Schon wieder ist Krieg. Die Eskalation im Nahen Osten bewegt zwei junge Männer aus Westmittelfranken in Jerusalem unmittelbar. Dr. Linus Ubl aus Herrieden arbeitet als Stipendiat an der Hebräischen Universität, und der katholische Thelogiestudent Martin John aus Lichtenau widmet sich seinen Studien. Wie erleben sie die Lage?
Altgermanist Linus Ubl kam Anfang 2023 nach Jerusalem und lebt seitdem dort, unterbrochen von Aufenthalten anderswo. Beworben hatte er sich beim Stiftungsfonds Martin-Buber-Gesellschaft, einer Initiative der Hebräischen Universität und des Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt. In seinem Buber-Forschungsprojekt befasst er sich mit dem Suizid in der deutschsprachigen Literatur des Mittelalters.
Bleiben will der 33-Jährige bis September. Evakuieren lassen will er sich nicht. Er hält es für unsicherer, etwa nach Ägypten zu fahren: durch die Wüste, über offenes Gelände, ohne Schutzräume. Außerdem fange der Iron Dome, Israels Raketenabwehrsystem, dort nichts ab. „Da ist es gerade in Jerusalem wesentlich sicherer als an anderen Orten.”
Seinen Alltag beschreibt der Wissenschaftler so: „Man hat keinerlei Termine und ist im Homeoffice, und ich war in den vergangenen Tagen größtenteils daheim.” Man wartet auf den nächsten Alarm, und dazwischen arbeitet, isst und schläft man, wie er erzählt. Er berichtet seit Samstag vor einer Woche von vier bis fünf Alarmen pro Tag.
Einer habe ihn beim Joggen erwischt. Man gewöhne sich und versuche eben, seinen Alltag zumindest ein bisschen beizubehalten. „Ich habe das Glück und habe einen privaten Bunker, den zwei Mitbewohner, die in den anderen Appartements wohnen, und ich uns teilen.” Einschläge in ihrem direkten Umfeld erlebten Linus Ubl und Martin John bislang nicht.
Linus Ubl erklärt aber, „dass die israelische Armee auch alles zensiert, was Einschläge auf Militärgebiet betrifft”. Deshalb bekomme man im Land Schäden eigentlich nur an Zivilgebäuden mit. Es ist nicht die erste kriegerische Phase in seinem Stipendium. Im Unterschied gerade zum Zwölf-Tage-Krieg „im Juni kommt es mir von iranischer Seite aus ein wenig unkoordinierter vor”.
Er bedauert, dass im islamischen Fastenmonat Ramadan die Altstadt abgesperrt und der Tempelberg geschlossen sei. „Keiner schaut mehr nach Gaza und ins Westjordanland”, kritisiert er, „die Siedlerangriffe setzen sich unvermindert fort”. Die Hilfslieferungen nach Gaza seien zunächst gestoppt worden. Auch Purim und Ostern, Feste jüdischer und christlicher Menschen, störe der Krieg. Seine Eltern etwa wären gerne zu Ostern gekommen.
Martin John studiert an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt und ist in Eichstätt im Priesterseminar. „Da gehört es dazu, dass man ein Freijahr macht, raus aus dem Priesterseminar und der Heimatuni”, schildert er. Er entschied sich für Jerusalem. In einer Art Stipendium besucht er Vorlesungen und nimmt an Exkursionen teil.
Seit Samstag vor einer Woche „sind wir natürlich unfassbar eingeschränkt”, stellt er fest. Statt mit einem Mitstudenten zu einem Ausflug zu starten, sei an dem Tag um 8.14 Uhr der erste Alarm losgegangen. Man versuche seitdem stets, einen Schutzraum im Umfeld zu haben. „Langsam geht es, dass wir uns von unserem Haus ungefähr 15 Minuten weit entfernen.”
Der 24-Jährige lebt in einer Gruppe von zehn Studentinnen und Studenten, katholischen und evangelischen, in einem Haus, das einen Bunker bereithält. Am ersten Kriegstag hätten sie „quasi den halben Tag” dort verbracht. Da habe es geholfen, „dass beispielsweise am Sonntagnachmittag einmal Ruhe war”. Die Angriffe zehrten sehr an den Nerven der Menschen und kosteten Kraft.
Nachts sei im Bunker natürlich „jeder verschlafen, und wenn es nur einen Angriff gibt, kann man nach zehn, 15 Minuten wieder ins Bett gehen”. Tagsüber im Bunker spiele man Spiele, unterhalte sich oder mache Musik. In der Gruppe entwickle sich eine gewisse Gelassenheit.
Geplant ist, dass der Student bis Ende Mai bleibt. Ob er früher ausreist, entscheidet sich in den nächsten Tagen oder Wochen. Der Kontakt nach Hause ist intensiver geworden: „Ich versuche, meine Eltern regelmäßig anzurufen, was davor nur hin und wieder der Fall war.” Es tue ihnen gut, wenn er ihnen zeigt, dass der Alltag doch in gewisser Weise weitergeht.