischen Landeskirche in Bayern und bildete Pilgerbegleiter aus. Die Mitglieder der Gruppe gehören zu seinem letzten Jahrgang. Ein Dutzend Tage ging der Lehrgang im vergangenen Jahr.

Im Kurs haben sie gelernt, wie man auf dem Jakobsweg Menschen begleitet, unterstützt, auch mal eingreift, wenn der Weg hart wird. Seelsorge und Erste Hilfe standen ebenfalls auf dem Plan. Zwölf Tage, zwölf Teilnehmende. Wie die zwölf Apostel. Einen Glaubenshintergrund haben sie alle, wenn auch unterschiedlich ausgeprägt. Einer ist Diakon, einer Pfarrer, eine Religionslehrerin.

Gußmann hat ein Experiment vor

Etwa eine halbe Stunde zuvor, vor der Jugendherberge. Pfarrer Gußmann kommt mit dem Fahrrad, umarmt die Wartenden. Man duzt sich. Dann verkündet er: „Ich habe heute ein Experiment mit euch vor“. Der große Mann mit dem schlaksigen Gang strahlt Ruhe aus. Gemeinsam laufen sie zur Kneippanlage. „Wer den ganzen Tag in den Wanderschuhen steckt, braucht Wellness für die Füße“, sagt er. „Noch nicht besser geworden?“, fragt ein Pilger eine Gleichgesinnte, als sie ihre geschundenen Beine zeigt.

Schließlich sind sie an diesem Tag bereits eine lange Strecke gelaufen. Von Colmberg ging es nach Rothenburg – auf dem Jakobsweg. Immer der Muschel nach. Diesmal war es nur ein Tagesausflug, die Gruppe schläft eine Nacht in der Jugendherberge und am nächsten Tag kehren alle wieder in ihre Heimat zurück. Aus Nürnberg, München und aus Thüringen beispielsweise sind sie gekommen. Und alle verbindet, dass sie bei Pilgerpfarrer Dr. Oliver Gußmann eine Ausbildung zum Pilgerbegleiter gemacht haben. Nun treffen sie sich hier wieder mit ihm.

Der „kleine Pilger-Luxus“

Ankunft an der Kneippanlage. Alle zwölf ziehen ihre Schuhe aus. Die Füße freuen sich auf Entspannung. Auf vier Bänken verteilt setzen sich die Teilnehmenden neben das Wasserbecken der Anlage. Es riecht gut, nach den Pflänzchen, die im Kräutergärtchen an der Kneippanlage wachsen und mit Schildern beschriftet sind. Estragon, Salbei, Thymian. Gußmann erklärt, was jetzt passiert und verteilt kleine Handtücher. „Hast du auch ein pinkes für mich, das würde zu meinem Nagellack passen?“, fragt Annika Wollweber mit einem Lachen. Es ist „der kleine Pilger-Luxus“, wie sie sagt. Und ja, Pfarrer Gußmann kann ihren Wunsch erfüllen.

Annika Wollweber ist Heilpraktikerin für Psychotherapie und seit vergangenem Jahr nun auch Pilgerbegleiterin. Dabei sieht sie es auch als ihre Aufgabe, schwierige Situationen auf dem Weg zu lösen. Zum Beispiel, wenn es zu heiß ist, die Nerven blankliegen. Außerdem trauen sich viele Menschen nicht, alleine zu pilgern, sagt sie. „Viele fragen mich immer, wie man das so alleine macht, als Frau“, erzählt Wollweber. Dank Pilgerbegleitung geht es.

„Fremd in der Fremde“ als Genuss

Und was gibt ihr selbst das Pilgern? Darauf gibt sie nicht immer die gleiche Antwort. Aktuell treibt sie dieses Thema um: „Fremd in der Fremde zu sein“. Die 44-Jährige genießt es, beim Pilgern mal keine Entscheidungen treffen zu müssen, einfach der Muschel zu folgen und dabei den Kopf auszuschalten. „Im Alltag müssen wir schon genug Entscheidungen treffen“, sagt Wollweber. Die Muschel steht für den Jakobsweg und gilt auch als Wegweiser.

Keiner redet mehr, jeder konzentriert sich auf das Ritual. Wenn er Fuß für Fuß abgetrocknet hat, rollt Gußmann mit dem Ölstift darüber und zeichnet jeweils ein Kreuz auf beide Seiten. Währenddessen spricht er einen Segensspruch, zugeschnitten auf die jeweilige Person. Dann schaut er den Menschen an, dem er gerade die Füße gewaschen hat. Beide lächeln. Es folgt ein „Amen“ oder „Danke“ – geflüstert, als dürfe es niemand hören. Wer schon dran war mit dem Waschen, beobachtet. Einige sitzen aber auch mit geschlossenen Augen da, scheinen in einer Art Meditation angekommen.

Als alle zwölf durch sind, steht einer der Begleiter auf und bedankt sich beim Pfarrer. Die Gruppe wirkt jetzt verändert. Viel ruhiger als zuvor an der Jugendherberge. Verbunden wie durch ein unsichtbares Band.


Anna Beigel
Anna Beigel
Redakteurin für Westmittelfranken und Landkreis Ansbach
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