Mit einem Schutzkonzept geht der Seelsorgebereich Ansbach Stadt und Land voran. Das Papier, das nun in Kraft getreten ist, soll helfen, sexualisierte Gewalt aller Art in der Kirche möglichst zu verhindern.
Sexualisierte Gewalt ist nicht nur körperlicher Missbrauch. Sexualisierte Gewalt kann die vermeintlich zufällige Berührung, der blöde Spruch oder das Kompliment mit Unterton sein. Kurz: Alles, von dem sich jemand belästigt fühlen kann.
In der katholischen Kirche im Seelsorgebereich Ansbach Stadt und Land ist bis heute kein einziger Missbrauchsfall bekannt. Darauf legt Domkapitular Dr. Norbert Jung großen Wert. Ihm ist aber auch klar, dass im Verborgenen sehr wohl etwas schlummern kann. Aber so lange nichts bekannt ist, kann es natürlich keine Aufarbeitung geben.
Die neue Ausgabe des Pfarrbriefes, der dieser Tage an die Katholiken im Seelsorgebereich zwischen Adelshofen im Nordwesten und Ansbach im Südosten sowie zwischen Wettringen im Südwesten und Trautskirchen im Nordosten verteilt wird, hat sich das Thema Missbrauch als Schwerpunkt gesetzt. Domkapitular Jung ist es ein Anliegen, dass die Gläubigen von dem 42-seitigen Schutzkonzept erfahren. Es soll kein Feigenblatt für die Schublade sein. Jung liegt das Thema am Herzen: „Die Kirche hat lange zu wenig Sorge getragen.“ Es sei an der Zeit, gegenzusteuern.
Die Fäden liefen bei Josef Leis und Patrick Pfliegel zusammen. Leis ist seit Anfang 2022 Verwaltungsleiter für den Seelsorgebereich. Pfliegel ist Beamter an der Regierung von Mittelfranken und Mitglied im Pfarrgemeinderat von St. Ludwig in Ansbach. In einem guten Jahr haben sie zusammen mit einem Team aus allen Alters- und Berufsgruppen und aus allen Ecken des Seelsorgebereichs das Konzept erarbeitet. Auf diese Weise flossen auch die verschiedenen Angebote der einzelnen Pfarreien mit ein.
Diese individuellen Unterschiede sind der Grund dafür, dass es nicht ein einziges Schutzkonzept für die gesamte Diözese Bamberg gibt. Jeder Seelsorgebereich erstellt sein eigenes. Ansbach hat vor einem Jahr in Bamberg abgeliefert. Doch bevor es in Kraft treten konnte, musste es geprüft werden.
Herausgekommen ist für den Seelsorgebereich ein Papier mit sehr konkreten Handlungsanweisungen. Zeltlager, Kommunionsvorbereitung, Mitfahrgelegenheit. Nur drei Beispiele, die das Gefahrenpotenzial eines Missbrauchs in sich bergen. Das Schutzkonzept ist um klare Handlungsanweisungen bemüht. Der Hinweis, dass sich der Priester beim Anziehen seiner Gewänder nicht von Ministranten helfen lassen soll, ist ein Beispiel. Das Einfordern eines erweiterten Führungszeugnisses selbst für Praktikanten ein anderes.
Auch für den Fall, dass Jugendliche von einem Fall sexualisierter Gewalt erzählen, gibt es Verhaltensregeln: Zuhören und ernst nehmen, aber nicht drängen. So lässt sich das zusammenfassen.
Am deutlichsten wird sich das Schutzkonzept bei den Ehrenamtlichen auswirken. Alle müssen eine Schulung durchlaufen. Die kann eine halbe Stunde dauern, bei Personen, die beim Pfarrfest am Grill stehen und sonst nichts mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben. Sie kann aber auch bis zu zwölf Stunden dauern, wenn der Kontakt intensiver ist. Die Kirche arbeitet hierzu mit dem Ansbacher Verein Rauhreif zusammen.
Dieser berät seit über 30 Jahren Betroffene sexualisierter Gewalt und bietet Präventionsmaßnahmen an. Rund 120 Namen hat Leis schon auf seiner Liste für die Schulungen. Doch er und Jung gehen davon aus, dass weitere dazu kommen. Ein gutes halbes Jahr hat der Domkapitular für die erste Schulungsrunde angesetzt.
Es soll ein Bewusstsein geschaffen werden.
Es könne natürlich sein, dass jemand nicht bereit sei, die Schulung mitzumachen und sich unter Generalverdacht gestellt fühle, räumt Jung ein. Doch für ihn ist das kein Argument, um auf die Einweisung zu verzichten. „Es soll ein Bewusstsein geschaffen werden.“ Den allermeisten Ehrenamtlichen sei das klar. Deshalb würden sie mitmachen.
Es sei gut, dass inzwischen große Anstrengungen unternommen werden, um Missbrauch in der Kirche möglichst zu verhindern, findet Jung. „Man hat hier wirklich dazu gelernt.“ Ein banales Beispiel ist der Umbau des Pfarramtes in der Karolinenstraße in Ansbach. Hier sind nun die Wohnbereiche der Geistlichen und die Büroflächen klar voneinander getrennt. Solche Maßnahmen helfen, um Grenzen aufzuzeigen.
„Ich bin überzeugt, dass unsere Kirche aus ihren Fehlern gelernt hat und immer noch lernt“, schreibt Jung im Vorwort des neuen Pfarrbriefes. „In diesem Sinn wird auch unser Schutzkonzept laufend aktualisiert werden.“
Ein Konzept mit 42 Seiten wird natürlich von vielen nicht von vorne bis hinten gelesen. Deshalb gibt es auch eine Kurzfassung auf einer DIN-A4-Seite. Diese soll in jeder Sakristei und überall dort hängen, wo Jugendarbeit stattfindet.
Unabhängig vom Schutzkonzept für den Seelsorgebereich Ansbach Stadt und Land hat im Juli auch die Arbeit an einer Studie zu Missbrauchsfällen in der Diözese Bamberg begonnen.
Das Bistum ist hierbei nur Geldgeber. Die Ausführung liegt bei der Universität Greifswald und der Psychologischen Hochschule Berlin. Die Steuerung hat die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch übernommen.
Die Forschenden haben sich bis Ende 2026 Zeit gegeben, um die Studie abzuschließen.
Betroffene sind aufgerufen, sich zu beteiligen und ihre Erfahrung zu schildern. Auf der Homepage www.kommission-bamberg.de sind die Kontaktdaten zu den Wissenschaftlern zu finden.